Fleisch – es gibt kaum ein in der Schweiz käufliches Produkt, das im Vergleich zum Ausland derart viel teurer ist. Ein neuer Preisvergleich legt das Gefälle auf eindrückliche Weise offen: Demnach zahlen wir fürs Schnitzel oder das Würstchen im Schnitt 141 Prozent mehr als im internationalen Durchschnitt. Für die Studie, welche das deutsche Catering-Unternehmen Caterwings durchführte, wurden Verkaufspreise von Rindfleisch, Geflügel, Schweinefleisch, Lamm und Fisch verglichen.

Daraus geht hervor, dass die Schweizer Preise in allen durch Zölle geschützten Kategorien massiv viel höher sind. Zum Beispiel Rindfleisch: Es kostet bei uns 149 Prozent mehr als im Durchschnitt aller untersuchten Länder. Beim Poulet sind es gar 222 Prozent, beim Schweinefleisch 115 Prozent und beim Lamm 173 Prozent. Bei Fisch, dessen Einfuhr nicht durch Zölle behindert wird, liegt die Schweiz vorne (+49 Prozent), aber nicht auf dem Spitzenplatz.

In den Vergleich einbezogene Staaten wie Vietnam, Ägypten oder Brasilien drücken den Durchschnitt. Doch die Schweiz ist auch gegenüber europäischen Ländern zum Teil deutlich teurer. Selbst im Vergleich mit Hochlohnstaaten wie Singapur oder Hongkong nimmt die Schweiz eine Sonderstellung ein. Man könnte argumentieren, dass sich die Schweiz bei den Fleischpreisen in einer eigenen, komplett vom Rest der Welt abgekoppelten Sphäre bewegt.

Für Geringverdiener ein Luxus

Es ist nicht einfach so, dass die hohen Preise durch die Kaufkraft aufgewogen würden. Das Gegenteil ist der Fall: Ein Däne muss 1 Stunde für ein Kilo Rindfleisch arbeiten. Das Land nimmt damit den Spitzenplatz ein. Die Schweiz kommt mit 3 Stunden und 10 Minuten auf Platz 16. Beim Hühnerfleisch ist die Schweiz gar auf Platz 27. Sogar in Ländern wie Polen, Portugal, Ungarn, Griechenland oder der Türkei muss die Bevölkerung weniger lang arbeiten, um sich ein Pouletbrüstchen leisten zu können.

Gerade für Geringverdiener wird Fleisch zu einem Luxus. Sie müssen sich einschränken oder auf Billigstprodukte ausweichen. Die hohen Preise vertreiben sie zudem ins Ausland, wo sie sich mit zahlbaren Fleischprodukten eindecken. Was für Private bis zu einer Schwelle von einem Kilogramm zollfrei möglich ist, ist Wirten und Hoteliers verwehrt. Sie haben keine Wahl und müssen das teure Schweizer Fleisch ihren Gästen servieren.

Pikant ist, dass die Preisunterschiede bei den Edelstücken am kleinsten sind und bei billigem Fleisch, etwa Hackfleisch, am grössten. Das dürfte damit zu tun haben, dass Zölle auf Basis des Gewichts erhoben werden. Dadurch verteuert sich ein Filet oder Huft durch den Einfuhr-Zoll prozentual viel weniger stark als günstigeres Fleisch. Entsprechend scheint sich die Schweizer Fleischbranche mit ihrer Preispolitik darauf einzustellen.

«Bauern nicht die Hauptschuldigen»

Markus Ritter, der Präsident des Bauernverbands, nennt auf Anfrage bekannte Gründe wie Land, Löhne und Produktionsmittel für die horrenden Unterschiede. Weiter liege es auch an hohen Umwelt- und Tier-Standards. «Die Bauern sind mitschuldig, aber keinesfalls die Hauptschuldigen», sagt Ritter. Beim Fleisch sei es zum Teil so, dass die Bauern ihre Tiere gratis abgeben könnten und das Fleisch wäre immer noch viel teurer als in Deutschland. Die nachgelagerten Branchen von Verarbeitung, Handel und Verkauf seien «viel teurer als im Ausland».

Ruedi Hadorn, der Geschäftsführer des Schweizer Fleisch-Fachverbandes, sieht es gerade anders. Die Rohpreise für Fleisch würden in vielen Fällen bereits das Niveau der Ladenpreise im Ausland erreichen. Die Metzger könnten also gratis arbeiten und das Fleisch wäre trotzdem teurer als im Ausland.

Die Fleischpreise zu senken, ist für beide Vertreter nur sehr schwer vorstellbar. Markus Ritter: Wenn man den Produzentenpreis bei der Landwirtschaft drücke, habe das nur einen «kleinen Effekt auf die Fleischpreise im Laden». Ruedi Hadorn sieht auch keine «Allerweltslösung». «Angesichts der sehr komplexen Thematik würde ich mich ganz klar dagegen verwehren, einfach die Metzgerschaft zum Sündenbock zu stempeln», sagt er. «Meines Erachtens besteht ehrlicherweise die einzige Lösung in einer Angleichung des allgemeinen Kostenniveaus unseres Landes an dasjenige unserer Nachbarländer.» Markus Ritter sieht das ähnlich.

Fleischverarbeitung in der Bell Oensingen: