Baden
«Fast alles geht unter der Hand weg»

Günstiger Wohnraum sei in Baden kaum zu finden, vor allem für junge Leute und Familien mit kleinem Einkommen. Darum fordern die Juso-Mitglieder Cédric Wermuth und Andrea Arezina die Stadt zum direkten Handeln auf.

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Juso Baden

Juso Baden

Aargauer Zeitung

Roman Huber

Andrea Arezina und auch Cédric Wermuth haben das Privileg, in der Badener Innenstadt zu wohnen. Beide leben in einer WG mit Gleichgesinnten. Doch sie hatten Glück, etwas zu finden. Jetzt möchten sie in der städtischen Immobilienpolitik etwas bewegen. Denn gebaut werde genug, und darum wollten sie auch nicht irgendwo, sondern vor einem entstehenden Wohnbau abgelichtet werden.

Andrea Arezina Zweifelt an der Wohnpolitik der Stadt. (Walter Schwager)

Andrea Arezina Zweifelt an der Wohnpolitik der Stadt. (Walter Schwager)

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Sie sagen, in der Stadt Baden habe es kaum günstigen Wohnraum für junge Leute. Stadtammann Stephan Attiger dagegen erklärt, aufgrund der Fakten sei diese Wahrnehmung subjektiv. Wer hat recht?
Andrea Arezina: Fragen Sie selber junge Leute, die eine Wohnung suchen. Sie werden Ihnen sagen, dass es ziemlich hoffnungslos ist.

Sie sagen das so dahin. Woher wissen Sie es?
Arezina: Ich kenne junge Leute, die seit mehreren Jahren vergeblich eine preisgünstige Wohnung in Baden suchen. Das sind Leute, die in einer WG leben möchten und die zwischen 300 und 700 Franken dafür aufwenden können und nicht mehr.

Cédric Wermuth Sieht Handlungsbedarf in Sachen Wohnraum. (wal)

Cédric Wermuth Sieht Handlungsbedarf in Sachen Wohnraum. (wal)

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Der Bau neuer Wohnungen nimmt aber den Druck vom Wohnungsmarkt, so wird günstiger Wohnraum wieder frei.
Cédric Wermuth: Das stimmt nur bedingt. Sind Mietwohnungen auf dem freien Markt neu zu besetzen, werden sie in der Regel teurer. Neuzuzügern bleiben günstige Wohnungen verwehrt, denn der Markt beim günstigen Wohnraum läuft in Baden anders.

Wie denn?
Wermuth: Günstige Wohnungen werden gar nicht ausgeschrieben. Die Vergabe läuft über Beziehungen. Fast alle Mietwohnungen in unteren Preissegmenten gehen doch unter der Hand weg.
Arezina: Und die schönen, günstigen Stadtwohnungen, vor allem die grösseren, die werden gar nicht frei.

Die Stadt hat klare Kriterien bei der Vergabe ihrer Wohnungen.
Arezina: Werden die Kriterien auch längerfristig überprüft? Viele leben in einer subventionierten Stadtwohnung, die es gar nicht mehr nötig hätten.

Subventioniert?
Ja, indirekt - wenn man die massiven Preisunterschiede zwischen den städtischen Wohnungen und denjenigen auf dem freien Markt betrachtet.

Dann sind in erster Linie die Wohnungen auf dem freien Markt zu teuer?
Wermuth: Und die Preise steigen permanent. Zieht jemand aus einer Wohnung aus, wird sie frisch gestrichen und der Mietpreis wird angehoben. Einzig die Stadt und die Genossenschaften können bei ihren Wohnungen eine gewisse Preisstabilität gewähren.
Arezina: Diesen Mechanismus kann man vor allem bei den Wohnungen in der Altstadt beobachten, die oft teuer renoviert werden und für «normale» Mieter unerschwinglich werden.

Die Ansprüche der jungen Leute sind aber auch gestiegen. Man will mehr Platz, die Anzahl Personen in einer WG wird kleiner.
Wermuth: Und welche Art von Wohnungen werden in Baden gebaut? Es sind fast nur Eigentumswohnungen für Reiche. Die gestiegenen Ansprüche sind legitim, schliesslich dürfen sich die Bedürfnisse der jungen Leute der Gesellschaft anpassen.
Arezina: Es ist heute gar nicht einfach, für eine WG eine Wohnung zu finden. Bei privaten Vermietern sind sie oft unerwünscht. Und wenn eine Familie sich bewirbt, wird sie ohnehin bevorzugt. Und wird ein Platz
in einer WG ausgeschrieben, so gibt es in kurzer Zeit 30 bis 40 Anfragen, das zeigt die Erfahrung.
In der Innenstadt zu wohnen, ist ein Privileg.

Betrachtet man die Zentrumsregion, hat es aber viel günstigen Wohnraum.
Wermuth: Für jemanden, der in Baden wohnen möchte, ist Nussbaumen, Fislisbach oder Neuenhof bereits zu weit weg. Zudem: Das GA oder Zonenabo besitzen Leute, weil sie in andern Städten arbeiten oder und nicht nur, weil sie ausserhalb der Stadt wohnen. Wir reden hier aber über Mieten und nicht über den Bus.

Neuenhof aber dürfte bald zur Stadt Baden gehören.
Wermuth: Das wäre keine gute Entwicklung, wenn nur noch so genannt gute Steuerzahler in der Innenstadt wohnen würden und alle andern nach Neuenhof ziehen müssten.
Arezina: Und eine gute Durchmischung der Innenstadtbevölkerung ist wichtig. Junge Leute und Familien mit Kindern beleben die Innenstadt.

Update

Im Januar sorgte die Besetzung der Dépendance Ochsen im Badener Bäderquartier durch die Juso wegen Schmierereien für Aufsehen. Andrea Arezina und Cédric Wermuth verfolgten als Organisatoren andere Ziele. Mit einem offenen Brief betreffend Mangel an preisgünstigem Wohnraum gelangten sie an den Badener Stadtrat. Die Antworten auf diese Fragen sind Gegenstand dieses Interviews.

Der Stadtrat erklärt es als sein Ziel, gute Wohnqualität und auch preisgünstigen Wohnungsbau zu fördern und sein Angebot zu erhalten.
Wermuth: Wir möchten wissen, wie der Stadtrat dies auch tatsächlich zu tun gedenkt. Bislang hat er diese Absicht nur immer wiederholt.

Dennoch: 4,18% aller Wohnungen in Baden gehören der Stadt, weitere 5,39% sind Genossenschaftswohnungen. Aus Ihrer Sicht etwa zu wenig?
Wermuth: Eindeutig. Der Anteil von günstigen Stadt- oder Genossenschaftswohnungen sollte viel höher liegen. In der Stadt Zürich sinds rund 30% der Wohnungen.
Arezina: Betrachtet man das Alter der städtischen Liegenschaften, stellt man fest, dass die Stadt die Entwicklung komplett verschlafen hat.

Und wie soll die Stadt sich für die Schaffung von günstigem Wohnraum einschalten?
Arezina: Indem sie dort, wo sie selber Eigentümerin ist, das Baurecht für Genossenschaft fördert bzw. reserviert.
Wermuth: Warum kann sich die Stadt nicht aktiv in den Wohnungsmarkt einschalten?

Wie stellen Sie sich das vor?
Wermuth: Indem sie sich aktiv im Immobilienmarkt betätigt und Liegenschaften kauft. Das wäre auch die Chance, ein Konjunkturprogramm zu starten. Insbesondere bei Umzonungen, die immer eine Verteuerung des Bodens mit sich bringen, wie es im Gebiet Baden Nord wiederholt geschieht, wäre die Möglichkeit einzuwirken.

Welche Massnahmen schlagen Sie in diesem Fall vor?
Wermuth: Dass der Planungsgewinn voll abgegolten wird. Statt nur Frei- und Grünflächen auszuscheiden könnte man auch sozialen Wohnungsbau fordern.

Ihre offenen Fragen sind vom Stadtrat beantwortet worden. In manchen Punkten gehen Sie jedoch nicht einig. Wie geht es nun weiter?
Wermuth: Damit sich die Stadt aktiv im Wohnungsmarkt beteiligt, werden wir von den politischen Möglichkeiten Gebrauch machen und namens der SP im Einwohnerrat vorstellig werden.
Arezina: Das Thema wird mit dem Zusammenschluss mit Neuenhof brisant, denn in Neuenhof gibt es viel Wohnraum, der klein und in schlechtem Zustand ist. Hier könnte die Stadt etwas bewirken.
Womit Sie auch Ihre Kandidaturen für die Einwohnerratswahlen im Herbst bekannt gegeben haben.

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