Japan
Flucht endet vor der Kamera - erste Schweizer kehren heim aus Japan

Kurz nach halb acht öffnen sich in der Ankunftshalle zwei in Zürich Kloten die Schiebetüren, und plötzlich ist die Katastrophe aus dem fernen Japan ganz nah. Heute kehrten die ersten Schweizer aus Japan zurück und berichten.

Benno Tuchschmid
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Die ersten Schweizer kehren aus Japan zurück
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Michael Beckendorfer «Ich bin immer noch sehr aufgewühlt. Ich habe in Tokio als Ingenieur gearbeitet. Das Beben war das eine, das war sehr stark, aber wenigstens irgendwann vorbei. Aber die Radioaktivität spürt man nicht, das ist viel bedrohlicher.»
Dominik Durrer «Ich bin froh, dass ich nun zurück bin. Ich hatte in Tokio ein sehr mulmiges Gefühl, auch weil die Informationen über Fukushima nur sehr spärlich waren.»
Louis und Christina Schlapbach Er: «Ich war 200 Kilometer südlich von Fukushima bei Freunden von uns. Sie sind sehr aufgewühlt und unglaublich enttäuscht, dass ein solch gefährliches Kraftwerk in Japan überhaupt betrieben werden durfte.» Sie: «Ich hatte keine Angst um meinen Mann, weil ich genau wusste wo er ist. Aber grosse Sorge mache ich mir um meine japanischen Freunde.»
Petra Camathias «Ich wollte raus wegen meinen zwei kleinen Kindern, aber ich fühle mich schlecht, unsere japanischen Freunde können nicht einfach weg. Eigentlich hätte wir schon am Montag ausfliegen sollen, doch der Swiss-Flug wurde gecancelt. Wir wurden mit einem unpersönlichen Mail informiert, das hat mich sehr enttäuscht.»

Die ersten Schweizer kehren aus Japan zurück

Emanuel Freudiger

Die Passagiere des Swiss-Fluges LX 2763 aus Tokio Narita blinzeln müde in die Kameras der TV-Stationen, das Empfangskomitee in der Heimat. Auch Michael Beckendorfer ist müde. Mit belegter Stimme spricht er in die acht Mikrofone, die ihm ins Gesicht gestreckt werden. Was haben Sie gedacht, als die Erde bebte? «Es soll aufhören», sagt Beckendorfer, und seine Stimme zittert leicht. Dann sprudeln die Worte aus ihm heraus und werden von den Mikrofonen aufgesogen. Er habe noch nie so etwas gespürt wie dieses Erdbeben. Aber wenigstens sei das irgendwann vorbei gewesen. «Aber die Radioaktivität spürt man nicht, das ist viel bedrohlicher», sagt er. Wie er sich fühle, fragt ein Journalist. Beckendorfer zögert. «Ich bin aufgewühlt.» Dann ziehen sich die Mikrofone wie auf Befehl zurück, die Kameras wenden sich ab. Der Befragte steht verloren in der Halle, während sich die Traube um das nächste Gesicht der Katastrophe bildet.

Louis Schlapbach steht geduldig vor der zweiten Kamera. Der ehemalige Direktor der Empa spricht nicht zum ersten Mal mit Medienvertretern. Er war in einer Stadt zu Besuch bei Freunden, 200 Kilometer südlich von Fukushima, erzählt er. «Der Alltag ist dort wieder eingekehrt, das Leben scheinbar normal. Aber wenn man mit Leuten spricht, die man kennt, wird klar: Die Menschen sind paralysiert.»

«Ich bin nur noch müde»

Bevor die nächste Frage gestellt wird, greift eine Hand zwischen den Kameras hindurch. Eine Frau mit grau melierten Haaren zieht Louis Schlapbach zu sich hin und küsst ihn. Die beiden umarmen sich. Die Frau weint. Alles geht im Crescendo der klickenden Kameras unter. Christina Schlapbach ist die Frau von Louis Schlapbach, sie wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und beteuert, dass sie keine Angst um ihren Mann hatte. «Aber ich mache mir grosse Sorgen um unsere japanischen Freunde.» Sie habe vor einem Tag mit einem Freund telefoniert. «Aber er hat sich vor allem erkundigt, wie es mir geht», sagt sie und lächelt.

Petra Camathias hat ihre kleine Tochter auf dem Arm und sagt: «Ich bin nur noch müde. Ich möchte eigentlich nur noch nach Hause und schlafen.» Doch die Mikrofone haben noch nicht genug. Ein knappes Jahr hat Camathias mit ihren beiden Töchtern und ihrem Mann in Japan gelebt. Und dort Freunde gefunden. «Ich fühle mich schlecht. Wir sind ausgereist, aber Millionen von Japanern müssen bleiben.» Wieso sind Sie dann ausgereist, fragt einer, es klingt beinahe wie ein Vorwurf. Camathias schaut etwas verdattert und sagt: «Ich habe zwei kleine Kinder.» Ihre Tochter versucht, mit den kleinen Babyhändchen ein Mikrofon zu fassen. Petra Camathias hätte schon am Montag ausfliegen wollen, der Flug war gebucht. Aber dann habe Swiss den Flug abgesagt. «Wir wurden mit einem unpersönlichen Mail informiert, das hat mich sehr enttäuscht.»

«So kommen wir nie nach Hause»

Meret Hunziker verdreht leicht die Augen, als sich der nächste Journalist zu ihr aufmacht. Sie hat in Japan eine Freundin besucht, die sie im Austauschjahr kennen gelernt hat. «Nach dem Beben habe ich erst gedacht, dass ich jetzt einfach in den Süden weiterreise.» Erst nach einem Tag habe sie gemerkt, wie schlimm das Ausmass der Katastrophe wirklich ist. Hinter ihr steht die Schwiegermutter von Petra Camathias, die noch immer belagert wird und murmelt: «So kommen wir nie nach Hause.»