Ein endloser Fall. Gut 13 Jahre ist es her, dass der Basler Financier Dieter Behring in Untersuchungshaft genommen wurde. Zwar ist Behring mittlerweile erstinstanzlich wegen Betrug zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Aber der Richterspruch ist noch nicht rechtskräftig: Behring wird ans Bundesgericht gelangen.

Bellinzona - 30.09.16 - Dieter Behring verlässt das Gericht

Bellinzona - 30.09.16 - Dieter Behring verlässt das Gericht

Einen Vorteil hat die lange Verfahrensdauer. Sie gibt Hinweise auf mutmasslich verschwundene Gelder frei wie der Klimawandel die Gletscherleichen. Ans Licht kommen dank dem automatischen Informationsaustausch über Bankdaten sowie Datenlecks wie den «Panama Papers» viele Millionen.

Freigegeben hat der «Gletscher» etwa eine Firma namens Keirle Company Limited, registriert im Jahr 2000 auf den British Virgin Islands. Der «Shareholder» der Briefkastenfirma ist gemäss «Panama Papers» seit September 2004 Anwalt X.* Also just seit der Zeit, als sich der Crash des Systems Behring abzeich- nete und sich einige der Akteure um den Financier angeblich noch kräftig am verbleibenden Schatz bedienten.

Prozess gegen Dieter Behring (Mai 2016): Seine Frau Ruth steht ihm zur Seite

Mai 2016: Prozess gegen Dieter Behring: Seine Frau Ruth steht ihm zur Seite

Die mysteriöse Firma Keirle hat ein Konto bei einer Bank auf der Steueroase Isle of Man. Auf diesem Konto tauchte unlängst recht viel Geld auf: 77,8  Millionen britische Pfund. Also gut 100 Millionen Franken.

100 Millionen. Behring bestätigt gegenüber der «Nordwestschweiz»: «Wir haben diese Informationen Ende Oktober 2017 direkt vom High Court der Isle of Man erhalten. Die Isle of Man Bank Ltd. hat im Zuge des nun aktuell werdenden Internationalen Informationsaustausches auf eine uralte Anfrage der Bundesanwaltschaft reagiert.» Bis im Herbst 2004, so Behring, hätten sich auf dem Keirle-Konto «nur ein paar tausend Dollar» befunden.

Schillernder Anwalt schweigt

X. ist ein schillernder Anwalt, der wiederholt in die Schlagzeilen geriet. Es ging um Geschäfte mit Oligarchen und Potentaten, darunter waren auch angebliche Waffenschiebereien. Hängen blieb an ihm nie etwas. X., ein Klosterschulfreund von Behrings ehemaligem Mit-Hauptangeschuldigten Peter Weibel, tauchte einst auch auf der Liste der möglichen Beschuldigten im Fall auf.

Staatsanwalt Werner Pfister wollte, bevor ihm Bundesanwalt Michael Lauber das Dossier entzog und den ganzen Fall auf Behring fokussierte, 2012 auch gegen X. Anklage erheben. Wegen Anstiftung oder Gehilfenschaft zu ungetreuer Geschäftsbesorgung.

Behring glaubt heute, dass die 100 Millionen ein Teil jener Kundengelder sind, die 2004 beim Zusammenbruch seines Systems, und als er in Haft sass, spur- los verschwanden. Er sprich von etwa 500 Millionen, die bei fünf seiner ehemaligen Partner und Mitbeschuldigten versickert seien. Etwa 100 Millionen pro Kopf.

Millionen auf Genfer Banken

Anwalt X. war telefonisch nicht zu erreichen. Er antwortete auch nicht auf eine schriftliche Anfrage, die ihm auf Anraten seiner Kanzlei per E-Mail zugestellt wurde.

Es gibt einen zweiten Fall von Millionen von Franken, die unlängst auf Konten von ehemaligen Behring-Geschäftspartnern auftauchten. Eine Summe im zweistelligen Millionenbereich wurde angeblich auf Genfer Bankkonten geortet. Wirtschaftlich Berechtigte ist, wie das Finanzportal Inside Paradeplatz kürzlich berichtete, die Witwe von Raymond Pousaz, einem ehemaligen Bankier und Behring-Partner.

Auch in diesem Fall: Die Witwe, die heute in den USA lebt, erscheint als Aktionärin einer im November 2004 eingetragenen Gesellschaft namens Plenshaw Inc. auf den British Virgin Islands. Auch das wissen wir nur dank dem Datenleck der «Panama Papers». Gegenüber Inside Paradeplatz betonte die betuchte Witwe, das Geld habe nichts mit dem Fall Behring zu tun; die Geldherkunft sei Privatsache.

Bankier Pousaz verwaltete gemäss Behring rund 1,2 Milliarden an Kapital, das nach seinem System hätte angelegt werden sollen. Laut Behring verloren seine Kumpane wohl einen Teil durch «hochspekulative Investitionen». Einen weiteren Teil habe man verschwinden lassen, glaubt er.

Die Hinweise auf die Millionen seien nun «erste Anhaltspunkte», wo das Geld stecken könnte, behauptet der Basler, der einst als Finanzgenie gehandelt wurde. «Weitere werden folgen», ist Behring überzeugt. Er klagt: Es wäre an der Justiz, endlich ihren Job zu machen und «der Spur des Geldes» systematisch nachzugehen.

Das aber ist bis heute tatsächlich nicht passiert. Es gilt die Unschuldsvermutung.

* Name der Redaktion bekannt.