Schweiz

Fehler im Umgang mit Mobbing und Belästigung? SRG-Verwaltungsrat macht Druck auf Generaldirektor Gilles Marchand

SRG-Generaldirektor Gilles Marchand steht unter Beobachtung.

SRG-Generaldirektor Gilles Marchand steht unter Beobachtung.

Reagierte Gilles Marchand in Genf angemessen, als Mitarbeiter Fälle von sexueller Belästigung meldeten? Das wird nun abgeklärt.

SRG-Generaldirektor Gilles Marchand hatte sich gefreut auf diese Woche. Heute Samstag wird die Plattform «Play Suisse» lanciert. Die Nutzer können Serien, Filme und Dokumentationen der SRG-Sender auf dem Fernseher, Smartphone und Computer streamen. Für Marchand zeigt das Projekt, wie die SRG die digitale Transformation meistert und über die Sprachgrenzen zusammenarbeitet.

Doch nun muss sich Marchand plötzlich mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Grund sind die Fälle von sexueller Belästigung und Mobbing beim Westschweizer Fernsehen (RTS), über welche die Zeitung «Le Temps» vor einer Woche berichtete. Die Vorwürfe fallen zu einem guten Teil in die Amtszeit Marchands als Fernsehchef in Genf von 2001 bis 2017.

Der Verwaltungsrat der SRG kündigte am Mittwoch an, er werde die «Verantwortungskette» untersuchen lassen. Was heisst das? Lässt der Verwaltungsrat abklären, ob die Vorgesetzten professionell und angemessen auf die Vorwürfe reagiert haben? «Ja», antwortet der Verwaltungsratspräsident Jean-Michel Cina auf eine Anfrage dieser Zeitung.

RTS-Angestellte demonstrieren in Lausanne.

RTS-Angestellte demonstrieren in Lausanne.

Die Prüfung durch eine unabhängige Stelle werde aufzeigen, ob die involvierten Stellen ihre Verantwortung korrekt wahrgenommen hätten oder ob es Unterlassungen oder Verletzungen von Vorgaben gegeben habe. Damit gerät Marchand unter Druck. Der Verwaltungsrat lässt die Reaktion des SRG-Chefs auf die Fälle überprüfen.

Die Vorwürfe der Belästigung und des Mobbings richten sich unmittelbar gegen drei RTS-Angestellte. Zwei von ihnen sind inzwischen suspendiert worden; der dritte, der bekannte Fernsehmoderator Darius Rochebin, war im September zu einem französischen Sender gewechselt.

Marchand darf nicht mehr mit den Medien reden

Der SRG-Verwaltungsrat entzieht Marchand auch die Zuständigkeit für die Kommunikation über die Vorfälle bei RTS. Diese Zeitung führte mit Marchand am Dienstag ein Interview, in dem auch die Belästigungen zur Sprache kamen. Am Donnerstag hätte das Gespräch abgedruckt werden sollen. Der Verwaltungsrat verhinderte dies mit einer Intervention am Mittwochabend und verschickte eine eigene Medienmitteilung.

Befremden löste Marchand mit seinen ersten Reaktionen auf die «Le Temps»-Recherche aus. Er sprach von einer «vague populiste», einer populistischen Welle, und meinte damit offenbar die vielen Gerüchte, die es über das Verhalten einzelner RTS-Angestellter gibt. Wenig hilfreich war auch sein Hinweis, dass solche Übergriffe auch in anderen Medienhäusern geschähen. Es entstand der Eindruck, dass der SRG-Chef die Vorwürfe herunterspielen wolle.

Das soll seinen Vorgesetzten, Jean-Michel Cina, irritiert haben. Auf die Frage, ob er sich geärgert habe über Marchands Kommunikation, antwortet der vormalige Walliser Staatsrat: «Ich habe mich über die Vorfälle geärgert. Der Schutz der persönlichen Integrität von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Arbeitsplatz ist eine zentrale Aufgabe des Arbeitgebers. Diese Aufgabe gilt es, resolut und konsequent wahrzunehmen.»

SRG-Präsident Jean-Michel Cina ist verärgert.

SRG-Präsident Jean-Michel Cina ist verärgert.

Im Laufe dieser Woche verdichteten sich die Hinweise, dass die RTS-Führung unter Marchand diese Konsequenz vermissen liess – nicht nur dort, wo es «Gerüchte» über fehlbare Mitarbeiter gab, sondern auch bei konkreten Hinweisen. Besonders gross ist der Unmut unter der RTS-Belegschaft über das Verhalten der Chefetage im Fall von «Robert». So nennen die Journalisten von «Le Temps» in ihrer Recherche einen der beiden suspendierten Kadermitarbeiter. Der Journalist soll Mitarbeiterinnen gegen ihren Willen angefasst haben, ihnen anzügliche Nachrichten geschickt sowie Untergebene gemobbt haben. Mehrere von «Roberts» Untergebenen seien wegen eines Burn-outs krankgeschrieben worden.

2014 reichte die SSM, die Gewerkschaft der RTS-Angestellten, bei der Direktion ein umfangreiches Dossier mit Zeugenaussagen und Belegen über «Roberts» Fehlverhalten ein. Es stützte sich auf die Erklärungen von rund zehn RTS-Mitarbeitern. Das Dossier ging unter anderen an RTS-Chefredaktor Bernard Rappaz, schreibt die «Tribune de Genève». Am 5. Dezember 2014 fand eine Sitzung zum Fall «Robert» statt. Anwesend waren Vertreter der Gewerkschaft SSM sowie der RTS-Führung, unter ihnen Marchand und der Chef der Personalabteilung, Steve Bonvin.

Gravierende Vorwürfe wurden nicht untersucht

Zum Ärger der Gewerkschaft entschied sich die Direktion unter Marchand für folgendes Vorgehen: Sie gab zwar eine externe Untersuchung über das Verhalten von «Robert» in Auftrag. Allerdings beschränkte sie den Untersuchungszeitraum auf die Jahre 2012 bis 2014. Das Ergebnis: Es gebe «keinen Beanstandungsbedarf».

Den Vorwürfen aus den Jahren vor 2012 durften die externen Ermittler damit nicht nachgehen. Für die Untersuchung wurden nur zwei der zehn Zeugenaussagen berücksichtigt. Die schwerwiegendsten Vorwürfe gegen «Robert», sexuelle Belästigung und Mobbing, gingen auf die Zeit vor 2012 zurück. Zwar stieg «Robert» erst dann zum stellvertretenden Chefredaktor und somit formell in eine Kaderposition auf. Doch schon vorher war er als Ressortleiter in einer Führungsfunktion gewesen.

Das Vorgehen sei Ausdruck einer problematischen Führungskultur, sagen RTS-Mitarbeiter. Obwohl die Vorwürfe gegen «Robert» im Haus seit 2008 bekannt gewesen seien, habe ihn die RTS-Spitze geschützt. Denn «Robert» sei Teil einer Gruppe von Führungspersonen gewesen, die sich persönlich nahegestanden hätten.

Als besonders eng gilt «Roberts» Verhältnis zu RTS-Chefredaktor Bernard Rappaz. Beide sind Walliser, beide arbeiten schon seit rund drei Jahrzehnten beim Westschweizer Fernsehen. Ebenfalls Walliser und Mitglied der Clique ist der Personalchef Steve Bonvin. Auch Marchand soll dem «Boysklub» angehört haben, wie man die Gruppe in Genf nannte. Chefredaktor Rappaz galt als treuer Gefährte Marchands. Bonvin wurde 2013 unter Marchand auf den Posten des Personalchefs befördert.

Viele Mitarbeiter von RTS sind überzeugt, dass Marchand alle Vorwürfe gegen «Robert» und den zweiten suspendierten Kadermann kannte: «Bonvin, Marchand und Rappaz wussten, dass sie ein Problem haben», sagt ein Angestellter. Doch statt den Vorwürfen nachzugehen, habe das Führungstrio die Beschuldigten aus der Hierarchie entfernt. «Robert» arbeitet heute als interregionaler Koordinator ohne direkte Untergebene. Er habe sich von sich aus für diese Stelle beworben, betonte ­Gilles Marchand am Montag gegenüber CH Media. Nun bleibt abzuwarten, zu welchen Schlüssen die Untersuchung des SRG-Verwaltungsrates kommt.

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