Verwahrung
Fall des Sexmörders Jean-Louis B. stellt die Justiz bloss

Jean-Louis B. ist aus einem Neuenburger Gefängnis geflohen. Die Verantwortung für den Ausbruch des Gemeingefährlichen will niemand auf sich nehmen. Sie verliert sich im Paragrafen-Dickicht.

Benno Tuchschmid
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Dieses Bild von B. hat die Kapo Neuenburg gestern veröffentlicht. Kapo Ne Auf dem Fahndungsfoto der Polizei scheint sich der entflohene Straftäter noch zu freuen, bei seiner Festnahme wirkte er niedergeschlagen. key

Dieses Bild von B. hat die Kapo Neuenburg gestern veröffentlicht. Kapo Ne Auf dem Fahndungsfoto der Polizei scheint sich der entflohene Straftäter noch zu freuen, bei seiner Festnahme wirkte er niedergeschlagen. key

Der Fall Jean-Louis B. war eigentlich klar: Ein 64-Jähriger, der sein Leben zu einem grossen Teil im Gefängnis verbracht hat. Mord, mehrere äusserst brutale Vergewaltigungen, keine Reue, keine Einsicht. Die Aussicht, je wieder auf freien Fuss zu kommen, war gering. Die Behörden stuften ihn als äusserst gefährlich ein. Verwahrung. Kurz: Jean-Louis B. war ein hoffnungsloser Fall.

Und trotzdem durfte er mehrfach auf einen mehrstündigen begleiteten, so genannten «humanitären» Ausgang. Trotzdem wurde er dabei weder gefesselt noch von bewaffneten Beamten begleitet. Und so kam es, dass der gemeingefährliche Mörder und Vergewaltiger Jean-Louis B., der nie mehr freikommen sollte, beim vierten begleiteten Ausgang flüchtete. Und bis heute auf freiem Fuss ist.

Kantone schieben sich Schuld zu

Noch schieben sich die Verantwortlichen im Kanton Neuenburg, wo B. im Gefängnis einsass, und im Kanton Bern, wo er verurteilt wurde, gegenseitig die Schuld zu. Doch der Fall Jean-Louis B. ist mehr als bloss das Versagen einzelner Personen. Für Experten ist klar: Der Kantönligeist hat viel dazu beigetragen, dass ein solcher Fall überhaupt möglich wurde. «In jedem Polizei- und Justiz-Konkordat herrscht bei den Urlaubsregelungen eine andere Praxis», sagt Benjamin Brägger, bis 2010 Leiter des Neuenburger Amts für Justizvollzug und heute Lehrbeauftragter für Straf- und Massnahmenvollzug an den Unis Bern und Lausanne. Dies führe dazu, dass die Beurteilung solcher Verwahrungsfälle extrem komplex und extrem bürokratisch werde.

Tatsächlich ist die Handhabung von Ausgängen in der Schweiz sehr unterschiedlich. So werden zum Beispiel im Kanton Zürich keine Ausgänge aus humanitären Gründen gewährt. «Die humanitären Ausgänge im Kanton Zürich gibt es bereits seit einigen Jahren nicht mehr», sagt Jessica Mayer, Sprecherin beim Amt für Justizvollzug. Das bedeutet: Im Kanton Zürich können nur Gefangene in einen begleiteten Ausgang, die eine gute Aussicht auf Resozialisierung haben und bei denen weder Flucht- noch Wiederholungsgefahr besteht.

Ähnlich ist es im Kanton St. Gallen bei Sexual- und Gewaltstraftätern. Justizdirektorin Karin Keller-Sutter sagt der az: «Persönlich lehne ich bei gefährlichen Gewalt-und Sexualstraftätern Urlaube aus humanitären Gründen ab.» Die Westschweizer Kantone sind da grosszügiger. Diese unterschiedlichen Regelungen sind problematisch: Verwahrte sitzen ihre Strafe oft nicht im selben Kanton ab, in dem sie verurteilt wurden. Die verschiedenen Regelungen kommen sich in die Quere. Das Chaos ist perfekt.

Sogar die Ausbildung variiert

Der Kantönligeist beginnt nicht erst beim Vollzug, er fängt schon bei der Ausbildung der Vollzugsbeamten an. Laut Karl-Heinz Vogt, dem Vizedirektor des Schweizerischen Ausbildungszentrums für Strafvollzugspersonal, werden Vollzugsbeamte psychologisch einheitlich auf ihre Aufgaben vorbereitet. Doch: «Die praktische Ausbildung erfolgt in den einzelnen Anstalten. Da gibt es je nach Konkordat verschiedene Standards.»

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