Seit 2003 wurden 35600 Krippenplätze geschaffen (Stand: Februar 2012). Doch Tausende Eltern finden für ihr Kind weiterhin keinen Platz in einer Kindertagesstätte (Kita). Dies verdeutlicht ein Bericht aus dem Jahr 2005, in dem die Anzahl fehlender Betreuungsplätze auf 120000 Betreuungsplätze geschätzt wurde.

Zur Anzahl Kita-Plätze und zur Zahl von Tagesmüttern pro Gemeinde sind Statistiken verfügbar. Hingegen gibt es keine Erhebungen zur Anzahl Nannys, die im Einsatz sind. Im Gegensatz zur Tagesmutter betreut die Nanny (früher auch Kindermädchen oder Kinderfrau genannt) die Kinder im Privathaushalt einer Familie. Dass sie – wie die Film- und Roman-Figur Mary Poppins – im selben Haushalt wie ihr Arbeitgeber wohnt, ist in der Schweiz höchstens in der obersten Einkommensschicht üblich. Doch auch Mittelstandsfamilien heuern Nannys an – und es gibt Indizien, die dafür sprechen, dass es stetig mehr werden.

Ein Indiz ist die Präsenz zahlreicher Vermittlungsagenturen auf dem Internet. Sandro Principe von babysitting24.ch sagt, seine Agentur sei die erste Agentur gewesen, die über das Internet Betreuungspersonen vermittelte. Heute gebe es mehrere Mitbewerber. Trotzdem verbucht babysitting24.ch stetig mehr Vermittlungen. Principe folgert: «Der Betreuungsbedarf ist grundsätzlich gestiegen.» Am häufigsten vermittelt die Agentur Babysitter. Doch immerhin rund zehn Prozent der Vermittlungen seien Nannys. Auch hier steige die Nachfrage, obwohl es einen spezialisierten Markt für Nanny-Vermittlungen gebe, sagt Principe.

Auf Nannys spezialisiert ist etwa die Agentur NannySwiss. «Die Nachfrage steigt», sagt Geschäftsführerin Gisela Ebnet. Ähnlich tönt es bei der Agentur Poppins & Co.: «Die Tendenz ist steigend.» Dies habe mit dem globalen Arbeitsmarkt (Expats setzen häufig auf Nannys) und mit der Zunahme erwerbstätiger Familienfrauen zu tun, sagt Geschäftsführerin Viola Christen. Genaue Zahlen wollen auch andere angefragte Agenturen nicht nennen. Doch überall spricht man von grosser Nachfrage.

Nicht nur für Reiche

Gisela Ebnet von NannySwiss betont, dass Nannys keineswegs nur für Reiche infrage kommen. «Ab zwei Kindern kann sich eine Nanny bereits lohnen», sagt Ebnet. Dann nämlich entsprechen die Kosten für den Nanny-Lohn in etwa den Aufwendungen für die Betreuungsplätze der beiden Kinder in der Krippe. Denkbar sei auch, dass zwei Familien gemeinsam eine Nanny anstellen.

Esther Elsener Konezciny von der Fachstelle Kinder und Familien Aargau bestätigt diese Überlegungen: «Wer zwei Kinder in einer Kindertagesstätte betreuen lässt, für den dürfte eine Nanny eine Alternative sein.» Die Kinderbetreuerin wird direkt durch die Eltern angestellt. Fachstellen empfehlen einen Stundenlohn von 25 bis 35 Franken – je nach Erfahrung und Ausbildung, welche die Kinderbetreuerin vorweisen kann.

Für das Modell Nanny spreche auch die grössere Flexibilität, fügt Esther Elsener Konezciny an. Die Nanny könne abends auch mal länger auf die Kleinen aufpassen. Damit fällt der Druck weg, die Kinder um eine bestimmte Uhrzeit aus der Kita abzuholen. Gleichzeitig, gibt Elsener Konezciny zu bedenken, sei es sehr intim, eine Person im eigenen Haushalt zu beschäftigen.

Ausbildung zur Nanny

Ein Indiz dafür, dass Nannys gefragt sind, ist auch das grosse Interesse am Lehrgang Nanny des Schweizerischen Roten Kreuzes Kanton Zürich. Seit 2009 bietet der Kantonalverband jährlich vier Kurse an – alle sind bis auf den letzten Platz ausgebucht. Damit erhalten jedes Jahr 64 Frauen ein Zertifikat als Nanny. In Genf bietet Pro Juventute bereits seit 2008 eine entsprechende Ausbildung an. Die Absolventinnen der Kurse sind offenbar gefragt: Susanna Lichtensteiger vom SRK Kanton Zürich sagt, die frisch ausgebildeten Nannys fänden in der Regel relativ schnell eine Anstellung.