Es war im Juni 2005, auf dem Landsitz Bocken in Horgen über dem Zürichsee. Bundesrat Christoph Blocher steuerte schnurstracks auf die Damen-Toilette zu. «Das isch ds Wyber-WC», rief ihm einer zu. «Es hat ja keine Frauen hier», gab Blocher zurück.

Womit er recht hatte. Die Veranstaltung, die da über die Bühne ging, war die 159. Zusammenkunft des Bremer Tabakcollegiums, kurz BTC. Gastgeber der elitären und noblen Herrengesellschaft (Dresscode: Smoking) war die Schweizer Grossbank Credit Suisse. Ihr gehört auch die herrschaftliche Villa. Zu Gast waren neben vorwiegend norddeutschen Grössen viele, die in der Schweizer Wirtschafts- und Finanzwelt Rang und Namen hatten. Die CS-Teppichetage war besonders reichlich vertreten, von Alt-Bundesrat Flavio Cotti und Rainer E. Gut über Oswald Grübel zu Urs Rohner. Die UBS war da, Industrielle, Verleger, sogar der Nationalbankpräsident. Bundesrat Blocher war Hauptredner.

Das BTC ist ein Herrenklub. Es geht ums «vertrauliche, aber liberale Gespräch über Themen des Zeitgeschehens». Und, vorab, um Networking, um Geschäftsanbahnung. Dazu gehörten auch Geschäfte um Bundesbürgschaften für Hochseeschiffe.

Mehr als 100 Millionen Dollar erhalten

Im konkreten Fall in Zürich war auch ein deutscher Reeder anwesend, der für seine vier Tanker Bürgschaften von mehr als 100 Millionen Dollar vom Bund erhalten hatte. Anwesend war zudem der damalige Thurgauer Regierungsrat und heutige Ständerat Roland Eberle (SVP). Der deutsche Reeder hatte im Thurgau eine Villa mitten in der Landwirtschaftszone am See bauen dürfen, bewilligt von SVP-Regierungsrat Hans Peter Ruprecht.

Der inzwischen zum 215 Millionen Franken teuren Desaster ausgeuferte Not-Verkauf eines Teils der Schweizer Hochseeflotte hat sich lange angebahnt. Er ist auch Resultat von Filz und Vetternwirtschaft, von mangelnder Kontrolle bis bewusstem Wegschauen (Akteure siehe Grafik oben).

Im Zentrum steht gemäss heutigem Wissensstand ein langjähriger Chefbeamter und militärischer Untersuchungsrichter: Michael Eichmann, CVP, mehr als 20 Jahre lang zuständig für die Vergabe von Bürgschaften an die Reeder. Die jeweils zuständigen Wirtschaftsminister und Eichmanns direkte Vorgesetzten im Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) liessen dem Beamten weitgehend freie Hand. So wurden Eichmann unter der Delegierten für wirtschaftliche Landesversorgung, Gisèle Girgis, teure Reisen bewilligt, die von Reedern bezahlt wurden.

Vieles ging an Reeder Grunder

Viele der Bundesbürgschaften erhielt Reeder Hans-Jürg Grunder, dessen Flotte dem Bund nun die Verluste einbringt. Eichmann liess sich nach seiner Pensionierung 2012 von Grunder anstellen.

Die Grossbanken UBS und CS, beide wiederholt Gastgeber des «Tabakcollegiums», finanzierten auch die Hochseeschiffe der Pleite-Reederei. Für die Banken ein gutes, risikoloses Geschäft, da der Bund die Kredite verbürgte. Am «Tabakcollegium» war 2011 auch Eichmann zu Gast. Eine ungewöhnliche Ehre für einen Bundesbeamten. Wenig später wurden die heutigen Pleite-Tanker des Bremer Reeders an Eichmanns Freund Grunder übergeben. In der Reederei des Deutschen sass als Beirat Jean Hulliger (FDP), einst langjähriger Chef des Seeschifffahrtsamts im Aussendepartement.

Filz ohne Ende. Bald wird auch das Bundesparlament aktiv in der Sache. Mitte August kommt die Arbeitsgruppe «Hochseeschifffahrts-Bürgschaften» der Geschäftsprüfungskommission GPK zu ihrer ersten Sitzung zusammen. Die Gruppe will das Debakel untersuchen, ihr soll auch die bislang unter Verschluss gehaltene brisante Administrativuntersuchung der Eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK) zu den Bürgschaften vorgelegt werden. «Ich erwarte, dass man uns diesen Bericht integral und ungeschwärzt vorlegt», sagt SP-Nationalrätin Yvonne Feri (AG), Chefin der Arbeitsgruppe. Derzeit ist noch nicht ganz klar, ob die Gruppe vollumfänglich Zugang zu allen nötigen Akten erhält.