Normalerweise ist das Gremium, dem der Präsident des Nationalrats und die Präsidentin des Ständerats sowie die insgesamt vier Vizepräsidenten angehören, dazu da, die Geschäftsführung und das Finanzgebaren der Parlamentsdienste zu überwachen. Nach der Stalking-Affäre um den Walliser CVP-Nationalrat Yannick Buttet aber nahm es sich für einmal ein weniger trockenes Thema vor:

Als sexuelle Belästigung gelte jedes Verhalten mit sexuellem Bezug oder aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit, das von einer Seite unerwünscht ist und eine Person in ihrer Würde verletzt, teilte die Verwaltungsdelegation den 73 Parlamentarierinnen und 173 Parlamentariern mit. Entscheidend sei nicht die Wahrnehmung des Täters, sondern jene des Opfers.

Die Erklärungen der Verwaltungsdelegation im Wortlaut.

Die Erklärungen der Verwaltungsdelegation im Wortlaut.

Damit sie in Zukunft sexuelle Belästigung von harmlosen Flirts unterscheiden können, erhielten die Politiker eine Checkliste. Ein Flirt sei «eine gegenseitige Entwicklung, aufbauend und von beiden Seiten erwünscht». Zudem «stärkt er das Selbstwertgefühl, löst Freude aus und respektiert die persönlichen Grenzen». Bei Belästigung sei genau das Gegenteil der Fall.

«Devote Huschelis»

Der Ratgeber kam nicht überall gut an. «Dieses Papier ist Realsatire, darüber lacht doch die ganze Welt», sagt der Zürcher SVP-Nationalrat Roger Köppel. Im Bundeshaus gebe es weder echten Sexismus noch sexuellen Missbrauch. «Weil sie nach medialer Aufmerksamkeit gieren, inszenieren sich dennoch einige Kolleginnen als Opfer», kritisiert Köppel. «Mit diesem Affentheater verhöhnen sie die wirklichen Opfer sexueller Übergriffe.»

Als kontraproduktiv bezeichnete seine Partei- und Ratskollegin Barbara Steinemann die Offensive der Verwaltungsdelegation: «So macht der Staatsapparat selbst im Bundeshaus aus selbstbewussten Frauen devote, hilfsbedürftige Huschelis», twitterte sie.

In der SP und bei den Grünen kommt der Ratgeber besser an. «Dass sich nun einige über uns lustig machen, ist nicht schlimm», sagt die Baselbieter Grünen-Nationalrätin Maya Graf, die auch Co-Präsidentin des Frauendachverbands Alliance F ist. «Denn auch wenn sie spotten, setzen sie sich mit dem Thema auseinander.»

Wichtiger als der Ratgeber sei, dass sich Parlamentarier in Zukunft bei Bedarf an die Fachstelle Mobbing und Belästigung wenden könnten. Hierfür hat die Verwaltungsdelegation am Mittwoch  3600 Franken gesprochen. In einem Jahr wird evaluiert, ob sich diese Ausgabe lohnt.

Eine prominente Kritikerin gibt es auch im linken Lager: «Mit diesem Papier geben wir uns der Lächerlichkeit preis», sagt Chantal Galladé (SP/ZH). «Von aussen betrachtet, könnte man meinen, im Parlament sässen unzählige Grüsel. Das aber habe ich in meinen 14 Jahren in Bern völlig anders erlebt.» Der Ratgeber sei geschrieben, als richte er sich an Teenager, kritisiert Galladé. «Er zeugt von der totalen Hysterie, die in den vergangenen Wochen ausgebrochen ist.»