Altstetten
Das vernichtete Leben der Fulya Demir – Chronik eines Femizids

Am 13. Oktober 2021 wird die 30-jährige Fulya Demir in Zürich Altstetten getötet. Als dringend tatverdächtig gilt ihr Ehemann. Eine gemeinsame Recherche mit der SRF-«Rundschau» zeigt nun: Der Mann war vorbestraft und sass bis kurz vor der Tat im Gefängnis.

Sarah Serafini, watson.ch
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Fulya Demir, zweifache Mutter, 30 Jahre alt. Am 13. Oktober 2021 wurde sie mutmasslich von ihrem Ehemann vor ihrer Wohnung erstochen.

Fulya Demir, zweifache Mutter, 30 Jahre alt. Am 13. Oktober 2021 wurde sie mutmasslich von ihrem Ehemann vor ihrer Wohnung erstochen.

Am 13. Oktober 2021 ersticht der 47-jährige Serdar (Name der Redaktion bekannt) mutmasslich seine Ehefrau vor ihrer Wohnung in Zürich Altstetten. Es ist kurz vor 21 Uhr. Von Schreien aufgeschreckt, eilen Nachbarn ans Fenster und sehen, wie die Frau um ihr Leben kämpft. Die Wiederbelebungsversuche der Sanitäter nützen nichts. Die 30-jährige Fulya Demir verstirbt noch vor Ort. Sie hinterlässt ein 9-jähriges Mädchen und einen 7-jährigen Buben.

Am nächsten Morgen ist die Nachricht überall: «Femizid im Kreis 9», titeln die Zeitungen. Das migrantisch geprägte Bändliquartier, für das sich normalerweise kaum jemand interessiert, wird über Nacht schweizweit bekannt. Journalisten fotografieren den Tatort, den Hauseingang, die mit einem schwarzen Schimmel-Schleier überzogenen Fassaden der Siedlung. Die Nachbarn schliessen sich in ihren Wohnungen ein. Das Wort «Femizid» kennen sie nicht oder wenn, dann nur von Schlagzeilen, die bisher nichts mit ihrem Leben zu tun hatten. Es bedeutet das Töten von Frauen aufgrund ihres Geschlechts. Plötzlich ist dieses fremde Wort allgegenwärtig. Die Tragödie mitten im Quartier. Mitten in ihrem Leben.

Anlaufstellen für Opfer von häuslicher Gewalt

Häusliche Gewalt kann in allen gesellschaftlichen Kontexten vorkommen. Betroffene können sich an eine kantonale Opferhilfestelle wenden, das Frauen-Nottelefon anrufen, oder die Beratungs- und Informationsstelle für Frauen BIF kontaktieren. Männer finden Hilfe beim Mannebüro Züri. In einer akuten Gewaltsituation sollte man den Notruf der Polizei 117 anrufen.

Die Anwohner sind überfordert ab so viel Grausamkeit. Einige Tage nach der Tat treffen sie sich zu einer Gedenkfeier auf ihrem Quartierplatz. Sie stellen Kerzen um den Brunnen, halten sich an den Händen, einige weinen leise. Aus Lautsprechern tönen die metallischen Klänge einer Bağlama, einer in der Türkei traditionellen Gitarre. Eine Stimme sagt ins Mikrofon, das sei Fulyas Lieblingslied gewesen. Ein Hauch von Orient legt sich über die versammelten Trauernden.

Fulya war kurdische Alevitin. Sie kam als 18-Jährige aus der Türkei in die Schweiz, um den 17 Jahre älteren Serdar zu heiraten. Er, ebenfalls Kurde, stellte sich ihr nach der Heirat als dominant und kontrollsüchtig heraus. Es gab oft Streit, laut, im ganzen Haus hörbar. Serdars Weste war bei Weitem nicht so weiss, wie er es seine junge Ehefrau glauben liess. Wie die Recherche von watson und der SRF-«Rundschau» zeigt, war er wegen mehrerer Delikte vorbestraft und musste für ein Jahr ins Gefängnis. Nach seiner Entlassung wurde er zum mutmasslichen Mörder.

Die meisten am Gedenkanlass kannten Fulya nur flüchtig. Eine einsame Frau, die eingekesselt von ihrem Mann in einer anonymen Zweizimmerwohnung lebte. «Fulya ist die zwanzigste Frau in der Schweiz, die 2021 im häuslichen Kontext umgebracht wurde. Jede zweite Woche stirbt in der Schweiz eine Person durch die Hand des Partners oder Ex-Partners. Meistens sind es Frauen.» Das sagen an jenem Abend Aktivistinnen des Ni-una-menos-Kollektivs. Nach jedem Femizid in der Schweiz treffen sie sich, um der Opfer zu gedenken und auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen. «Keine weniger» bedeutet der Ruf ihres Protests.

Das Bändli-Quartier nimmt Abschied von einer Frau, die hier niemand wirklich gekannt hat.

Das Bändli-Quartier nimmt Abschied von einer Frau, die hier niemand wirklich gekannt hat.

Screenshot SRF

Die Versammlung auf dem Quartierplatz ist eine Mischung aus politischer Veranstaltung und Trauerfeier. Man will dem Unaussprechlichen etwas entgegensetzen können, solidarisch sein, nicht wegschauen, wenn ein Mensch in Not ist. Gleichzeitig ist es der Versuch, Abschied zu nehmen von einer Frau, über die man nur wenig weiss. Mit hundert Fragen im Gesicht blicken Fulyas Nachbarinnen, die Aktivisten und einige Quartierbewohner auf das Foto, das auf einem improvisiert aufgebauten Altar steht. Erleuchtet von Kerzenlicht zeigt es eine lächelnde Frau, auf dem Kopf einen Kranz aus gelben Schlüsselblumen. Das dunkelbraune Haar ist in den Längen aufgehellt. Die Haut zart, der Blick frech, fordernd. Dunkle Augenbrauen umrahmen Fulyas Gesicht. Eine schöne Frau, zweifellos, die viel zu früh und mit roher Gewalt aus dem Leben gerissen wurde.

Fulya Demir war Ehefrau und Mutter. Sie war eine Nachbarin, die Opfer eines Verbrechens wurde, ihr Schicksal zur Schlagzeile. Doch sie war auch eine Freundin, eine Nichte, eine Schwester. Sie war eine Tochter. Und einst war sie ein Mädchen, das unbekümmert zur Schule ging. Das sich wild und furchtlos allem entgegenstellte, das ihm in die Quere kam. Das ihren ganz eigenen Kopf hatte. Und eigene Träume.

Kindheit mit Blick aufs Meer

Fulyas Spuren führen weit weg vom Bändliquartier, in eine 3'000 Kilometer entfernte Hafenstadt in der Südtürkei. Iskenderun. In der Nacht schimmert sie orange, am Tag kann man in diesem Winter gleichzeitig auf schneebedeckte Bergspitzen und das Mittelmeer blicken. Zwei Autofahrstunden in den Osten liegt die syrische Hauptstadt Aleppo. Fünf Autofahrstunden in den Süden Libanons Hauptstadt Beirut. So eingeklemmt zwischen den verschiedenen Regionen, ist die Stadt ein Schmelztiegel der Kulturen und Religionen. Hier leben Kurden, Armenierinnen, Araber, Alevitinnen, Muslime und Katholiken.

In diesem Stadtteil von Iskenderun wuchs Fulya Demir auf. Im Hintergrund schneebedeckte Teile des Nurgebirges.

In diesem Stadtteil von Iskenderun wuchs Fulya Demir auf. Im Hintergrund schneebedeckte Teile des Nurgebirges.

Bild: watson

Es ist ihre Heimatstadt. Im März 1991 geboren, wächst Fulya mit einem älteren Bruder, einer jüngeren Schwester und ihren Eltern auf einer Anhöhe am Stadtrand in einer kleinen Wohnung auf. Das Haus steht seit einiger Zeit verlassen da. Obwohl hier niemand mehr wohnt, sieht es aus, als wäre es gar nie fertig gebaut worden. Die mintgrüne Fassadenfarbe ist beinahe abgetragen. Aus dem Dach ragen Eisenstangen. Die Mauer der Terrasse besteht lediglich aus aufeinander getürmten Ziegelsteinen.

Das Haus (links im Bild), in dem Fulya Demir mit ihrer Schwester, dem Bruder und den Eltern lebte, steht heute leer.

Das Haus (links im Bild), in dem Fulya Demir mit ihrer Schwester, dem Bruder und den Eltern lebte, steht heute leer.

Bild: watson

Hierherzukommen fällt Funda Demir schwer. Dieser Ort erinnert sie an ihre Kindheit. Glückliche Momente eigentlich, über die sich seit dem Tod ihrer älteren Schwester ein dunkler Schatten gelegt hat. Nicht nur ihre Namen ähneln sich. Funda hat dieselben grossen, dunklen Augen. Dieselben perfekt gebogenen Augenbrauen. Dieselben langen Haare. Nur ihr Blick ist anders. Zaghafter. Schüchterner.

Fulyas Schwester Funda Demir mit ihrem Ehemann am Ort ihrer Kindheit.

Fulyas Schwester Funda Demir mit ihrem Ehemann am Ort ihrer Kindheit.

Screenshot SRF

Als Kind sei sie Fulya manchmal lästig gewesen. «Sie ist sechs Jahre älter als ich und wollte nicht, dass ich dabei bin, wenn sie mit ihren Freundinnen spielte.» Sie habe ziemlich harsch sein können. «Gleichzeitig hat sie nicht zugelassen, dass jemand anderes als sie selbst böse zu mir ist. Sie hat mich immer beschützt.» Funda lächelt kurz beim Gedanken an die aufbrausende und gleichzeitig sanfte Art ihrer Schwester. Dann senkt sie den Blick und eine Träne zeichnet eine nasse Spur in ihr Make-up.

Die Nachricht vom Tod der Tochter

Es ist der 14. Oktober, als die Welt der Familie Demir zusammenbricht. Fulyas Mutter Kezban und der Vater Cemal kehren von einem Besuch bei Verwandten zurück, als vor ihrer Haustüre türkische Polizisten auf sie warten. Die Tochter in der Schweiz sei getötet worden. Der Schwiegersohn stehe unter dringendem Tatverdacht und befinde sich in Zürich in Haft. Szenen aus einem Albtraum.

Ihre Parterrewohnung ist moderner als die alte oben auf dem Hügel. Sie befindet sich in einem Gebäudekomplex nahe dem Stadtzentrum von Iskenderun. Auf schmalen Wiesenstreifen zwischen Trottoire und Hauswänden blühen Zitronen- und Olivenbäume. Im Wohnzimmer verbergen dicke Vorhänge den Blick nach draussen und machen den Raum zur Höhle. An drei Zimmerseiten stehen Sofas. Vor der vierten steht der Fernseher.

Und dort, hoch oben an der Wand, gleich unter der Deckenstuckatur, hängt das Bild von Fulya. Lächelnd, in Sommerkleidung, die langen Haare gewellt von einem gelösten Zopf, schwebt sie über den Köpfen ihrer Eltern, wie eine Heilige.

Der Vater und die Mutter. Wie das Bildnis einer Schutzheiligen schwebt das Foto von Fulya unter der Wohnzimmerdecke ihrer Eltern.

Der Vater und die Mutter. Wie das Bildnis einer Schutzheiligen schwebt das Foto von Fulya unter der Wohnzimmerdecke ihrer Eltern.

Bild: watson

Die Mutter ist von kleiner, robuster Gestalt. Ihr grauer Haaransatz fliesst in dunkle Strähnen über. Sie sieht älter aus als ihre 57 Jahre. Doch in ihrem Blick liegt ein ungebrochener Stolz, trotz der Schicksalsschläge, die sie in den letzten Jahren durchgeschüttelt haben. Zuerst der Brustkrebs, Chemotherapie, alle Haare weg. Dann der tödliche Autounfall der Schwiegertochter. Ihr Sohn wird zum Witwer. Und jetzt Fulya. Ihre vier Enkel, zwei von ihrem Sohn und die zwei Kinder von Fulya, haben keine Mutter mehr. Nur noch sie.

«Es gibt keine Beschreibung dafür, wie es ist, das eigene Kind zu verlieren. Unser Schmerz ist sehr gross.»

Die Mutter hält sich an einem Taschentuch fest, der Vater starrt mit wässrigen Augen auf den Tisch. Am schlimmsten sei, dass sie von den Schweizer Behörden keine Informationen erhielten. «Von den Kindern wissen wir nur, dass sie in einem Heim sind. Wir wissen nicht wo und können sie nicht anrufen», sagt die Mutter und bemüht sich um ein trauriges Lächeln.

Fulyas Vater, Cemal Demir, schweigt die meiste Zeit, schaut aus müden, traurigen Augen auf den Chai vor ihm auf dem Tisch, schmeisst einen Zuckerwürfel rein, rührt um. Nur einmal hellt sich sein Gesicht auf, als er von Fulyas Kindheit erzählt: «Sie war ein verrücktes Mädchen mit einem grossen Freiheitsdrang. Sie hat uns auf Trab gehalten und nicht gerne darauf gehört, was wir ihr sagten.» Auch nicht, als sie ihren zukünftigen Mann Serdar kennenlernte. Die Eltern hätten, so sagt es der Vater, Fulya von der Ehe abgeraten.

Verkupplung mit einem Gewalttäter

Vielleicht ist das eine Schutzbehauptung. Vielleicht auch nicht. Tatsache ist: Als Kupplerin zwischen Fulya und ihrem späteren Ehemann fungiert eine Tante mütterlicherseits. Sie ist mit dem Halbbruder von Serdar verheiratet und wohnt in Istanbul. Als Fulya die Tante besucht, schwärmt ihr diese von Serdar vor. Der schon seit vielen Jahren in der Schweiz wohne, wo er wie ein König lebe, nur die passende Frau fehle. Die Tante arrangiert einen Skype-Anruf zwischen den beiden. So lernen sie sich kennen.

Nach ihrem Besuch in Istanbul ist Fulya euphorisiert. Sie malt sich ihre Zukunft in der Schweiz aus und will weg. Sie sei ständig mit Serdar am Telefon gewesen, sagt die Mutter. Eines Tages sei er dann in Iskenderun aufgekreuzt, um Nägel mit Köpfen zu machen. Im Dezember 2009 wird geheiratet. Das Hochzeitsfoto zeigt eine zur Unkenntlichkeit geschminkte Fulya in den Armen eines selbstzufrieden dreinblickenden Mannes. Sie trägt ein Krönchen im Haar, rote Fingernägel und weisse Spitzenhandschuhe. Nur das pausbackige Gesicht verrät ihr jugendliches Alter.

Fulya an ihrer Hochzeit mit Serdar. Sie hoffte auf eine Zukunft in Freiheit.

Fulya an ihrer Hochzeit mit Serdar. Sie hoffte auf eine Zukunft in Freiheit.

zvg

Die Tante und der Halbbruder in Istanbul sind nicht die einzige Verbindung zwischen der Familie Demir und jener von Serdar. Ein weiterer seiner Brüder ist mit der Cousine von Fulyas Mutter verheiratet. Auch sie leben in der Schweiz. Trotzdem hätten sie nichts mit diesem Arrangement zu tun gehabt, es sei allein Fulyas Entscheidung gewesen, darauf beharren die Eltern. Weil er so viel älter war, fanden sie, passe er nicht zu ihrer Tochter. Auch Funda, die jüngere Schwester, konnte nicht verstehen, warum sich Fulya auf diesen viel älteren, unhöflichen Mann einliess. «Ich war zwölf Jahre alt, als sie in die Schweiz ging, also noch sehr jung. Trotzdem spürte ich, dass es ihr nicht um Liebe ging. Es war ein rationaler Entscheid.»

Weder Fulya noch ihre Familie wissen zu diesem Zeitpunkt, wer Serdar wirklich ist. Ein notorischer Gesetzesbrecher, der nicht vor Gewalt zurückschreckt. Auch gegenüber Frauen. Das zeigen Gerichtsunterlagen, die watson und der «Rundschau» vorliegen. Bereits vor der Hochzeit mit Fulya wird Serdar in der Schweiz straffällig. Er macht mehrmals falsche Angaben bei der Sozialhilfe. Er erpresst einen Mann und zwingt diesen unter Gewaltandrohung zur Rückzahlung eines Darlehens von 20‘000 Franken. Er fingiert er einen Autounfall, um die Versicherung zu betrügen.

Besonders alarmierend ist aber dies: Im Jahr 2012, Fulya wohnt da bereits seit drei Jahren in der Schweiz und bringt ihr erstes Kind zur Welt, stalkt Serdar während Monaten eine andere Frau. Er taucht an ihrem Arbeitsort auf, ruft sie mehrmals täglich an, schreibt ihr Nachrichten, bittet sie, sich scheiden zu lassen und einer Beziehung mit ihm eine Chance zu geben. Als sie sich nicht darauf einlässt, wird er aggressiv. Er bedroht sie, ihren Ehemann und ihre Eltern mit dem Tod. Die Polizei spricht ein Kontakt- und Rayonverbot gegen ihn aus.

Isoliert in einer engen Zweizimmerwohnung

In ihrer Wohnung ist Moni umgeben von Engeln. Sie hängen an den Wänden, stehen auf der Fensterablage neben Kerzen und Pflanzen. Das Regal im Wohnzimmer gibt Einblick in die Welt der Frau, die hier wohnt: Eine weit Gereiste, an anderen Kulturen Interessierte, ein offenes Wesen, neugierig und bodenständig. Moni lebt seit 41 Jahren in dieser Wohnung mitten im Bändliquartier. Sie lernt Fulya kennen, als diese 2009 zu ihrem Mann ein Stockwerk unter ihr zieht.

Nachbarin Moni hatte nahen Kontakt zu Fulya. Mehrmals schritt sie ein, wenn sie die Eheleute heftig streiten hörte.

Nachbarin Moni hatte nahen Kontakt zu Fulya. Mehrmals schritt sie ein, wenn sie die Eheleute heftig streiten hörte.

Screenshot SRF

Am Anfang habe sie Fulya oft traurig erlebt. «Sie sprach kein Wort Deutsch und lebte isoliert in dieser kleinen Wohnung mit diesem seltsamen Mann.» Die 64-jährige Moni ist eine wuchtige Erscheinung. Nicht wegen ihres Aussehens, sie ist klein und zierlich, es ist ihr gewinnendes Wesen, das einen sofort in Beschlag nimmt. In ihrer freundlichen Stimme liegt eine Vertrautheit, die wohlig umarmt. Bald freundet sie sich mit ihrer jungen Nachbarin an.

Fulya lernt schnell Deutsch, ist kontaktfreudig und möchte am liebsten studieren oder arbeiten. Doch Serdar erlaubt es ihr nicht, sagt, weder sie noch er müssten arbeiten, sie erhielten schliesslich Geld vom Staat. Fulya ärgert sich, dass ihr Mann so faul ist und den ganzen Tag rumsitzt. Die Ehe-Probleme beginnen früh. Sie streiten so laut, dass Moni regelmässig nach unten geht und bei dem Paar an die Wohnungstüre klopft.

Die Nachbarin hört, wie Serdar in der Wohnung Gegenstände zertrümmert. Fulya sagt ihr, sie schlage er nie. Einmal entdeckt Moni bei ihr Würgemale am Hals. Fulya will ihr aber nicht sagen, woher sie die hat. Mit den Kindern zieht Fulya Pflanzen auf dem Balkon, geht mit ihnen auf den Spielplatz oder ins Gemeinschaftszentrum. Serdar trottet dann jeweils hinter ihr her, lässt sie nicht aus den Augen. Moni sagt, als Mutter sei sie toll gewesen. Nur sei manchmal ihr aufbrausendes Temperament mit ihr durchgegangen. Und der Mann habe es ihr schwer gemacht, ihr Leben so zu leben, wie sie es wollte. «Diese Ehe war eine echte Katastrophe.»

Fulya will sich trennen. Sie erzählt ihrer Nachbarin, dass er sie kontrolliere. Ihr Handy, wohin sie geht, mit wem sie spricht. Er sei von ihr besessen. Einmal trifft Moni Fulya per Zufall in der Stadt vor dem Eingang einer Beratungsstelle für migrantische Frauen an. «Sie hat sich erkundigt, was bei einer Scheidung passiert», sagt sie. Und doch kommt es nicht zur Trennung.

Häusliche Gewalt, ein gesellschaftliches Problem

Fulya steckt fest. In einem Alltag geprägt von psychischer Gewalt, in einer Spirale, die nur in eine Richtung dreht. Fachpersonen wissen, wie schwierig es ist, daraus auszubrechen. Sie sehen häusliche Gewalt als ein grosses Problem – auch in der Schweiz. Die aktuelle Statistik aus dem Jahr 2020 verzeichnet 20‘123 polizeilich registrierte Gewalttaten im häuslichen Bereich. Die Opfer stammen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Gemeinsam haben sie lediglich eines: Sie sind in den meisten Fällen Frauen.

Die Opferberaterin Salome Gloor sagt:

«Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass häusliche Gewalt nur in gewissen familiären Kontexten passiert, aber nicht im eigenen Umfeld.»

Sie berät seit zwölf Jahren Frauen, die von Gewalt betroffen sind. Risikofaktoren für die Opfer seien, wenn sie finanziell von ihrem Partner abhängig sind, von der Aussenwelt isoliert werden und nicht auf ein soziales Netzwerk zurückgreifen können. Bei Frauen mit einer Migrationsgeschichte kumulieren sich diese Risikofaktoren. «Das hat aber nicht mit der Tatsache zu tun, dass sie migriert sind, sondern, dass sie häufiger in beengten Wohnverhältnissen leben, mehr von Arbeitslosigkeit betroffen sind und von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen werden», sagt Gloor.

Fulya zu Besuch bei der Mutter in der Türkei.

Fulya zu Besuch bei der Mutter in der Türkei.

zvg

Vielleicht schafft es Fulya nicht, sich allein aus den Fängen von Serdar zu befreien. Vielleicht macht ihr die Familie in der Türkei Druck, bei ihm zu bleiben. So zumindest soll sie es einmal gegenüber Moni geschildert haben. Vielleicht hat sie Angst, dass sie und die Kinder bei einer Trennung die Schweiz verlassen müssen.

Im März 2016, die Tochter des Paares ist drei Jahre alt, der Sohn sieben Monate, wird Serdar wegen einer Reihe von Delikten der Prozess gemacht. Das Strafgericht Basel-Landschaft verurteilt ihn wegen mehrfachen, teilweise versuchten Betrugs, räuberischer Erpressung und qualifizierter Sachbeschädigung. Im Fall der damaligen Todesdrohungen gegenüber der gestalkten Frau und ihrer Familie wird er wegen versuchter Nötigung schuldig gesprochen. Serdar legt Rekurs ein und geht bis vors Bundesgericht, doch dieses bestätigt das Urteil. Im Mai 2019 wird er zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und elfeinhalb Monaten verurteilt, davon muss er zwölf Monate in Haft absitzen.

Fulyas nahes Umfeld weiss von der Verurteilung. «Irgendetwas Krummes mit Geld hat er gemacht», sagt die Nachbarin Moni. Und die Eltern: «Es war wegen Betrug.» Dass Serdar in der Vergangenheit schon einmal Gewalt gegenüber einer anderen Frau angewandt hat, sogar einmal ein Kontakt- und Rayonverbot erhielt, wissen sie nicht. Unklar ist, ob Fulya damals selbst weiss, für welche Delikte ihr Ehemann verurteilt wird.

Er bedroht sie aus dem Gefängnis heraus

Ende September 2020 tritt Serdar seine Gefängnisstrafe an. Fulya geht es in den darauffolgenden Tagen schlecht. Sie leidet seit einem Jahr unter psychischen Problemen und konsumiert regelmässig Marihuana. Sie leidet unter Halluzinationen. Dann bricht sie zusammen. Zehn Tage muss sie stationär in der Psychiatrischen Universitätsklinik behandelt werden. Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde schaltet sich ein und platziert die zwei Kinder in einem Heim. Als Fulya aus der PUK entlassen wird, fühlt sie sich zum ersten Mal seit langer Zeit erleichtert. Serdar ist weg, die Kinder vor ihm und vielleicht auch vor ihr an einem geschützten Ort untergebracht.

«Als Serdar im Gefängnis war, blühte Fulya auf. Da merkte man, dass sie ja eigentlich eine fröhliche Frau ist.» Moni sitzt zwischen farbigen Kissen auf ihrem Sofa, in ihren Händen einen längst kalt gewordenen Tee, die nackten Füsse wippen auf dem Parkett. In Gedanken versunken schaut sie aus dem Fenster. «Fulyas Wunsch war, eine Arbeit zu finden, auf eigenen Beinen zu stehen und die Kinder zurückzuholen.»

Fulya mit ihrer Tochter. Sie sei eine fröhliche Frau gewesen, sagen die Frauen im Gemeinschaftszentrum. Und eine gute Mutter.

Fulya mit ihrer Tochter. Sie sei eine fröhliche Frau gewesen, sagen die Frauen im Gemeinschaftszentrum. Und eine gute Mutter.

zvg

Sie sei viel im Gemeinschaftszentrum gewesen. Dort nimmt man sie als aufgestellt wahr, vorlaut, manchmal provozierend, um auszutesten, wo die Grenzen des Gegenübers liegen. Sie interessiert sich für feministische Themen, wird als Kämpfernatur beschrieben. Während der Pandemie will sie helfen, erledigt Einkäufe für ältere Menschen.

Im Frühling 2021 lernt Fulya einen anderen Mann kennen. Auch er ist aus der Türkei und lebt seit längerer Zeit in der Schweiz. Weder die Nachbarin noch Fulyas Familie wissen viel über ihn. Fulya habe ihn versteckt, sagt Moni. Aber: «Ich habe sie noch nie so glücklich gesehen.» Die neu gewonnene Freiheit gibt Fulya Mut, den Schritt zu tun, den sie schon so lange tun will: Sich von Serdar zu trennen. Dieser bedroht sie aus dem Gefängnis. Fulya zeigt ihn an. Die Zürcher Staatsanwaltschaft leitet aufgrund dieser Drohung ein Verfahren gegen Serdar ein. Er wird zudem vom offenen in den geschlossenen Vollzug versetzt.

Nach Verbüssen seiner Haftstrafe, wird er am 25. September 2021 in Freiheit entlassen. 18 Tage bevor er Fulya mutmasslich tötet.

Bei den Demirs in Iskenderun werden die Teegläser erneut aufgefüllt. Der Vater Cemal tischt Baklava auf. Selbstgemacht, sagt er. Er habe früher als Bäcker gearbeitet. Unter dem Foto der lächelnden Fulya klappern Löffelchen gegen Gläser, werden klebrige Mundwinkel mit Servietten abgetupft. Als Serdar im Gefängnis war, hätten sie ihrer Tochter angeboten, zurück in die Türkei zu kommen, sagt die Mutter Kezban. «Wir hätten das Apartment neben uns für sie mieten können. Sie hätte hier mit den Kindern einziehen können.» Doch Fulya habe abgelehnt. Funda, die Schwester mit den traurigen Augen, sagt: «Sie mochte die Türkei nicht, ihr gefiel die Mentalität der Leute nicht.» Und sie hatte schon als Kind und auch später, das wird immer klarer, ihren dicken Kopf mit dem sie gegen alle Widerstände versuchte, durch die Wand zu gehen. Um sich ihren eigenen Weg zu pflügen.

Wo Serdar nach der Haft wohnt, ist unklar. Das Paar ist inzwischen offiziell getrennt. Ein Gericht hat verfügt, dass er aufgrund des Scheidungsverfahrens die eheliche Wohnung in Altstetten nicht betreten darf. Zudem ist das Verfahren wegen Drohung gegenüber Fulya weiterhin hängig. Im Gefängnis hat Serdar trainiert. Er hat abgenommen und sieht sichtlich schlanker aus. Auf Facebook präsentiert er sich im Tanktop, mit nach hinten gekämmten Haaren und strahlendem Lächeln. Seinen Beziehungsstatus stellt er auf «Single». Doch der Schein des selbstsicheren Auftritts trügt. Innerlich muss er in Rage sein. Er will seine Frau zurück. Das sagt er auch den Eltern von Fulya und gelobt, er werde für sie und seine Kinder kämpfen.

Der Handlungsspielraum der Polizei

Am Samstagabend, 9. Oktober fährt Serdar ins Bändliquartier. Fulyas Wohnung befindet sich im Erdgeschoss. Alle Rolladen sind heruntergelassen. Laut Erzählungen stellt sich Serdar unter dem Schlafzimmerfenster auf einen Stuhl und drückt den schweren Storen hoch, bis sich dieser durchbiegt und aus der seitlichen Fassung springt. Er schaut ins Zimmer und entdeckt offenbar: Fulya mit ihrem neuen Freund. Fulya ruft die Polizei. Als diese vor Ort eintrifft, ist Serdar verschwunden. Die Polizei spricht ein Kontakt- und Rayonverbot gegen Serdar aus.

Der demolierte Rollladen und der Bürostuhl unter dem Fenster zeugen von den Ereignissen kurz vor Fulyas Tod.

Der demolierte Rollladen und der Bürostuhl unter dem Fenster zeugen von den Ereignissen kurz vor Fulyas Tod.

watson

Selbst in Kreisen, die der Staatsgewalt gegenüber kritisch eingestellt sind, anerkennt man, dass die Polizei Drohungen im Kontext von häuslicher Gewalt inzwischen sehr ernst nimmt. In der Schweiz rückt sie vierzig Mal am Tag wegen häuslicher Gewalt aus. Allein im Kanton Zürich täglich siebzehn Mal. Opferberaterin Salome Gloor sagt: «Früher galt, wer Gewalt erlebt, muss selbst Schutz suchen. Heute hat die Polizei verschiedene Möglichkeiten, Massnahmen gegen den Täter zu verhängen.»

Die einschneidendste ist die Inhaftierung einer Person bis zu 48 Stunden. Voraussetzung dafür ist, dass von der Person eine unmittelbare und grosse Gefahr ausgeht, Flucht- oder Verdunkelungsgefahr besteht. Die Haft kann gegebenenfalls verlängert werden. Diese Massnahme sei aber nicht immer geeignet, sagt Gloor. Meistens suche man nach einer Alternative, die am besten ist für das Opfer und für den Täter.

Das Kontakt- und Rayonverbot werde am häufigsten ausgesprochen. «Dies ist eine deeskalierende Massnahme, welche die Polizei sofort verfügen kann. Wir bei der Opferhilfe unterstützen dann die Frauen, wenn sie dies wollen, eine Verlängerung des Verbotes bis zu drei Monaten zu erreichen.» In der Regel zeige das eine Wirkung, sagt Gloor. «Die Massnahme ist eine scharfe Warnung an den Täter. Sollte er das Verbot brechen, droht ihm eine hohe Busse oder gar eine Gefängnisstrafe.»

Ob die Polizei Serdars Gefahrenpotenzial unterschätzt hat und schärfere Massnahmen angezeigt gewesen wären, lässt sich schwer feststellen. Die Stadtpolizei Zürich schreibt auf Anfrage: «Aufgrund der vorhanden Informationen, des Verhaltens, der Aussagen und der Kooperationsbereitschaft des Tatverdächtigen mit den Behörden sowie aufgrund der gesetzlichen Vorgaben war es nach dem Vorfall vom 9. Oktober 2021 nicht möglich, weiterreichende Massnahmen als das Kontakt- und Rayonverbot auszusprechen. Leider ist es trotzdem zu dieser schlimmen Tat gekommen.» Weitere Fragen wollen aufgrund des laufenden Verfahrens weder Polizei noch Staatsanwaltschaft beantworten.

Der Todesengel ist aus dem Gefängnis

Am Dienstag, 12. Oktober, einen Tag vor der Tat, trifft Moni Fulya vor dem Haus an der Bushaltestelle. Die Nachbarin hat den Polizeieinsatz am Wochenende mitbekommen und sorgt sich. «Fulya sagte mir: Moni, ich hab ihn jetzt zweimal bei der Polizei gemeldet. Warum machen sie nicht mehr? Warum hilft man mir nicht?» Was sie Moni nicht erzählt ist, dass ihr angeboten wurde, vorübergehend in einem Frauenhaus unterzukommen. Das sagen gut unterrichtete Quellen. Doch Fulya will nicht. Sie ruft ihre Mutter an und sagt:

«Mama, mein Azrael, mein Todesengel, ist aus dem Gefängnis. Er will mich umbringen.»

Auf dem Friedhof in Witikon in Zürich liegt eine dünne Schneeschicht. Monis Schuhe sind nicht rutschfest. Vorsichtig setzt sie einen Schritt vor den anderen. Sie folgt dem Weg, der auf eine höhere Ebene führt, bis sie vor einem grossen, länglichen Kiesplatz steht, das Muslimgrabfeld, nach Mekka ausgerichtet. Moni kommt zum ersten Mal hierher. «Mir kommt es vor, als ob ich gerade noch mit ihr an der Bushaltestelle stand und sprach. Das bricht mir das Herz.»

Nachbarin Moni auf dem Friedhof.

Nachbarin Moni auf dem Friedhof.

Screenshot SRF

Ein Tag nach dieser zufälligen Begegnung ist Fulya tot. Mutmasslich erstochen vom eigenen Ehemann, vor der eigenen Haustüre. Serdar stellt sich Stunden später schwer verletzt auf einer Regionalwache. Er wird ins Spital gebracht und sitzt seither in Haft. Am Tatort erinnern Kerzen und Zeichnungen der Kinder an das grausame Verbrechen. Auf einer bunten Postkarte steht: «Liebe Mami, ich hab dich sehr vermisst. Du bist ein sehr tolles Mami. Du bist mega schön.»

Die Ohnmacht der Mutter, die müden Augen des Vaters, die Tränen der Schwester – nichts in der Welt kann ihren Schmerz wiedergutmachen, über ihren Verlust hinwegtrösten. Sie fragen sich, wie dieser Tod hätte verhindert werden können. Wer versagt hat. Wen die Schuld trifft.

Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Die Opferberaterin Gloor sagt, natürlich sei es wichtig, hinzuschauen und sich zu fragen, ob Fehler passiert sind, und was besser gemacht werden muss. Da gelte es, ehrlich und selbstkritisch zu sein. «Die traurige Wahrheit ist leider, dass sich solche Tragödien nicht zu hundert Prozent verhindern lassen.» Ob eine Frau ins Frauenhaus komme oder nicht, ein Täter eingesperrt werde oder nicht:

«Die Schaffung von mehr und schärferen Gesetzen allein wird die Situation nicht lösen und Gewaltdelikte verhindern.»

Für Gloor ist wichtig: «Jeder Femizid ist einer zu viel. Um solche Taten zu verhindern, muss viel früher angesetzt werden. Schon bei den Kindern in der Schule, bei der Gesellschaft und in der Politik. Das Kernthema ist die soziale Ungleichheit und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Wo dies nicht möglich ist, kann das zu destruktiven Bewältigungsstrategien führen – wie Gewalt und Tötung schlimmstenfalls.»

Frieren unter dem Schnee

Monis Augen suchen entlang der eingravierten Namen auf den Holztafeln. Sichtlich angespannt, die Hände um eine Kerze verkrampft, schreitet sie die Gräber ab und bleibt dann stehen. Unter dem Schnee ruht Fulyas Körper in trauriger Einsamkeit. Vor der unauffälligen Grabtafel liegt eine Bastelei mit ihrem Namen in farbigen Buchstaben aufgeklebt. Weiter nichts. Moni legt eine weisse Rose auf den Schnee, zündet die Grabkerze an und stellt sie auf das Grab.

«Was mir am meisten leid tut, sind die Kinder. Wie sagt man einem Kind: Dein Papi hat dein Mami umgebracht?»
Fulya Demirs Grab auf dem Muslimgrabfeld auf dem Friedhof Witikon.

Fulya Demirs Grab auf dem Muslimgrabfeld auf dem Friedhof Witikon.

watson

Es dämmert in Iskenderun. Wie ein rosafarbenes Tuch umhüllt das Abendlicht die Gipfel des Nurgebirges am Horizont. Bei der Familie Demir wird Geschirr weggetragen, abermals das Tischtuch gewechselt, Stühle gerückt. Die Schwester Funda kuschelt sich an die Schulter ihres Mannes Engin. Seit eineinhalb Jahren sind sie verheiratet. Als sie mit ihm zusammenkam, habe ihr Fulya gesagt:

«Schau, dass du immer auf deinen eigenen Beinen stehst. Erlaube niemandem, dich zu unterdrücken.»

Sie riet ihrer kleinen Schwester, was sie für sich selbst nicht hatte erkämpfen können.

Die Mutter sieht aus, als wäre ihrem Körper jegliche Kraft entwichen. Die Ärzte sagen, der Krebs sei zurück. Deswegen konnte sie nicht einmal zu Fulyas Beerdigung in die Schweiz reisen. Bekümmert schaut sie auf das Foto von dem leeren, schneebedeckten Grab. Dann bricht sie in klagendes Weinen aus. «Bestimmt ist ihr dort fürchterlich kalt.»

Halt gibt der Familie ihre Religion. Eine der zentralsten Glaubensinhalte der Aleviten ist die Vorstellung der Gleichheit aller Menschen. Das hilft Fulyas Vater Cemal, keine Rachegelüste gegenüber Serdar zu hegen. «Die Schweizer Gesetze werden dafür sorgen, dass er die Strafe erhält, die er verdient hat. Würde ich ihm den Tod wünschen, so wäre ich nicht anders als er selbst.»

Serdar sitzt bis zum Prozess in einem Gefängnis in Zürich. Bei einer Verurteilung wegen Mord oder Totschlag droht ihm der Landesverweis. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Dieser Artikel entstand in einer gemeinsamen Recherche von watson mit der Sendung «Rundschau» vom SRF. Der Beitrag von Samira Zingaro wird am Mittwochabend um 20.05 Uhr auf SRF1 ausgestrahlt.