Gesundheit

Fachleute schlagen Alarm: Es fehlt an Krebsmedikamenten

In den Spitälern gehen die Krebsmedikamente aus (Symbolbild)

In den Spitälern gehen die Krebsmedikamente aus (Symbolbild)

Die Versorgungslage bei gewissen Krebsmedikamenten ist offenbar dramatisch. Für die Spitäler ist es eine tägliche Herausforderung, die Therapien der Patienten zu gewährleisten.

Die Warnung in der jüngsten Ausgabe des «Pharmajournals», der Zeitschrift des schweizerischen Apothekerverbandes, ist unmissverständlich: «Die Nicht-Verfügbarkeit essenzieller Präparate kann die Therapie und die Sicherheit der Patienten gefährden», schreibt Co-Autor Richard Egger, Chefapotheker im Kantonsspital Aarau (KSA).

Er ist Mitglied der Arbeitsgruppe Versorgung und Ökonomie der GSASA (Gesellschaft der Schweizer Amts- und Spitalapotheker), welche die aktuellen Liefer- und Versorgungsengpässe bei zahlreichen Medikamenten analysiert hat. Die Spezialisten der Schweizer Spitalapotheker kommen zu einem beunruhigenden Befund: Die Versorgungskrise bei Krebsmedikamenten habe «dramatische Züge» angenommen. Für die Spitalapotheken sei es eine «beinahe tägliche Herausforderung, die Arzneimittelversorgung mit den von Lieferengpässen betroffenen Präparaten sicherzustellen und somit die Therapie der Patienten zu gewährleisten.»

Kritik an der Pharma

Von den Lieferengpässen betroffen sind Medikamente aus allen Bereichen. Am heikelsten ist die Situation aber bei Krebspräparaten wie Cisplatin, Carboplatin oder Fluorouracil. Die Gründe für die Engpässe sind vielfältig. Genannt werden veraltete Produktionsstätten, die mangelnde Verfügbarkeit von Rohstoffen, Produktionsverlagerungen nach Asien oder regulatorische Massnahmen auf nationaler Ebene. Der Basler Pharmamulti Sandoz beispielsweise produziert Cisplatin in Österreich. Wegen der weltweit stark steigenden Nachfrage müssten die Produktionsanlagen ausgebaut werden, sagte Sprecherin Sabine Ciccotosto auf Anfrage der az.

Die Produktion könne im «Laufe des Jahres» erhöht werden. Die Lieferprobleme hätten aber nichts mit der Preispolitik in der Schweiz zu tun. Andere Branchenvertreter stellen den Zusammenhang mit staatlichen Massnahmen explizit her. Die Tiefpreispolitik vieler Länder führe dazu, dass Firmen Medikamente nur noch einmal jährlich produzierten und nicht bereit seien, auf Nachfrageschwankungen zu reagieren, sagte der Basler Pharmaberater Salvatore Volante Anfang April gegenüber der «SonntagsZeitung». Und auch Jean-Louis Zürcher, Sprecher des Bundesamtes für Gesundheit sagte: «Ein grosser Teil von Versorgungsengpässen entsteht aufgrund von ökonomischen Überlegungen».

Ein solches Beispiel ist im GSASA-Journal vom November 2011 dokumentiert. Die angeblich aus preispolitischen Gründen verfügte Markt-Rücknahme des Leukämie-Mittels Cerubidin durch den Pharmakonzern Sanofi löste geharnischte Kritik aus. Für die Pharmabranche seien Arzneimittel nur noch eine «Quelle des Profits», schrieb der Lausanner Medizinprofessor André Pannatier in seinem Leitartikel. Er rief die Spitalapotheker auf, bei den Behörden zu intervenieren, um «nicht länger Spielball der Industrie» zu sein.

Ursprung in den USA

Versorgungsengpässe bei Arzneimitteln sind in den USA schon seit den 1990er-Jahren ein Thema. Die Situation hat sich aber im neuen Jahrhundert drastisch verschlechtert. Zwischen 2005 und 2010 hat sich die Zahl der Lieferengpässe verdreifacht. Die Lage spitzte sich zu, sodass Präsident Obama im November 2011 die Medikamentenbehörde beauftragte, sämtliche Massnahmen im Kampf gegen Lieferengpässe zu treffen. Oft schwappen die Ereignisse in den USA mit einer Verzögerung auf Europa und die Schweiz über.

Die Schweizer Spitalapotheker sind daher pessimistisch: «Die Situation wird sich partiell eher noch verschlechtern», schreibt Richard Egger vom KSA. Immerhin gibt es seit der Revision des Heilmittelgesetzes die Möglichkeit, direkt im Ausland in der Schweiz nicht registrierte Medikamente zu kaufen. «Doch der Aufwand ist enorm und die Preise sind hoch», sagt Enea Martinelli, Chefapotheker am Spital Interlaken.

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