Wenn im Stadion der Schweizerpsalm gespielt wird, singt Alex Miescher so laut wie die gesamte Delegation des Schweizerischen Fussballverbandes (SFV). Der Generalsekretär ist ein glühender Patriot. Im Verdacht, ausländerfeindlich zu sein, stand der frühere Luftwaffen-Pilot indes nie. Viel eher gilt Miescher als reflektierter, kluger Geist.

Im Nachgang zum kontrovers diskutierten Doppeladler-Jubel von Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri beim Sieg gegen Serbien wirft Miescher seine liberalen Werte über Bord. In der «NZZ» sagte er: «Mit dem Ermöglichen von Doppelnationalitäten schaffen wir Probleme, nicht nur auf den Fussball bezogen. Es gibt gesellschaftliche Ungerechtigkeiten.» Und weiter: «Ich frage mich, ob die Schweiz ein Interesse daran haben müsste, dort Schranken zu setzen. Ganz oben in der Politik müsste man sich vielleicht fragen: Wollen wir Doppelnationalitäten? Oder sollte man sich ab einem gewissen Alter für eine Nationalität entscheiden?»

Damit brüskiert Miescher nicht nur die eigenen Nati-Spieler, von denen die Mehrzahl einen zweiten Pass hat, sondern auch Parteikollegen. FDP-Nationalrat Kurt Fluri, wie Miescher aus dem Kanton Solothurn, entgegnet: «Ich halte diese Frage für völlig überdimensioniert. Sehr viele Zugewanderte werden aus pragmatischen Gründen Schweizer: wegen der Wohnungssuche, der Jobsuche und der Lehrstellensuche für ihre Kinder.» Fluri, beim Freisinn für staatspolitische Themen zuständig: «Es wäre fast unmenschlich, wenn man seiner früheren Heimat einen Korb geben müsste.»

Doppelbürger-Boom

Politisch schwimmt Miescher gegen den Strom. Allein seit 2010 ist die Zahl der Doppelbürger um 40 Prozent gestiegen. Heute hat jeder vierte Schweizer einen zweiten Pass. Für den Bundesrat ist klar, dass dadurch keine Loyalitätskonflikte entstehen. Deshalb verzichtet er auf die Möglichkeit, Doppelbürger von gewissen Ämtern auszuschliessen. Doppelpass-Menschen dürfen hohe Posten in Polizei, Grenzwache oder Politik übernehmen – ja sogar Bundesrat werden. Und seit 2017 dürfen auch Schweizer Diplomaten im Besitz von zwei Pässen sein.

Wenn das Fussball-Nationalteam wie im WM-Achtelfinal gegen Schweden enttäuscht, wird hinterher nicht über Fehlpässe und verlorene Zweikämpfe, sondern über tiefgründige Themen diskutiert. Vertritt die Nati unsere Werte? Bildet es die Gesellschaft ab? Vor allem: Identifiziert sich diese Multi-Kulti-Equipe überhaupt mit dem Land? Die Diskussion um Identifikation ist keineswegs obsolet. Nur ist es fraglich, ob man das Problem – falls es denn überhaupt ein Problem ist – mit einer Mono-Staatszugehörigkeit löst. Egal, wie viele Pässe man einem Xhaka und Shaqiri abnimmt: Der Doppeladler bleibt im Herzen, fliegt immer mit.

Miescher will die Doppeladler-Affäre nicht in direktem Zusammenhang mit der Frage nach der Doppelbürgerschaft stellen. Gegenüber der «Schweiz am Wochenende» sagte er: «Der Doppeladler-Jubel hat gezeigt, wie fragil die Beziehung zwischen Nationalmannschaft und Bevölkerung ist. Wir dachten, mit diesem Nationalteam die Skepsis in der Bevölkerung vertreiben zu können. Nun aber konstatiere ich, dass allein gute Leistungen nicht reichen. Es braucht mehr. Deshalb habe ich die Doppelbürger-Debatte angestossen. Ich bin nicht auf einer Mission. Ich bin auch nicht generell gegen Mehrfach-Staatsbürgerschaften, ich will nur die Resonanz prüfen in Bezug auf diese Idee.»

Miescher will, dass sich künftig Sportler mit zwei Pässen bis 18 entscheiden, welchen sie abgeben. Warum? Weil er nicht will, dass der Verband Geld in die Ausbildung von jungen Talenten investiert, diese später aber für ein anderes Nationalteam auflaufen. Nur: In den letzten 20 Jahren hat die Schweiz mit Ivan Rakitic und Mladen Petric lediglich zwei Fussballer verloren. Und wenn einer wie Moritz Bauer für Österreich, die Feltscher-Brüder für Venezuela und Xhakas Bruder Taulant für Albanien spielt, tut das der Schweiz nie weh. Weshalb also Mieschers Aufruhr? Erst recht, da die die Nationalmannschaft Zyklen unterliegt, die in Wechselwirkung zu Einwanderungsströmen stehen. Heisst: In zehn, vielleicht schon in fünf, Jahren wird der Grossteil unserer Kicker mit Migrationshintergrund nicht kosovarische, sondern afrikanische Wurzeln haben. Allein aus rationellen Überlegungen ist die Gefahr kleiner, dass diese sich für ihre zweite Heimat entscheiden. Jeden dritten Monat aus irgendeiner europäischen Metropole nach Afrika zu fliegen, um ein Länderspiel zu bestreiten, ist wesentlich aufwendiger als in der Schweiz zur Nati einzurücken.

Auch die Beweggründe für einen zweiten Pass sind selten emotional gesteuert. Manuel Akanji beispielsweise beantragte erst als Teenager den nigerianischen Pass, weil er so von der Visumspflicht entbunden ist, wenn er in die Heimat seines Vaters reist. Es wäre verständlich, wenn er sich nun durch den Vorstoss von Miescher brüskiert fühlte. Wie all die anderen Doppelbürger im Nationalteam.

Auch die Klubs sind nicht erfreut über den Vorstoss. Sie sind es, die in erste Linie Geld und Ressourcen in die Ausbildung investieren. Deshalb ist es in ihrem Interesse, viele ihrer Talente zu Nationalspielern zu formen – egal, für welche Nation. Denn mit jedem Länderspiel steigt der Marktwert. Miescher räumt ein: «In der Debatte geht es auch darum, was wir stärker gewichten: nationale Interessen oder wirtschaftliche Partialinteressen?»

(Artikel publiziert am 07.07.2018)

Ursprünglich stand im Artikel, dass Alex Miescher Gemeinderat von Biberist ist, was nicht mehr der Fall ist. Wir haben dies korrigiert.