«Wenn ich Leuten sage, dass ich Rom bin, fragen sie mich manchmal, ob ich lesen und schreiben könne», erzählt Stéphane Laederich. Er lächelt dabei, halb belustigt, halb bitter. Zum Treffen in der Time-Bar im Zürcher HB trägt er feinen Zwirn. Er ist Banker, redet perfektes Hochdeutsch. Früher war er Mathematik-Professor an der École polytechnique in Paris. Er kann lesen und schreiben. Und rechnen.

Laederich ist Direktor der Roma Foundation, einer von mehreren Schweizer Roma-Verbänden. In der Schweiz leben zwischen 80 000 und 100 000 Roma. Die meisten sind in den letzten 50 Jahren aus Ost- und Südosteuropa eingewandert. «Sie haben sich genauso integriert wie andere Immigranten. Viele haben den Schweizer Pass. Ich auch», sagt Laederich.

Seine Eltern sind Franzosen, er ist in Zürich aufgewachsen. Doch dieses Prozent der Schweizer Bevölkerung bleibt als Ethnie unsichtbar. «Viele trauen sich nicht, sich zu outen. Die Folgen auf dem Arbeitsmarkt und im Freundeskreis sind für jene, die es tun, manchmal fatal. »

Fahrende mit schlechtem Ruf

Das problematische Image strahlt vom Verhalten einer kleinen Minderheit aus. Diese 2500 leben nicht in der Schweiz, sondern reisen durch. Es sind Fahrende, sie wohnen also im Wohnwagen. Oft sind sie französische Bürger oder kommen aus Osteuropa. Scherenschleifen, Malen, Schreinern, Reparaturarbeiten: Die Camper-Karavanen ziehen durch Europa und bieten ihre Dienste an. Auf den Durchgangsplätzen bleiben sie oft nur wenige Tage, in der Schweiz sind sie also höchstens ein paar Wochen pro Jahr.

«Die Mehrheit der fahrenden Gruppen hinterlässt den Platz dreckig und unordentlich», sagt Albert Hollenstein, Gemeindeschreiber von Domat/Ems GR. Dort liegt einer von zwei Durchgangsplätzen für ausländische Fahrende, sprich Roma, in der Deutschschweiz. «Sie zweckentfremden die WCs und verrichten ihr Geschäft auf den umliegenden Gehwegen und Parkplätzen.» Die Platzgebühr von zehn Franken pro Wohnwagen und Nacht könne die Gemeinde oft gar nicht eintreiben.

Der Tradition verhaftet

Der Grund, die Notdurft nicht auf dem WC zu verrichten, liegt in den traditionellen Reinheitsvorstellungen der fahrenden Roma: Weit entfernt von Aufenthaltsräumen und vom WC des anderen Geschlechts soll das Geschäft verrichtet werden, so versteckt wie möglich und gut geputzt. Erfüllt eine Toilette diese Standards nicht, ist es reiner, sich an der freien Luft zu erleichtern. All dies stellt hohe Anforderungen an die Infrastruktur. In der Schweiz werden diese nirgends erfüllt.

Dieses Verhalten hat das Image der Roma nicht nur in der Mehrheitsgesellschaft ruiniert. Auch viele der gut 3500 fahrenden Jenischen — die allermeisten seit Generationen in der Schweiz — sind nicht gut auf die Roma zu sprechen. Diesen Eindruck vermittelt ein Besuch auf dem Aarauer Standplatz Schachen. Dort steht aktuell unter anderen der Wohnwagen von Pascal Birchler, 54: «Die Roma hinterlassen die Standplätze dreckig und kaputt, mit ihnen wollen wir nichts zu tun haben. Das Schlimmste für uns ist: Weil wir ebenfalls Fahrende sind, stecken uns viele in die gleiche Schublade wie die Roma.» Andere äussern sich ähnlich, wollen aber nicht genannt werden.

Mike Gerzner, Präsident der Bewegung der Schweizer Reisenden, bestätigt die Vorwürfe am Telefon: «Wir sind deutlich sauberer als die Roma. Ausserdem nehmen sie uns, aber auch normalen sesshaften Handwerkern die Arbeit weg. Sie machen oft die gleichen Jobs wie wir.» Ein weiterer Streitpunkt ist die Knappheit von Stellplätzen. So stünden Roma und Jenische auch hier in einem Konkurrenzverhältnis.

Stéphane Laederich erwidert Gerzners Vorwurf: «Viele Jenische sind neidisch auf die fahrenden Roma, weil diese spezialisierte Arbeiten verrichten und darum mehr Geld verdienen.» Gerzner: «Das ist Quatsch. Die Roma waren früher Teppichhändler, heute machen sie Maler- und Spenglerarbeiten, ohne dafür ausgebildet zu sein. Wir wollen hier aber keinen öffentlichen Streit inszenieren.»

Es gibt Lösungen

So beklemmend die Situation ist, es gibt auch Lösungsmöglichkeiten. Eine solche kann pragmatisch sein und muss nicht mal in einer teuren Aufrüstung eines Durchgangsplatzes bestehen. Dies zeigt ein Besuch auf dem Durchgangsplatz Kaiseraugst, im Niemandsland zwischen Autobahnausfahrt und deutscher Grenze platziert.

Auf den ersten Blick ist klar: Hier ist Geld vorhanden. Die mächtigen Wohnwagen sind in hervorragendem Zustand. Die Karossen, die diese durch halb Europa ziehen, blitzen in der Sonne. Mercedes scheint die beliebteste Marke zu sein. Kein unangenehmer Geruch stört die Nase.

Hier in Kaiseraugst sind die Hygieneprobleme offenbar deutlich geringer als in Domat/Ems: «Vor 2014 war die Situation um den Durchgangsplatz eine Kloake. Seit die Fahrenden einen Teil des Depots nicht zurückerhalten, wenn sie den Platz nicht sauber zurücklassen, hat sich die Situation stark verbessert», sagt der Kaiseraugster Gemeindeschreiber Roger Rehmann.

Der Recherche-Trip hat ein rasches Ende. Zwei Kinder sehen den unbekannten Reporter als Erste und holen einen Erwachsenen. «Wir geben keine Auskünfte, bitte gehen Sie wieder. Wir haben die Schnauze voll von Journalisten. Zu oft haben wir versucht, uns zu erklären, immer wurde nur skandalisiert», sagt der Mann in Anzug und Lederschuhen mit französischem Akzent.