Seit dem Erscheinen Ihres Artikels sucht Imam Ardian Elezi die Öffentlichkeit, mehrere Medien haben Interviews veröffentlicht. Drängt er sich nun vor?

Kurt Pelda: Das ist sein gutes Recht. Aber mit allem, was er jetzt wiederholt, war er bereits in meinem Artikel zitiert. Er hat eine Tendenz zum Selbstdarsteller. Das geht so weit, dass er mir absurderweise einen Entwurf für meinen Artikel gemailt hat. Der Text sollte seiner Ansicht nach den Titel «Der beste unter den Menschen ist der Nützlichste für die Menschen» tragen.

Das haben Sie nicht zugelassen und Elezis Aussagen kritisch eingeordnet. Bei den Interviews mit ihm ist das teilweise anders. Sie dienen radikalen Predigern gar zur Eigenwerbung. Eines hat etwa der Youtube-Kanal «Einladung zum Paradies» gepostet.

Das ist der Kanal der deutschen Prediger Pierre Vogel, Mohammed Ciftci und des verurteilten Terrorhelfers Sven Lau. Ein paar von Elezis Anhängern stehen Pierre Vogel nahe.

Ist Elezi selbst auf einer Linie mit Pierre Vogel, der islamistische Milizionäre in Syrien «Freiheitskämpfer» nennt?

Elezi hat bereits 2009 bei einer Standaktion von Einladung zum Paradies am Claraplatz mitgemacht. Heute orientiert er sich aber stärker an salafistischen Predigern aus dem albanischen Sprachraum.

Die Publikation ihrer Recherche gibt Elezi enormen Raum zur Selbstdarstellung.

Das kann kein Grund sein, um nicht zu berichten. Wenn jemand in der SVP ein rechtsextremes Statement macht – passiert immer wieder –, kann man das auch nicht totschweigen! Es ist in unser aller Interesse, dass die SVP nicht von Rechtsextremen übernommen wird.

Gehört der Islam Ihrer Ansicht nach also – wie die SVP – zur Schweiz?

Es leben 400'000 Muslime in der Schweiz. Logisch müssen wir uns mit ihnen beschäftigen. Wir müssen uns aber auch mit dem Islam als Religion befassen. Den einen Islam gibt es nicht – genauso, wie es neben den Landeskirchen Freikirchen und Sekten gibt.

Freikirchen werden kritischer betrachtet als die Landeskirchen. Wäre die staatliche Anerkennung des Islams, also «Landesmoschee», ein sinnvoller Schritt?

Die islamischen Verbände müssten erst ihre Konflikte bereinigen und ihre Verbandsmitglieder mehr in die Pflicht nehmen: Moscheen sind in der Regel als Vereine organisiert. Viele Moscheen sind transparent und für alle offen – einige nicht. Wichtig ist zum Beispiel, dass Aushänge mit einem offiziellen Stempel versehen sind. So kann unautorisierte Propaganda verhindert werden. Die staatliche Anerkennung hätte viele Vorteile. Es wäre etwa möglich, eine anerkannte Islam-Ausbildung zu verlangen – und nicht eine aus Medina.

Sie spielen auf Elezis Studium in Medina an. Wie schätzen Sie diese Ausbildung ein?

Dieses Studium orientiert sich am Wahhabismus, der Staatsreligion in Saudi-Arabien. Während seiner Zeit in Medina hat Elezi ziemlich extreme Sachen auf Facebook gepostet. Jetzt gibt er sich gemässigter. Zumindest auf Facebook.

Auf Facebook spricht Ardian Elezi aber kaum Muslime in der Schweiz an. Zehntausende Gefällt-mir-Angaben stammen aus dem Balkan.

Im Internet richtet er sich an die albanische Diaspora und Albanischsprachige in den Heimatländern.

Ein Social-Media-Phänomen. Wird «Peace & Blessing», seine Moschee in Kleinhüningen, überhaupt besucht?

Zum Freitagsgebet kommen 20 bis 30 Leute. Praktisch alles Männer.

In Ihrem Artikel schreiben Sie, Klybeck-Kleinhüningen sei ein «Treffpunkt der internationalen Salafistenszene». Muss die Stadt Basel durch die Grenznähe hier eine besondere Verantwortung wahrnehmen?

Die Quartiere haben diese Rolle schon lange. Drei von vier Moscheen in Klybeck-Kleinhüningen sind radikal. Eine davon, die Saidi Nursi-Stiftung, entstammt der türkischen Hizbollah. Diese war eine islamistische Sekte, in der Ausrichtung nationalistisch und antisemitisch. Die Saidi Nursi-Stiftung ist die älteste Moschee im Basler Norden – und befindet sich schon lange unter Beobachtung.

Werben diese salafistischen Moscheen unter Asylsuchenden im nahen Erstaufnahmezentrum?

Die Arrahma-Moschee, die dritte radikale Moschee in der Gegend, hat aktiv unter Flüchtlingen missioniert. Sie luden sie zum Fastenbrechen ein, sprachen mit ihnen über Gott und die Welt und vermittelten ihnen, dass man als Muslim gewisse Pflichten hat. Wer solcher Indoktrination länger zuhört, glaubt irgendwann, dass es auch Pflicht eines Muslims ist, in den Dschihad zu ziehen, in den Verteidigungskampf für den Islam. Die Arrahma-Moschee ist die internationalste dieser Moscheen. Es kommen Leute aus ganz Europa, manchmal auch aus Asien.

Reisen zum Freitagsgebet bei «Peace & Blessing» internationale Besucher an?

Kaum. Ardian Elezis Moschee hat Anhänger in der direkten Nachbarschaft, im Waldenburgertal und auch jenseits des Jura.

Fast zeitgleich mit Ihrem Artikel über Elezi berichtete die «Tageswoche», dass in der evangelisch-reformierten Gellertkirche antisemitische und frauenfeindliche Predigten gehalten werden, die nicht minder radikal sind.

In allen Religionen gibt es solche Tendenzen. Religion ist immer eine Frage der Auslegung – und eine Frage, wie diese Auslegung dann ins tägliche Leben übersetzt wird. Bischof Huonder braucht auch nicht mehr als ein Bibelzitat, um gegen Schwule zu hetzen.

Die Basler CVP fordert – begründet mit Ihrer Recherche – unter anderem flächendeckende Untersuchungen in allen Moscheen und Einreiseverbote.

Ich kenne nicht alle 16 Moscheen in Basel, aber der Grossteil ist unverdächtig. Flächendeckender Generalverdacht ist gefährlich und schürt Ressentiments. Bei einem Bruchteil der Moscheen in der Schweiz gibt es Nährboden für Radikalisierung, und wiederum nur ein kleiner Teil der Radikalisierten wird gewalttätig. Die schweigende Mehrheit der Muslime in der Schweiz hat begriffen, dass ihre Religion von Terroristen und radikalen Predigern in den Dreck gezogen wird. Nur zur Information: Alle meine Quellen in der Recherche für einen solchen Artikel sind Muslime.

Wie können Behörden mit der kleinen radikalen und extremistischen Minderheit unter den Muslimen umgehen?

Nicht anders als mit politischen Extremisten. Auf mich wirken alle Radikalen von der psychologischen Konstitution her ähnlich. Das Gefahrenpotenzial ist nicht bei allen gleich, aber das kann sich in fünf Jahren ändern. Deshalb finde ich das deutsche System gut. Es macht keinen Unterschied zwischen rechtem, linkem oder religiösem Extremismus, sondern es heisst klar: Der Verfassungsschutz schützt die verfassungsmässige Ordnung. Die ersten 20 Artikel im deutschen Grundgesetz sind unveränderlich. Dort sind alle Grundprinzipien der liberalen Demokratie festgesetzt.

Wie schätzen Sie den Umgang in der Schweiz mit Extremismus ein?

Unser Nachrichtendienst, der NDB, hat im Gegensatz zum deutschen Verfassungsschutz keine polizeilichen Kompetenzen. Er recherchiert. Ist ein Dossier fertiggestellt, geht es an die Bundesanwaltschaft. Die entscheidet über Anklagen, Hausdurchsuchungen oder Verhaftungen – ohne Rücksprache mit dem NDB. Das ist meiner Meinung nach verbesserungswürdig. Darüber hinaus braucht es wache Mitarbeiter bei anderen Behörden, zum Beispiel bei den Integrationsfachstellen, die auf Signale – etwa Drohungen auf Social Media und psychische Probleme – reagieren sollten. Aber die Hauptarbeit liegt beim Nachrichtendienst. Die Hintermänner sind oft nicht auf Facebook. An die kommt man nur mit nachrichtendienstlichen Mitteln.