Mäder
Ferien in der «Scheuklappen-Schweiz» – mit neuen Erkenntnissen

Kolumnist Philipp Mäder macht Ferien in der Scheuklappen-Schweiz, also dort, wo eine Mehrheit der Bevölkerung die Zuwanderungsinitiative angenommen hat. Sind die Leute dort fremdenfeindlich?

Philipp Mäder
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Giessbachfall und das Grandhotel Giessbach am Brienzersee (Archiv)

Giessbachfall und das Grandhotel Giessbach am Brienzersee (Archiv)

Keystone

Das letzte Mal ist mir das passiert, als ich noch im Pfadihemd wanderte: Neben mir hält eine 50-jährige Frau mit dem Auto an und fragt: «Wie weit hinauf müssen Sie?» Ich antworte: «Das ist sehr nett von Ihnen. Aber ich wandere freiwillig.» Darauf sie: «Ach so. Ich dachte, Sie hätten den Bus verpasst.» Und fährt in ihrem Daihatsu 4×4 davon.

Ich gehe auf der steilen Strasse von Brienz in Richtung Axalp ins Grandhotel Giessbach. Für ein paar Tage mache ichFerien im Berner Oberland. Ich esse mit Blick auf den Brienzersee, wandere nach Iseltwald, besuche das Freilichtmuseum Ballenberg.

Dabei muss ich an das «Manifest» des Club Helvétique im aktuellen «Magazin» denken. Die elitäre Vereinigung darf dort die Schweiz unwidersprochen in zwei Lager spalten: Auf der einen Seite steht die «weltoffene, humanitäre Schweiz»: Sie hat am 9. Februar Nein zur Masseneinwanderungsinitiative gesagt. Auf der anderen Seite steht die «Scheuklappen-Schweiz»: Sie hat am 9. Februar Ja zur Masseneinwanderungsinitiative gesagt. Die «Scheuklappen-Schweiz» zieht sich laut dem Club Helvétique «in einen verstockten Nationalismus, eine neue Kleingeistigkeit und eine gefährliche Weltfremdheit» zurück. Hier herrschen «Heimatverherrlichung und Fremdenfeindlichkeit».

Die Gemeinde Brienz, auf deren Gebiet ich schlafe, hat am 9. Februar mit 59,8 Prozent Ja gesagt zur Masseneinwanderungsinitiative. Die Nachbargemeinde Iseltwald mit 64,1 Prozent. Und die andere Nachbargemeinde, Brienzwiler, gar mit 72,3 Prozent. Nach der Definition des Club Helvétique mache ich also in einer Region Ferien , in der Fremdenfeindlichkeit und Weltfremdheit den Ton angeben. Völlig klar: Hier will kein Ausländer seine Ferienverbringen – geschweige denn arbeiten.

Offenbar waren die Mitglieder des Club Helvétique schon lange nicht mehr im Berner Oberland. Denn die hiesige Realität hat nichts mit dem Bild zu tun, das man sich offenbar in den Studierstuben des Mittellandes macht. Auf der steilen Strasse Richtung Axalp ist der Verkehr internationaler als am Zürcher Central. Die nette Bernerin in ihrem Daihatsu ist in der Minderheit. Die Mehrheit der Autos kommt aus Frankreich, Deutschland, Holland, Polen, Ungarn – und wenn ein BMW mit AI-Kennzeichen überholt, so ist es ein Mietwagen mit einer verschleierten Frau auf dem Beifahrersitz. Sie alle scheinen gerne in der angeblich so fremdenfeindlichen «Scheuklappen-Schweiz» Ferien zu machen.

Das Grandhotel Giessbach könnte ohne Ausländer nicht funktionieren: An der Réception arbeitet zwar eine Schweizerin. Aber im Restaurant bedient eine Deutsche, das Zimmer räumt eine Frau mit slawischem Akzent auf. Und das Restaurant in Iseltwald, in dem ich zu Mittag esse, hat einen Berner Chef – und eine österreichische Chefin. Von der angeblichen Weltfremdheit ist in der «Scheuklappen-Schweiz» nichts zu spüren.

Vielleicht würde es auch den Mitgliedern des Club Helvétique gut tun, nicht nur über die «Scheuklappen-Schweiz» zu schreiben – sondern wieder einmal dort Ferien zu machen.

Philipp Mäder war von 2009 bis 2013 stellvertretender Chefredaktor der «Nordwestschweiz».

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