AHV
Fahren die Jungen ohne Rentenreform besser?

Die Schweiz stimmt am 24. September über die Rentenreform ab. Eine Frage scheidet die Geister: Fahren die Jungen ohne Reform besser? Klar ist: Sie müssen entweder mit einer hohen Verschuldung rechnen oder eine zusätzliche Belastung der AHV in Kauf nehmen.

Anna Wanner
Drucken
Teilen
Die Rentenreform wird grosse Auswirkungen auf die Jungen von heute haben. (Symbolbild)

Die Rentenreform wird grosse Auswirkungen auf die Jungen von heute haben. (Symbolbild)

KEY

In der Abstimmung um die Altersreform buhlen Gegner und Befürworter um die jungen Wähler. Beide meinen, mit den jeweils besseren Argumenten aufzutrumpfen. Doch wer hat nun recht? Die Gegner sprechen angesichts des AHV-Ausbaus um 70 Franken pro Neurentner und Monat von einem «ungedeckten Check» für die junge Generation. «Sie wird einen sehr hohen Preis bezahlen müssen und nicht darauf vertrauen können, jemals vom versprochenen Ausbau zu profitieren.»

Wohingegen die Befürworter überzeugt sind, dass es nur einen Weg gebe, um bestehende und zukünftige Renten zu sichern: «Nur mit dieser Reform verhindern wir ein Milliardendefizit in der AHV.»

Nach der ersten Trend-Umfrage des Forschungsinstituts GfS Bern haben die Befürworter die Nase vorn: Die Jungen sagen eher Ja. Ein wichtiger Teil der Befragten ist noch unentschieden, will aber abstimmen gehen. Zumindest die rege Beteiligung am Abstimmungssonntag werden Befürworter und Gegner begrüssen: Denn niemand muss mit den Konsequenzen dieser Reform länger leben als die Jungen.

Lesen Sie auch

Wir haben Alain Berset mit acht Bürgern zusammengebracht: «Bringen 70 Franken Zustupf die AHV noch schneller ins Minus?»

Ohne Reform ab 2030 keine Rente

Auch deshalb steht die Frage der langfristigen Sicherung der Renten im Zentrum dieser Abstimmung. Ein Blick auf die Grafik genügt, um zu sehen, dass die Renten trotz Reform nur mittelfristig finanziert sind.

Ab 2029 schreibt die AHV wieder rote Zahlen. Das Betriebsergebnis der AHV wird dann 1,4 Milliarden im Minus liegen, wie das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) schätzt. 2031 verdoppelt sich das Defizit auf über drei Milliarden und bis 2035 steigt es sogar auf sechs Milliarden Franken. Bloss: Ohne Reform steht es um die AHV weitaus schlechter: 2029 weist sie ein Betriebsergebnis von minus 6,8 Milliarden Franken aus. Bis 2031 wächst das Defizit auf 8,7 Milliarden. Und 2035 liegt es über 12 Milliarden.

Die bereits vorangegangenen negativen Ergebnisse würden ein derart hohes Defizit anhäufen, dass die Reserven bis 2030 weitgehend aufgebraucht sind und als Konsequenz nicht mehr alle Renten ausbezahlt werden könnten. Bei Annahme der Reform würde sich die AHV zwar ebenfalls ab 2030 verschulden. Der AHV-Fonds würde aber noch über 57,5 Milliarden Franken verfügen, was 94 Prozent der jährlichen AHV-Ausgaben entspricht.

Die Lücke wächst und wächst

Die Defizite entstehen nicht nur, weil die Schweizerinnen und Schweizer länger leben, sondern weil in den nächsten 15 Jahren die Babyboom-Generation in Pension geht: Das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und Rentnern schrumpft (siehe Text links). Es wird deutlich mehr Geld für Renten ausgegeben, als über Beiträge eingenommen wird. Das Umlageergebnis ist bereits seit 2014 negativ und wird sich in den kommenden Jahren verschlechtern. Die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben öffnet sich weiter: 2017 werden 43,4 Milliarden Franken an Renten ausbezahlt. Ohne Reform werden es 2030 fast 60,7 Milliarden Franken sein, mit Reform sogar 61,1 Milliarden. Die Einnahmen halten mit diesem Tempo nicht Schritt. Deshalb ist eine Reform im Grundsatz unbestritten.

70 Franken bis 2039 finanziert

Angesichts der demografischen Entwicklung halten es die Gegner der Reform für unverantwortlich, die AHV auszubauen. Sie finden es falsch, dass jeder Neurentner 70 Franken pro Monat und jedes Ehepaar anstatt 150 Prozent neu 155 Prozent Rente erhält. Die AHV wird wegen dieser Rentenerhöhung über die Jahre immer stärker belastet: 2019 sind es laut BSV 85 Millionen Franken, 2025 sind es 762 Millionen und 2030 sind es 1,4 Milliarden mehr. Da das Parlament angetreten ist, die Finanzierung der AHV zu sichern und nicht weiter zu belasten, hat es eine Zusatzfinanzierung beschlossen. Jeder Arbeitgeber und -nehmer bezahlt ab 2021 0,15 Prozent mehr von seinem Lohn ans Vorsorgewerk, um die 70 Franken zu finanzieren. Das schenkt auf der Einnahmenseite sofort ein. Die AHV hat ab 2021 gut 1,2 Milliarden mehr Geld in der Kasse, 2030 sind es 1,4 Milliarden. Allerdings sind die 70 Franken AHV-Zuschlag laut BSV-Direktor Jürg Brechbühl nur bis 2039 über die erhöhten Lohnabgaben finanziert. Ab dann belasten sie die AHV-Rechnung zusätzlich. Die Gegner sprechen deshalb gerne von einer «Scheinreform».

Doppelter Vorteil für die Jungen

Zwar kann die Reform die Renten nicht langfristig sichern, doch eine Verbesserung bringt sie allemal. Einerseits sinken durch die Erhöhung des Frauenrentenalters die Ausgaben. Andererseits sorgt die Reform für deutlich mehr Einnahmen. Im Jahr 2030 sind es dank zusätzlichen Lohnbeiträgen und Mehrwertsteuereinnahmen sowie dem Beitrag des Bundes gut 4 Milliarden Franken mehr.

Ohne die Reform vergrössert sich das Loch jedes Jahr. Bis 2030 wächst es auf ein Defizit von über 7 Milliarden Franken pro Jahr. Kumuliert fehlen der AHV dann 40 Milliarden Franken. Eine neue Reform müsste zunächst einen Schuldenberg abbauen. BSV-Direktor Jürg Brechbühl hält es deshalb für falsch, die Jungen als Verlierer der Reform darzustellen. Er verweist zudem auf das «grosse Problem» in der beruflichen Vorsorge, wo die Jungen heute die nicht gedeckten Renten der Pensionierten bezahlen. «Mit der Reform korrigieren wir diese systemwidrige und ungerechte Umverteilung zugunsten der Jungen», sagte er zum Auftakt des Abstimmungskampfes im Juni. Heute würden jährlich rund 1,3 Milliarden Franken umverteilt – obwohl das in der zweiten Säule nicht vorgesehen ist. Durch den tieferen Umwandlungssatz sinken die Renten und die Umverteilung wird eingeschränkt.

Der grosse Nachteil

Bleiben die 70 Franken. Das sei eine Leistung, die zulasten der Jungen geht, streitet auch Brechbühl nicht ab. Er sagt aber: «Eines ist sicher: Wenn die Vorlage abgelehnt wird, stehen wir vor derart grossen Herausforderungen, dass die 70 Franken ein Nichts sind. Wirklich nichts.» Wer denn das 40-Milliarden-Defizit dereinst ausbügle, fragte Brechbühl in die Runde und lieferte die Antwort gleich selbst: «Die unter 45-Jährigen!»