Familienpolitik
Familien-Expertin: «Ein alter Graben ist zum Vorschein gekommen»

Das traditionelle Familienmodell sei in der Schweiz nach wie vor stark verbreitet, nennt Familien-Expertin Michelle Beyeler als Grund für die Ablehnung der Familien-Vorlage. Die Familienpolitik in der Schweiz bleibe damit weiter ein Flickenteppich.

Karen Schärer
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Eine Mutter schiebt ihre Kinder in einem Kinderwagen und einem Dreirad.

Eine Mutter schiebt ihre Kinder in einem Kinderwagen und einem Dreirad.

Keystone

Frau Beyeler, wertkonservativ geprägte Kantone überstimmen progressiv eingestellte Kantone. Tut sich in der Schweiz ein neuer Graben auf?
Michelle Beyeler: Das ist ein alter Graben, der in dieser Vorlage zum Vorschein gekommen ist. Hätte es bei der Abstimmung über die Mutterschaftsversicherung 2004 das Ständemehr gebraucht, hätte das Resultat auch schon so ausgesehen.

Zur Person Michelle Beyeler arbeitet am Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern. Sie forscht mit Schwerpunkt Familienpolitik.

Zur Person Michelle Beyeler arbeitet am Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern. Sie forscht mit Schwerpunkt Familienpolitik.

Zvg

In mehreren Kantonen lehnte in den vergangenen Jahren eine Bevölkerungsmehrheit auch die Schulharmonisierung ab. Warum haben es Vorlagen, die zum Ziel haben, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern, besonders schwer?
Das traditionelle Familienmodell ist in der Schweiz nach wie vor stark verbreitet. Innerhalb Europas gehört die Schweiz klar zu den konservativeren Staaten. Die hohe Erwerbsbeteiligung der Frauen ist kein Widerspruch: Da sie häufig nur in kleinen Pensen erwerbstätig sind, lässt sich dies mit dem traditionellen Bild mehrheitlich vereinbaren.

Der Bundesrat wollte mit dem Verfassungsartikel eine eigentliche nationale Familienpolitik schaffen. Lähmt dieses Nein nun die Bemühungen auf lange Zeit hinaus?
Es bedeutet sicherlich einen Rückschritt für eine moderne Familienpolitik. Damit bleibt Familienpolitik in der Schweiz ein Flickenteppich voller Widersprüche. Der soziale Wandel geht aber weiter. Der Vorteil ist, dass die Kantone, in denen die Bevölkerung mehrheitlich Ja gestimmt hat, merken, dass das Thema Vereinbarkeit ein grosses Anliegen der Bevölkerung ist.

In vielen der Ja-Kantone ist das Angebot schon stark ausgebaut. Das Nachsehen hat die Bevölkerung in den Nein-Kantonen, wo nun ein Stillstand beim Ausbau der familienergänzenden Betreuung droht.
Man hat immer noch die Möglichkeit, wegzuziehen. Druck kommt aber sicherlich vonseiten der Wirtschaft. Firmen wie die ABB führen zwar eigene Kindertagesstätten. Doch die Schulstrukturen sind etwa im wichtigen Standortkanton Aargau noch auf ein traditionelles Familiensystem ausgerichtet. Solche international rekrutierenden Firmen könnten sich überlegen, ihre Standortentscheide anzupassen. Kantone, die beim Thema Vereinbarkeit eine Verweigerungshaltung einnehmen, werden sich der Konsequenzen bewusst sein müssen. Will man eine moderne, international ausgerichtete Wirtschaft aufbauen, kann man mit traditionellen Modellen nicht punkten.