Ein Bericht der amerikanischen Bundespolizei FBI wirft neue und brisante Fragen zum Flugzeugabsturz in Würenlingen auf. Der Bericht ist nicht etwa neu, sondern war der Öffentlichkeit nur nicht bekannt. Jahrelang lag er in amerikanischen Archiven. Das berichten die NZZ und der Beobachter am Donnerstag in ausführlichen Artikeln. Es handelt sich um eine gemeinsame Recherche der Journalisten Marcel Gyr («NZZ») und Otto Hostettler («Beobachter») in Zusammenarbeit mit dem in Zürich lebenden englischen Historiker Thomas Skelton-Robinson. 

Der Stand der Ermittlungen war bisher: Der Jordanier Sufian Kaddoumi hat das Paket mit der in einem Radiorerecorder präparierten Bombe am Tag vor dem Absturz vom 21. Februar 1970 auf der Post in München aufgegeben. Einen Tag später explodierte die Bombe in der Swissair Coronado. Alle 47 Menschen an Bord starben. Eindringlich hört sich nach wie vor der Funkspruch des Co-Piloten an, der sich – den Absturz vor Augen – mit den Worten «Goodbye everybody» verabschiedet. Angeblich ist die Bombe zufällig, wegen eines umgeleiteten El-Al-Flugs, in die Swissair-Maschine geraten. Eine zweite Bombe, in Frankfurt aufgegeben, explodierte in einer AUA-Maschine, die aber notlanden konnte.

Deutsche und Schweizer Ermittler machten nach wenigen Tagen in Sufian Radi Kaddoumi und Badawi Mousa Jawher die Täter ausfindig. Sie gehörten der PFLP-General Command an, einer Splittergruppe der Palästinensischen Befreiungsfront. Zwei Helfer aus ihrem Umfeld sollen am Anschlag beteiligt gewesen sein. Doch die Täter mussten sich nie vor einem Gericht verantworten. Warum, ist bis heute nicht definitiv geklärt worden. Die Bundesanwaltschaft will die Täter nie aufgespürt haben. Das Ermittlungsverfahren stellte sie im November 2000 ein.  

Flugzeugabsturz in Würenlingen: "Goodbye Everybody"

«Goodbye everybody»: So verabschiedete sich der Pilot von den Passagieren.

Im Februar 1970 stürzte ein Swissair-Flugzeug über Würenlingen nach einer Bombenexplosion ab. Es handelte sich um einen Terroranschlag. 

Laut dem FBI-Bericht gehörten zwei unbekannte Westdeutsche («Two Unidentified West Germans») der Splittergruppe Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP-GC) an, in deren Auftrag Sufian Kaddoumi den Bombenanschlag verübte. Die beiden Staatsbürger der damaligen Bundesrepublik Deutschland, einer war Elektroingenieur, sollen den palästinensischen Terroristen geholfen haben, die Bombe zu präparieren. 

Einer der Westdeutschen soll auch die Idee eingebracht haben, den Sprengstoff mit einem Höhenmeter zu koppeln, der auf 3000 Metern Höhe in der Swissair-Maschine explodierte. Offen bleibt, in welchem Auftrag und mit welchem Motiv die beiden Unbekannten gehandelt haben. Das FBI stützte sich auf zwei zuverlässige Quellen. 

Der FBI-Report nennt «Two Unidentified West Germans» als Beteiligte für das Bombenattentat.

Der FBI-Report nennt «Two Unidentified West Germans» als Beteiligte für das Bombenattentat.

Brisantes Detail

Eine der Quellen des FBI-Berichts nennt Zürich als Aufgabeort der Bombe. Lässt sich dies erhärten und hätte ein Deutscher die Bombe tatsächlich dort in einem Paket aufgegeben, müsste der Fall Würenlingen neu geschrieben werden. 

Allerdings steht dies in Widerspruch zu den Erkenntnissen der Ermittler: Diese gehen davon aus, dass der Palästinenser Kaddoumi das Paket in München aufgab. Zudem kam die damalige Untersuchung zur Erkenntnis, dass das Paket mit der Bombe unmöglich in Zürich aufgegeben worden sein könne. Dass die Bombe nicht schon auf dem Flug von München nach Zürich, sondern erst kurz nach dem Abflug der Swissair in Richtung Tel Aviv explodierte, wurde von einem technischen Gutachten gestützt. 

Flugzeugabsturz Würenlingen: Er erlebte ihn hautnah

Flugzeugabsturz Würenlingen: Er erlebte ihn hautnah (6. November 2015)

Der ehemalige Würenlinger Gemeinderat Arthur Schneider hat die Tragödie hautnah miterlebt.

Als Sympathisanten in Amman gemeldet

Laut den FBI-Informationen haben sich die zwei jungen Westdeutschen 1969 im Hauptquartier des PFLP-GC in der jordanischen Hauptstadt Amman gemeldet. Sie sollen sich als Sympathisanten der Palästinenser ausgegeben haben. Im Februar 1970 kam es zu einem Treffen mit Sufian Kaddoumi und seinem Komplizen Musa Jawher in Deutschland.

Laut der NZZ sind die engen Bande zwischen deutschen Linksterroristen und palästinensischen Kommandogruppen in jener Zeit bekannt. Gut dokumentiert sei etwa der Besuch der Baader-Meinhof-Gruppe im Sommer 1970 in Jordanien. Dort absolvierten die späteren Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF) ein Trainingscamp der Fatah. Damals arbeiteten aber auch Neonazis mit militanten Fraktionen der PLO zusammen. 

Der FBI-Bericht, eine Analyse unter dem Titel «The Fedayeen Terrorist – A Profile», wurde vier Monate nach dem Terroranschlag von Würenlingen veröffentlicht. Die Quellen sind anonym. (pz)