Pierre Maudet
FDP-Shootingstar: «Mein Alter war immer ein Handicap»

Pierre Maudet ist 36 Jahre alt und schon Regierungsrat. Der Genfer FDP-Shootingstar pendelt zwischen Weltpolitik und Kinderkrippe. Das sei vor allem eine Frage der Planung mit seiner Frau und den Mitarbeitern.

Christian Dorer und Antonio Fumagalli
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36 Jahre alt und bereits Regierungsrat in Genf: FDP-Hoffnungsträger Pierre Maudet.

36 Jahre alt und bereits Regierungsrat in Genf: FDP-Hoffnungsträger Pierre Maudet.

Alex Spichale

Als wir den Genfer Regierungsrat Pierre Maudet am frühen Nachmittag zum Interview treffen, hat er gleichentags bereits die Hände von Würdenträgern geschüttelt, die andere Regierungsräte in ihrer ganzen Karriere nie zu Gesicht bekommen. Um 1.45 Uhr in der Früh stand er am Genfer Flughafen, um US-Aussenminister John Kerry zu den Ukraine-Verhandlungen zu begrüssen. Um 6.45 Uhr sass er im Zug nach Bern, wo er Verteidigungsminister Ueli Maurer traf. Und nach dem Mittag stattete er der Diplomatendelegation im Genfer «Intercontinental» einen Kurzbesuch ab. Kein Wunder, arbeitet der 36-Jährige rund 85 Stunden pro Woche.

Herr Maudet, gefällt Ihnen die Rolle als Shootingstar?

Pierre Maudet: Wenn dies auch für die Deutschschweiz gilt, dann gefällt sie mir. Denn vieles, was in Genf passiert, wird in anderen Landesteilen kaum wahrgenommen. So, wie auch welsche Politiker kaum über den Tellerrand schauen. Wenn ich eine Art Brückenbauer sein kann, ist das gut.

Solche Eigenschaften sind auch in der Landesregierung gefragt. Wann werden Sie Bundesrat?

Die Frage stellt sich derzeit nicht, ob ich an einer Funktion auf Bundesebene interessiert bin. Sondern, was ich der Schweiz in meiner aktuellen Rolle bringen kann.

Aber reizen würde Sie der höchste Posten schon?

Wenn ich einen Karriereplan hätte, würde ich ihn Ihnen bestimmt nicht verraten – es wäre die beste Methode, damit er scheitert (lacht).

Pierre Maudet

Senkrechtstarter, Hoffnungsträger, Politiker mit Bundesratsformat: Über den erst 36-jährigen Genfer FDP-Regierungsrat kursieren viele Superlative. Der Sohn einer Bündnerin und eines Franzosen studierte Jus in Freiburg und startete seine Politkarriere früh: im Alter von 15 Jahren gründete er das Genfer Jugendparlament. Dann ging es Schlag auf Schlag: Gemeinderat mit 21, Stadtrat mit 29, Stadtpräsident mit 33 - seit 2012 ist er Regierungsrat und steht dem Sicherheits- und Volkswirtschaftsdepartement vor. Zudem präsidiert er die eidgenössische Kinder- und Jugendkommission. Maudet ist verheiratet und Vater von drei Kindern. (NCH)

Birgt es Gefahren, wenn man wie Sie in jungen Jahren schon sehr weit kommt in der Politik?

Natürlich. Bis etwa 30 musste ich mir anhören, dass ich ja noch nie gearbeitet habe und mir die Erfahrung fehle. Danach traute man mir höchstens auf lokaler Ebene einen Posten zu. Auch wenn die Kritiker mittlerweile verstummt sind: Mein Alter war immer ein Handicap. Manchmal erlaubte es mir aber auch, mich mit mehr Freiheit auszudrücken.

In der Debatte um die angeblich stimmfaule Jugend forderten Sie Lehrgänge für Nachwuchspolitiker. Sie jedoch sind das perfekte Beispiel dafür, dass das nicht nötig ist.

Die heutige Jugend ist überhaupt nicht apolitisch. Aber ihr fehlt oft der Zugang zur Politik. Auf Facebook schreiben mir viele junge Leute, die konkrete Anliegen haben. Ich spüre da viel mehr Mut als bei älteren Generationen, dieses Potenzial müssen wir ausschöpfen. Sonst haben wir in ein paar Jahren ein Problem.

Beantworten Sie alle Facebook-Fragen persönlich?

Selbstverständlich, das gehört dazu. Ich sehe mich immer noch als Lokalpolitiker, der in engem Kontakt mit der Bevölkerung ist. Das in dieser Hinsicht schönste Amt, das man haben kann, ist Stadtpräsident. Als Regierungsrat ist man da ein bisschen weiter weg, aber gerade auf Facebook erfahre ich, wo der Schuh drückt.

Sie arbeiten fast rund um die Uhr und haben drei Kinder. Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?

Es ist vor allem eine Frage der Planung mit meiner Frau und meinen engsten Mitarbeitern. Meine Woche beginnt immer schon am Sonntagabend um 20 Uhr, da hat mich das Militär geprägt. Ich schaffe es aber, jeden Morgen meine jüngste Tochter in die Krippe zu bringen.

Haben Sie nie Angst, dass Ihre Familie zu kurz kommt?

Es gibt Momente, wo es schwierig ist. Im Februar zum Beispiel waren wir in den Skiferien im Berner Oberland, als das äthiopische Flugzeug mit Kurs auf Genf entführt wurde. Ich kriegte um 4.30 Uhr einen Anruf von der Polizeichefin und musste sofort zurück nach Genf. Dabei hatte ich meinem siebenjährigen Sohn versprochen, den Morgen mit ihm auf der Skipiste zu verbringen. Als er aufstand, war ich nicht da. Ich kam zwar am Mittag zurück, aber der Tag war im Eimer. Das schmerzt. Aber alles in allem habe ich einen Superjob.

Sprechen wir über Ihre Partei, die FDP. Was muss Sie machen, um bei den nächsten Wahlen die Trendwende zu schaffen?

Wir müssen unseren Grundwerten wie Selbstverantwortung und Eigeninitiative wieder treuer werden und uns nicht immer in Bezug auf andere Parteien definieren. Politisch inkorrekt zu sein und dafür auf die Probleme der Bevölkerung zu hören, ist manchmal nötig. Philipp Müller macht seine Arbeit gut.

Zwischen Ihnen und Philipp Müller liegen Welten – vom Stil wie vom Inhalt her.

Vielleicht ist die FDP diejenige Partei, in der man unter dem gleichen Dach die grössten Differenzen haben kann. Als ich im vergangenen Jahr vor einer Nationalratskommission das Genfer Integrationsprogramm präsentieren musste, dachten einige Mitglieder wohl, ich sei ein Linksextremer. In einem Kanton wie Genf mit einem Ausländeranteil von über 40 Prozent läuft es eben anders. Und ja, wir Westschweizer sind etwas etatistischer. Aber ich habe keine Probleme mit der Deutschschweizer FDP.

Sie sind Sicherheitsdirektor in Genf. Sie haben es geschafft, die Kriminalität massiv zu senken. Wie war das möglich?

Ich habe zwei klare Prioritäten gesetzt: Kampf gegen Einbruchdiebstähle und Kampf gegen Gewalt. Als ich das Departement übernommen habe, waren viele Polizisten unmotiviert. Als eine der Massnahmen habe ich sie wieder vermehrt aus dem Büro und an die Front geschickt, zudem haben wir die Arbeitseinsätze zeitlich angepasst – was harte Verhandlungen mit der Gewerkschaft erforderte.

Und das reichte aus, um die Kriminalität zu senken?

Der Markt spielt eben auch bei den Kriminellen: Sie wägen wie Geschäftsmänner zwischen Risiko und Ertrag ihrer Tat ab. Sie gehen also dorthin, wo das Risiko klein ist, erwischt zu werden. Lange Zeit hatte Genf diesen Ruf. Das haben wir nun verändert – wir erwischen mehr und gehen härter gegen sie vor, was prophylaktische Wirkung hat.

Kritiker sagen, dass sie in den notorisch überfüllten Genfer Gefängnissen noch krimineller werden.

Das ist tatsächlich ein Risiko, besonders im Gefängnis Champ-Dollon ist die Situation kritisch. Deshalb bauen wir nun neue Anstalten. Es gibt gar keine Alternativen. Die Schweiz geht mit Straftätern zu lasch um. Dabei gibt es nur eins: hart durchgreifen.

2013 hat ein Straftäter die Sozialtherapeutin Adeline ermordet. Wie stark hat Sie das erschüttert?

Das ist natürlich einer der schlimmsten Fälle, die man als zuständiger Regierungsrat erleben kann. Gleichzeitig muss man in dieser Situation weiterhin rational funktionieren. Wir haben verschiedene Massnahmen getroffen und hoffen, dass so etwas nie wieder passiert. Zum Beispiel landen nun alle Dossiers mit den Gesuchen um Freigänge direkt auf meinem Pult – eine riesige, verantwortungsvolle Aufgabe.

Wie gehen Sie damit um? Als Politiker, der auf die Volksgunst angewiesen ist, tendiert man doch dazu, gegen den Häftling zu entscheiden.

Ganz so einfach ist es nicht, die Leute können Rekurs einlegen, was auch passiert. Ja, es ist heikel. Und im Zweifelsfall überwiegt das Interesse der Gesellschaft und nicht des Täters, das ist so.

Der Röstigraben ist seit dem 9. Februar wieder in aller Munde. Vor ein paar Jahren sagten Sie zu Christoph Blocher: «Votre Suisse n’existe plus!» Da haben Sie sich gründlich geirrt.

Blocher ist stark darin, der Schweizer Bevölkerung ein Bild zu vermitteln, das gar nicht mehr existiert. Von dem her bleibe ich bei meiner Aussage. Die Schweiz ist auch Genf – ein Kanton, der fast 300 Millionen Franken pro Jahr in den Finanzausgleich gibt. Da habe ich Mühe, wenn wir von anderen Kantonen misstrauisch angeschaut werden.

Genf ist sehr international, und Sie sagten einmal, dass wir ohnehin schon Passivmitglied der EU seien.

Das stimmt seit dem 9. Februar erst recht. So widersprüchlich es klingt: Diese Abstimmung hat uns der EU angenähert. Wir sind so abhängig wie noch nie. Vor 200 Jahren war Genf während 15 Jahren ein französisches Departement. Die Genfer haben sich damals gesagt, dass sie Schweizer werden müssen, um Genfer zu bleiben. Heute gilt: Um Schweizer zu bleiben, müssen wir Europäer werden.

Da spricht ein künftiger Aussenminister!

Die Genfer Regierung hat sich schon immer ein bisschen als Botschafterin der Schweiz gefühlt (lacht).

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