Das Rentenalter 67 ist ein heisses Eisen. Dessen Vater, Pascal Couchepin, kann davon ein Lied singen. Der damalige FDP-Bundesrat warf den Vorschlag 2003 erstmals in den Ring – kurz vor den eidgenössischen Wahlen. Die Quittung folgte auf dem Fuss: Seine Partei stand als grosse Verliererin da. In der Folge stiess das Rentenalter 67 sowohl im Parlament als auch vor dem Volk auf taube Ohren.

In der neuen Parlamentszusammensetzung wird die Altersvorsorge 2020, die grosse Reform der ersten und zweiten Säule, derzeit in der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrats debattiert (SGK). Sie hat in einer ersten Lesung entschieden, dass ein höheres Rentenalter 67 in Kauf genommen werden muss. Der Entscheid der SGK fiel äusserst knapp mit 12 zu 13 Stimmen – dank dem Ja von FDP und SVP.

Tiefe Elite-Basis-Kluft

Das Pikante daran: Beide Parteien machen die Rechnung ohne den Wirt. Ihre eigene Basis lehnt ein höheres Rentenalter rundweg ab, wie die gestern veröffentlichte Selects-Wahlstudie zeigt. Demnach befürworten 67 Prozent der Kandidaten, die letzten Herbst für die SVP kandidierten, das Rentenalter 67. Bei den SVP-Wählern sind dies nur gerade 30 Prozent. «Es ist kein Zufall, dass die SVP noch nie einen Parlaments-Vorstoss gemacht hat zu diesem Thema», sagte der Leiter der Selects-Studie, Georg Lutz. «Wir wissen seit Jahren, dass die SVP-Basis bei sozialen Fragen viel stärker der Mitte zuneigt als die Partei-Elite, die wirtschaftsliberal ist.» Für die SVP werde es schwierig, ihrem Wähler zu erklären, warum er zwei Jahre länger arbeiten solle.

Am geschlossensten hinter der Erhöhung des Rentenalters steht die Elite der FDP: 92 Prozent der Kandidierenden befürworten sie. Doch auch hier sind frappierende Unterschiede zwischen den Parteioberen und ihrer Basis feststellbar: Nur gerade 45 Prozent der FDP-Wähler stehen hinter dem Kurs der Parteispitze.

Georg Lutz folgert daraus: «Das Rentenalter 67 könnte die gesamte Reform der Altersvorsorge gefährden.» Das Fuder würde mit einer solchen Massnahme überladen. Die Vorlage – die sowieso vors Volk kommt – wäre chancenlos.

Grund für den tiefen Graben zwischen Elite und Basis sei die unterschiedliche Perspektive, sagt FDP-Sprecher Georg Därendinger. «Politiker haben vor allem die Finanzierung der Sozialwerke im Fokus. Für sie ist langfristig die Anpassung des Rentenalters notwendig», sagt er. Wogegen bei den Befragten wohl eher die eigene Betroffenheit im Vordergrund stehe und nicht jene der langfristigen Finanzierung. Die FDP müsse daher noch stärker darlegen, wie wichtig sicher finanzierte Sozialwerke seien.

Nicht überrascht vom Selects-Befund gibt sich auch SVP-Präsident Albert Rösti. «Ich verstehe unsere Wähler, die dem Vorhaben kritisch gegenüber stehen», sagt er. Man komme aber nicht darum herum, das Rentenalter an die steigende Lebenserwartung anzupassen. Zunächst gelte es aber, die Bevölkerung für das generelle Rentenalter 65 zu gewinnen.

Interessant ist der Blick auf die Zustimmung in den Altersgruppen (siehe Grafik unten). Besonders unpopulär ist die Rentenalter-Erhöhung bei den 45- bis 64-Jährigen, also just bei jenen, die davon unmittelbar betroffen wären. Demgegenüber stehen die über 75-Jährigen dem höheren Rentenalter mit Abstand am positivsten gegenüber. Frei nach dem Motto: Was kümmerts mich, wenn die, die nach mir kommen, länger arbeiten müssen. Das lässt tief blicken in den auf Solidarität fussenden Generationenvertrag.