jacqueline Fehr
Fehr baut mit viel Machtkalkül Brücken

Sie hat die Mutterschaftsversicherung zustande gebracht, punktete bei Kinderkrippen. Dabei gelang es ihr, erfolgreich Brücken ins bürgerliche Lager schlagen. Wird man so Bundesrätin? Die SP-Nationalrätin und ihre Trümpfe.

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Fehr baut mit viel Machtkalkül Brücken

Fehr baut mit viel Machtkalkül Brücken

Christof Forster

Manchmal sind es scheinbar beiläufige Sätze, die einen offenbarenden Blick auf eine Person gewähren. Als klar wurde, dass der Zürcher Ueli Maurer und nicht der Berner Adrian Amstutz für die SVP in den Bundesrat kommt, sprach ein Journalist Jacqueline Fehr auf ihre schwindenden Chancen an. Mit der Wahl Maurers stiegen die Aktien der Bernerin Simonetta Sommaruga. Worauf die Zürcher SP-Nationalrätin antwortete: «Wenn Sie mich kennen würden, dann wissen Sie, dass ich mich noch nie von Hindernissen habe entmutigen lassen.» Jacqueline Fehr, die Kämpferische und Ehrgeizige.

Ein solches Hindernis hat sie sich im Jahr 2000 selbst in den Weg gelegt, als sie SP-Präsidentin Ursula Koch öffentlich zum Rücktritt aufforderte. Koch ging und Fehr, damals Ko-Präsidentin der SP-Frauen, musste für ihr Vorpreschen büssen. Sie scheiterte bei der Wahl für das Präsidium klar gegen einen wenig bekannten Gegenkandidaten. Fehr zog daraus ihre Schlüsse und konzentrierte sich fortan auf die Sachpolitik.

Als Vermittlerin überschätzt?

Zu den grössten Erfolgen der Mutter zweier Kinder gehört die Mutterschaftsversicherung, die sie zusammen mit dem damaligen Gewerbeverbandsdirektor und FDP-Nationalrat Pierre Triponez initiierte und die dann vom Volk gutgeheissen wurde. Es gelang ihr auch, eine Mehrheit für Bundesmittel zugunsten von Kinderkrippen zu zimmern. Solche Leistungen trugen ihr den Ruf einer Brückenbauerin ein. Sie sei bereit, für einen Kompromiss ein Stück weit von ihren klar linken Positionen abzurücken, sagt eine FDP-Politikerin. Andere finden, sie werde zu stark als Vermittlerin gefeiert. Jeder gute Politiker mache Konzessionen, um seine Kernanliegen durchzubringen. Wenn es nicht um Familien- oder Gesundheitspolitik gehe, sei viel Staatsgläubigkeit und wenig Pragmatismus spürbar.

Die 47-jährige Fehr, aufgewachsen in einer Arbeiterfamilie, ist eine klassische Sozialdemokratin. Sie politisiert leicht links der Mitte der SP-Fraktion, auf dem Ideologiebarometer näher bei Christine Goll als bei Pascale Bruderer. Die SP-Vizepräsidentin kritisiert ihre Partei auch wieder, aber nur dort, wo es nicht wehtut. Dafür hat sie mittlerweile ihren Instinkt für die Macht zu stark geschärft.

Die gelernte Seklehrerin und heutige Projektarbeiterin fällt auf durch schnelles Denken und präzise Urteilskraft. So gelingt es ihr immer wieder, die politischen Gegner zu überrumpeln. Dennoch wird sie von diesen als charmant und geschickt im Umgang geschildert. SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi, der seit langem mit ihr über soziale Themen streitet, lobt ihre Teamfähigkeit. Angesichts der Streitereien im Bundesrat wird dieser Aspekt bei der Kandidatenkür höher gewichtet als bei früheren Wahlen.

Die roten Haare sind weg

Wenige zweifeln, dass Fehr diese Chance nicht ergreifen wird. Bundesratsambitionen sagt man ihr schon lange nach. Inzwischen hat sie sich auch äusserlich fit getrimmt für das Amt. Die roten Haare sind weg und ihre Accessoires dezenter. Sie ist femininer geworden, sagt eine bürgerliche Nationalrätin. Auf ihrer Homepage hat sie sich, bereits staatsmännisch zweisprachig, bis Mitte August verabschiedet.

So wie sie mit grossem taktischem Geschick Allianzen mit dem politischen Gegner schmiedet, dürfte sie auch jetzt vorgehen. Sie startet zwar mit Rückstand auf Topfavoritin Sommaruga ins Rennen. Doch die Bürgerlichen werden sich gut überlegen, ob sie ein Jahr vor den Wahlen den Superstar der SP in den Bundesrat befördern. Fehr wäre eine mit gutem Gewissen wählbare Alternative zur Berner Ständerätin.

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