Bundesrat

Experten bezweifeln Hacker-Angriff auf Bersets Twitter-Account

Ziel eines Hacker-Angriffs? Der Twitter-Account von Innenminister Alain Berset.

Ziel eines Hacker-Angriffs? Der Twitter-Account von Innenminister Alain Berset.

Zwei ausgewiesene Experten für Social-Media-Plattformen äussern Zweifel an der Behauptung von Innenminister Alain Berset, wonach er Opfer eines Hackerangriffs geworden sei.

Auf dem Twitter-Profil des SP-Bundesrates war am Dienstagvormittag ein Link zu einem Online-Artikel des Westschweizer Fernsehens über das Gerichtsurteil im Fall des Whistleblowers Bradley Manning erschienen. Vier Minuten später war der Tweet wieder verschwunden. «Mein Konto ist gehackt worden. Ich bin nicht der Autor des Tweets», vermeldete Berset kurz danach über denselben Kanal. So setzte er Spekulationen ein Ende, wonach der Tweet eine bundesrätliche Solidaritätsbekundung für Manning darstellen könnte.

Daniel Graf, Dozent für Social-Media-Strategie, hält die Geschichte des Hacker-Angriffs für etwas gar abenteuerlich. «Es erscheint mir nicht plausibel, dass jemand Bersets Account infiltriert, nur um dann einen belanglosen Link zu einem Newsartikel abzusetzen. Dass er den Tweet vier Minuten später wieder gelöscht hat, spricht ebenfalls nicht für die Hacker-These», sagt Graf. Er hält es für wahrscheinlicher, dass der Bundesrat den Link versehentlich selber gepostet hat.

Mit den weitverbreiteten, automatisierten Phishing-Angriffen auf Twitter ist der Fall Berset jedenfalls nicht vergleichbar. Diese laufen in der Regel so ab, dass ein Nutzer auf einen bösartigen Link klickt, gutgläubig sein Passwort eingibt und die Kontrolle über seinen Account verliert.

In der Folge wird er unwillentlich zum Urheber von englischen Spam-Meldungen für Potenzmittel und andere dubiose Produkte. «Es ist sehr selten, dass ein spezifischer Account gehackt wird», sagt Social-Media-Berater Thomas Hutter. Wenn nicht Berset selbst den Tweet ins Internet gestellt habe, dann vielleicht ein Mitarbeiter aus seinem Stab mit Zugriff auf den Account.

Berset-Berater relativiert

Alain Bersets Kommunikationsberater Peter Lauener bestätigt auf Anfrage, dass ein kleiner Kreis von Angestellten Zugriff auf das Twitter-Profil des Bundesrates habe – und er relativiert die Theorie vom Hacker-Angriff bereits. «Es muss nicht zwingend der Twitter-Account sein, der gehackt worden ist. Es ist auch möglich, dass sich ein Angreifer auf anderem Weg Zugriff verschafft hat.» IT-Experten des Bundes würden untersuchen, was vorgefallen sei.

Den Vorfall an sich beschreibt Lauener wie folgt: «Das Kommunikationsteam hat Herrn Bersets Tweet nach drei Minuten gesehen. Wir riefen ihn an und fragten, ob er ihn selber verfasst habe, was nicht der Fall war. In der Folge wurde der Tweet gelöscht.»

Lieblingsausrede von Politikern

Wo auch immer die Wahrheit begraben liegt: Die Erklärung des Innenministers für den fehlgeleiteten Tweet entspricht der Lieblingsausrede von Politikern für Misstritte im Internet. Anstatt für ihre Fauxpas geradezustehen, haben schon zahlreiche Volksvertreter rund um den Globus einem anonymen Hacker die Schuld in die Schuhe geschoben.

Prominentestes Beispiel ist der ehemalige amerikanische Kongressabgeordnete Anthony Weiner: Der einst angesehene Politiker hatte im Mai 2011 versehentlich ein Bild seines besten Stücks auf Twitter gestellt, dann aber bestritten, Urheber des Tweets zu sein.

In der Schweiz machte der Aargauer FDP-Grossrat Daniel Heller im selben Jahr mit einem ähnlichen Dementi Schlagzeilen: Er hatte auf Facebook über Bundesrätin Doris Leuthard gelästert und danach tagelang dementiert, die Zeilen selber verfasst zu haben – bis er das Gegenteil zugab.

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