Der traurige Iraker, nennen wir ihn Ayman, ist ohne Familie auf dem Glaubenberg, rund 1500 Meter über Meer. Seine Frau und die Kinder seien in der Türkei an ihrer Weiterreise Richtung Europa gehindert worden, übersetzt ein anderer Iraker Aymans Worte, der selbst kein Englisch spricht. Nun seien sie wieder zurück in der Heimat. Deshalb will Ayman so rasch wie möglich zurück in den Irak. Zwar hat er in der Schweiz ein Asylgesuch gestellt, doch nach den schlechten Nachrichten hat er entschieden, die Sache abzublasen.

Ein Asylbewerber, der aus eigenem Antrieb zurück in die Heimat will – was macht Ayman noch hier? «So schnell geht das leider nicht», sagt Adrian Arbogast. Arbogast ist beim Asylbetreuungsunternehmen ORS zuständig für die Bundeszentren. ORS-Betreuer leiten die Bundesunterkunft im Truppenlager der Armee auf dem Glaubenberg. Arbogast führt an diesem gestrigen Nachmittag die Gäste, darunter Politiker, Bundesbeamte und Journalisten, durch die Unterkunft.

Bund will bis 400 Asylsuchende auf dem Glaubenberg unterbringen: Was sagen die Einwohner von Sarnen zum grösseren Asylzentrum?

30.9.2015: Bund will bis 400 Asylsuchende auf dem Glaubenberg unterbringen: Was sagen die Einwohner von Sarnen zum grösseren Asylzentrum?

Ayman H. muss noch warten

Will ein Asylbewerber zurück in die Heimat, so nimmt die Schweiz die Hilfe der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Anspruch. Eine IOM-Mitarbeiterin kommt einmal pro Woche auf den Glaubenberg. So auch vorgestern Mittwoch. Hat es Ayman nicht mitbekommen, wie er selbst sagt? Oder hat er seinen Termin – selbst schuld – verpasst, wie es die Betreuer sagen? Er wolle zurück und auf dem Glaubenberg helfe ihm niemand dabei, beschwert sich Ayman. Er habe sogar versucht, sich das Leben zu nehmen. Um seine Worte zu unterstreichen, weist er auf seine Schuhe hin. Keine Schnürsenkel. Der übersetzende Kollege sagt: «Die haben sie entfernt, nachdem Ayman sich damit umbringen wollte.»

Auf die Geschichte angesprochen, reagiert Adrian Arbogast erstaunt. Lieber möchten er und die ORS-Angestellten nicht über solche Fälle sprechen. Aymans Schilderungen kann er nicht bestätigen. Arbogast sagt, der Mann müsse nun den Termin mit der IOM-Mitarbeiterin von nächster Woche abwarten.

Ayman hofft auf seine baldige Rückkehr, bei den anderen auf dem Glaubenberg überwiegt das Glück, es nach ihrer Flucht in die Schweiz geschafft zu haben. Und sie hoffen fest darauf, in der Schweiz bleiben zu dürfen. Die meisten von ihnen sind aus Afghanistan, Syrien oder dem Irak geflohen. Sie haben ihre Asylgesuche in einem der Erstaufnahmezentren an den Grenzen, den sogenannten Empfangs- und Verfahrenszentren des Bunds, gestellt. Bis ihre Fälle von den Spezialisten des Staatssekretariats für Migration geprüft worden sind, bleiben sie in Unterkünften des Bundes. Wie auf dem Glaubenberg: 252 Personen sind es derzeit. Die Gemeinde Sarnen, der Kanton Obwalden und der Bund nahmen wegen der zunehmenden Zahlen die Truppenunterkunft in aller Eile in Betrieb. 400 Asylsuchende hätten Platz. Der Durchlauf ist hoch: Seit Inbetriebnahme vor einem Monat waren schon 600 Asylbewerber hier oben.

Draussen liegen 30 Zentimeter Schnee. Die Betreuer beschäftigen die Menschen, so gut es geht. Arbeit gibt es keine. Gemeinde und Betreuer sind noch daran, ein Beschäftigungsprogramm auszuarbeiten. Immerhin: In der Unterkunft helfen die Flüchtlinge bei Reinigungsarbeiten und in der Küche mit. Am Nachmittag gibt es Deutschunterricht, in einem anderen Raum haben Betreuerinnen Spiele für die Kinder aufgestellt. Morgens fährt ein Shuttlebus nach Sarnen, nachmittags zurück. Es gibt Sportangebote und Fernseher.

Die anfängliche Skepsis in der Bevölkerung sei gewichen, sagen die anwesende Obwaldner Regierungsrätin Maya Büchi-Kaiser und Paul Küchler, Sarner Vize-Gemeindepräsident, übereinstimmend. Die Obwaldner haben schliesslich etwas vom Bundeszentrum: Solange Asylbewerber auf dem Glaubenberg wohnen, werden keine Flüchtlinge mehr an den Kanton zugewiesen, bei welchen der Asylentscheid positiv ist.