Eine Bar in Baden. Pedro Schmidt, dunkle Locken, Bart, grüner Pulli, sitzt an einem der Holztische. Vor ihm ein halber Liter Bier, unter dem Tisch sein Hund. Ein Goldendoodle – ein Golden Retriever in extra flauschig dank Pudel-Anteil. Schmidt wirkt entspannt. Kaum anzumerken ist ihm, dass er mit seiner Erfindung kurz vor dem schweizweiten Durchbruch steht.

Schmidt hat ein Anti-Kater-Mittel entwickelt. «Kaex basic», so der Name, wirkt anders als etwa Alka Seltzer oder Aspirin. «Das sind Schmerzmittel», sagt Schmidt, der vor sechs Jahren seinen Master in Pharmazie an der ETH Zürich machte. Sie überdeckten lediglich die Schäden, die der Alkohol dem Körper zufügt. «Reine Symptombekämpfung.» Kaex dagegen bekämpfe die Ursachen des Katers. Was genau er damit meint, werden wir noch sehen.

Bei Pharmazeuten findet sein Mittel bereits jetzt viel Anklang: Landesweit vertreiben inzwischen über 200 Apotheken und Drogerien seine Entwicklung. Und das ist erst der Anfang. In zwei Wochen wird sein Trunk massentauglich. Coop hat Kaex als Nahrungsergänzungsmittel ins Sortiment aufgenommen. Ab 22. Oktober steht es in zwei Drittel aller Filialen des Detailhandelsriesen in den Regalen.

Wissenschaftlich erforscht

Die Idee zu Kaex kam dem heute 35-Jährigen an einem Kopfweh-Morgen vor sieben Jahren in Köln. Auf der Suche nach etwas, das Unwohlsein und Schlappheit gleichermassen vertreibt und zumindest wieder etwas Licht in die geistige Umnachtung des katergeplagten Pharmaziestudenten bringen könnte, stolperte er mit ein paar Freunden durch den Drogeriemarkt um die Ecke – vergebens. Ein solches Mittel fand er nicht. Zurück an der ETH beschloss er, einfach selber eines zusammenzumischen.

2012 schloss der in Brasilien geborene und in Wettingen aufgewachsene Schmidt sein Studium ab, vier Jahre lang arbeitete er anschliessend in der Pharmabranche. Nebenher tüftelte er an seinem Mittel. «Reverse engineered» habe er es, erklärt er. Will heissen: Der Pharmazeut hat sich dem Kater wissenschaftlich genähert. Er hat erforscht, was ihn auslöst und was genau im Körper passiert, wenn dieser am Morgen danach nach Wasser und fettigem Essen lechzt. Was geschieht in der Leber während eines Katers, was in den Muskeln, was im Hirni?

Dann ging er ans Mischen. Magnesium gegen die Müdigkeit, Calcium für die Verdauung, Betain für die Leber, Selen für die Haut. Insgesamt 25 natürliche Substanzen sollen dem Körper zurückgeben, was der Alkohol ihm geraubt hat.

Die Befunde sind derweil nur die halbe Miete. Sollte das Mittel funktionieren, musste es getestet werden. Schmidt nimmt einen grossen Schluck vom vollen Bierglas und konstatiert: «Ich war selbst überrascht, wie gut es wirkt.» Lebte er nun jahrelang im Dauersuff, um seine Erfindung zu verbessern? Schmidt winkt ab. Er habe sein Mittel an Kollegen verteilt. Die Rückmeldungen seien grösstenteils positiv gewesen. Immer wieder habe er gehört, dass er es auf den Markt bringen müsse. Dabei habe er zu Beginn daran gar nicht gedacht. «Mir ging es um die wissenschaftliche Neugier», sagt er.

Kein schlechtes Gewissen?

Ende 2015 beschloss Schmidt dann aber doch, sein Mittel auf den Markt zu werfen. Er kündigte seinen Job, kratzte sein Erspartes zusammen und sammelte Geld bei Familie und Freunden. Schnell hatte er mehr zusammen, als er für die erste Finanzierungsrunde brauchte. Einer der Jugendfreunde, der heute in der Geschäftsleitung sitzt, kümmert sich mit seiner Firma um Distribution und Lagerung. Produzieren lässt Schmidt in Deutschland.

Und so ging er also los – nicht zu den Apotheken, sondern direkt zu den drei Grossverteilern, die sämtliche Apotheken in der Schweiz beliefern, verrät er. Diese führten jeweils rund 80 000 Produkte in ihren Sortimenten und seien eher bereit, neue Produkte aufzunehmen als die Apotheken, deren Verkaufsräume meist nicht grösser als eine gewöhnliche Stube sind. Um Nachfrage zu generieren, setzte Schmidts Start-up vor allem auf soziale Medien. Je mehr Leute dann bei den Apotheken nach Kaex fragten, desto interessanter sei das Produkt für die Apotheker geworden.

Und der moralische Aspekt? Zwar geht der Alkoholkonsum in der Schweiz tendenziell zurück. Aber gesoffen wird immer noch genug. Ist es da in Ordnung, ein Mittel zu vertreiben, das die Folgen des Alkohols mildern soll? Ist das nicht geradezu eine Einladung, doch noch das eine Bier mehr zu trinken, als eigentlich gut wäre? Schmidt meint, das Gegenteil sei der Fall. «Kaex macht ja ausdrücklich auf die schädliche Wirkung des Alkohols aufmerksam. Und je mehr ich darüber weiss, desto bewusster gehe ich damit um.»

Dass Kaex nun bald auch im Detailhandel verkauft wird, dürfte den Apotheken übrigens gar nicht schmecken. «Die werden nicht wirklich Freude daran haben», sagt Kater-Zähmer Schmidt. Für die Apotheken soll es jedoch bald eine Weiterentwicklung geben: Kaex plus, mit Schmerzmittel, für die richtig schlimmen Tage. Was die Verbreitung von Kaex basic angeht, könnte bald auch ein ungeschriebenes Gesetz greifen: Wenn ein Trendprodukt bei Coop gut läuft, lässt sich normalerweise auch die Migros nicht lange bitten.

Auf dem Tisch in Baden steht das zweite Bier. Darunter wuselt Chewie, der Hund, wild herum, denn unter dem Nachbartisch hat ein Artgenosse Platz genommen. Schmidt spricht über die Zukunft. Mit professionellen Investoren und grossem Marketing-Budget – unter anderem wird Kaex in der neuen Bachelor-Staffel zu sehen sein – soll schon bald der Sprung ins benachbarte Ausland folgen. Ob Schmidt und seine Mitstreiter darauf mit «Prost», «Salute» oder «Santé» anstossen, steht allerdings noch nicht fest.