Suizidhilfe

Exit erstmals im Gefängnis: Weshalb ein als gemeingefährlich eingestufter Verwahrter endlich sterben möchte

Am 13. August 2020 um 17.15 Uhr wird Peter Vogt 70 Jahre alt. Genau dann soll sein Todeszeitpunkt sein.

Am 13. August 2020 um 17.15 Uhr wird Peter Vogt 70 Jahre alt. Genau dann soll sein Todeszeitpunkt sein.

Der Verwahrte Peter Vogt hat aus dem Gefängnis heraus eine Debatte über Suizidhilfe lanciert. Hat er in Unfreiheit das Recht, frei über seinen Tod zu ­bestimmen? Jetzt hat Exit den als gemeingefährlich eingestuften Mann besucht.

Die Sicherheitsprozedur am Eingang des Gefängnisses Bostadel im Kanton Zug zieht sich in die Länge. Der Justizvollzugsbeamte hinter der Glasscheibe klärt ab, ob der Reporter neben Stift und Block auch ein Diktiergerät mitnehmen darf und ob er ein Alarmgerät braucht. Schliesslich wird das Aufnahmegerät bewilligt und auf das Funkgerät wird verzichtet. Dann gibt der Beamte die Sicherheitsschleuse frei und sagt: «Erste Türe links.»

Peter Vogt ist schon da. Er hat sich im Besucherraum mit dem Rücken zum vergitterten Fenster platziert, die Uhr und den Eingang im Blick. Seit seinem ersten Fernsehauftritt vor einem Jahr ist der 69-Jährige sichtbar gealtert. Er trägt jetzt einen weissen kurzen Bart und weisse kurze Haare. Zu den 156 Kilos, die er vor einem Jahr gewogen hat, sind weitere hinzugekommen. An der Wand lehnen seine blauen Krücken. Daran baumelt, an einer Schnur befestigt, ein Kugelschreiber. Die Stöcke und der Stift können als Symbole für Vogts Situation gesehen werden.

Die Gehhilfe steht dafür, wie er zum Pflegefall hinter Gittern wird. Noch kann er den Alltag selber bewältigen. Doch bald wird er auf fremde Hilfe angewiesen sein. Er leidet an einer Lungenkrankheit, Herzproblemen und Altersbeschwerden. 15 Medikamente halten die Auswirkungen in Grenzen. Vogt wird voraussichtlich im Gefängnis sterben. Die Frage ist vor allem, wann. Er hat keine Perspektive auf eine Entlassung.

Er ist ein Verwahrter, der seit 25 Jahren in Haft sitzt. Die Behörden stufen die Rückfallgefahr als «hoch» und die Fluchtgefahr als «virulent» ein. Dieses Jahr wurde ihm ein einziger Ausgang bewilligt. Als Vogt sich an einem Mittwochmittag im November mit Angehörigen in einem Ausflugsrestaurant traf, wurde er von zwei Kantonspolizisten und einem Justizvollzugsbeamten begleitet. Vogt amüsiert sich über das Sicherheitsaufgebot, deutet auf seine Krücken und sagt: «Ich hatte auch meine beiden Fluchthelfer dabei.»

Zum ersten Mal betreten ­Suizidhelfer ein Gefängnis

Der Kugelschreiber steht für die Debatte, die Vogt angestossen hat. Sie begann im Sommer vor einem Jahr mit einem zweiseitigen Brief an die Suizidhilfeorganisation Exit. Darin bat er um juristische Vorabklärungen. Für die Fragen, die sein Fall aufwirft, gibt es keine rechtlichen Grundlagen. Vogt ist der erste Gefangene in der Schweiz, der öffentlich Suizidhilfe fordert.

In seinem Schreiben nannte er drei Gründe, weshalb sein Leben keinen Sinn mehr mache. Er listete sie Punkt für Punkt auf. Erstens seine Gesundheit, die Lungenkrankheit, die ohne Transplantation tödlich ende, zweitens seine Persönlichkeitsstörung, die als untherapierbar gilt und drittens seine fehlende Zukunftsperspektive. Im Brief lud er Exit zu einem Gefängnisbesuch ein.

17 Monate nachdem Vogt den Brief verschickt hatte, ist das Treffen nun zustande gekommen. Es gibt in der Schweiz immer noch Altersheime, die Suizidhilfeorganisationen den Zutritt verwehren. Dass die Gefängnisleitung den Exit-Besuch bewilligt hat, ist deshalb nicht selbstverständlich. Es ist das erste Mal in der Schweiz, dass eine Suizidhilfeorganisation in einem Gefängnis ein Beratungsgespräch durchführt. Zwei Sterbebegleiter haben Vogt im ­Besucherraum getroffen. Er hat ihnen eröffnet, wann er sterben möchte: am 13. August 2020 um 17.15 Uhr. Dann wird er auf die Minute genau 70 Jahre alt.

1010.2018: Der «Rundschau»-Beitrag von SRF über den verwahrten Sexualstraftäter Peter Vogt.

Die Sterbebegleiter stellten ihm eine hypothetische Frage: Was würde er antworten, wenn ein Termin schon in zwei Wochen möglich wäre? «Nein, danke.» Er brauche mehr Zeit, um sich von seinen Angehörigen zu verabschieden. Dies sei auch der Grund, weshalb er sich nicht ohne Exit umbringen möchte. «Ich will nicht mutterseelenalleine sterben», sagt er.

Alle zwei Monate begeht ein Häftling in der Schweiz Suizid mit einer brachialen Methode. Vogt hat in seinen Jahren im Gefängnis schon vier Kollegen in der Zelle gefunden: mit herausgerissenen Adern, mit einem Plastiksack über dem Kopf, mit einem Kabel und mit einem Gurt um den Hals. Sie sind in Einsamkeit gestorben. Vogt möchte im Kreis seiner wichtigsten Bezugspersonen sterben.

Ob er auch in Freiheit eine tödliche Dosis Natrium-Pentobarbital verlangen würde? Die Frage wird Vogt immer wieder gestellt, auch von Exit. Er könne sich gar nicht vorstellen, wie sich seine Situation in Freiheit anfühlen würde, pflegt er zu antworten, eines wisse er aber: «Auch in Freiheit will ich kein Pflegefall werden.»

Nach der Sterbeberatung setzt Vogt seine Unterschrift unter eine Schweigepflichtentbindung für seinen Arzt und Psychiater. Nun müssen zwei Psychiater seine Urteilsfähigkeit bestätigen. Vogt sagt nach dem Treffen: «Für ­meinen Gemütszustand war das Gespräch beruhigend.» Seit Langem habe er jetzt wieder eine Perspektive: den 13. August.

Wenn sich Recht und Moral vermischen

Der Fall wirft einfache Fragen auf, die schwierig zu beantworten sind. Was ist eine Strafe? Wie lange dauert sie? Ist die Selbsttötung eine Befreiung davon oder die ultimative Bestrafung?

Die Freiheitsstrafe von Peter Vogt endete nach zehn Jahren. Danach begann am 7. Oktober 2004 die Sicherheitsverwahrung. Damit hat der Grund geändert, weshalb er eingesperrt ist: nicht mehr aus Sühne, sondern aus Schutz. In Deutschland ändert an ­diesem Tag die Art der Unterbringung. Das sogenannte Abstandsgebot schreibt vor, dass die Verwahrten separat untergebracht werden und mehr Freiheiten haben müssen. Im Leben von Peter Vogt hat sich an diesem 7. Oktober überhaupt nichts geändert. Er sass weiterhin in der gleichen Zelle und unterlag den gleichen Regeln wie zuvor. Sein Tagesablauf blieb derselbe.

Hans Guldenmann, 63, ist Gefängnisseelsorger und trifft sich einmal pro Woche mit Vogt. Der Theologe sagt: «Unter den gegebenen Bedingungen der Verwahrung ist die Idee für einen Suizid naheliegend. Man ist wie lebendig begraben. Man wartet nur auf den Tod.» Der Verwahrungsvollzug sollte deshalb grundsätzlich überdacht werden: Verwahrte sollten in einem anderen Regime als dem Strafvollzug untergebracht werden, meint der Geistliche. Justizvollzugsexperten fordern dies schon lange – erfolglos.

Vogt kennt viele Gefängnisse von innen, die Justizvollzugsanstalt Bostadel hält er für die optimalste für Verwahrte. Denn es sei die einzige mit einem Gemeinschaftsraum zum Essen: «Wenn man in der Zelle isst, findet eine Verwahrlosung statt. Die Insassen schlürfen und rülpsen. In einem Speisesaal hingegen findet eine soziale Kontrolle statt. Man nimmt Rücksicht aufeinander.» Vogt sind vor allem zwei Aspekte in seinem Alltag wichtig: Er wolle gut essen und seine Ruhe haben.

Trotzdem: Ohne eine Perspektive habe sein Dasein mit einem lebenswerten Leben nichts gemein. Eine Verwahrung bedeute in der Schweiz «eine Todesstrafe auf Raten». In den Medien sei dies selten ein Thema. Vogt: «Um ein Medieninteresse zu generieren, bedarf es offensichtlich Gefangener, die ihren Anspruch auf einen würdevollen Tod einfordern.»

Vogt verkündete seinen Sterbewunsch vor einem Jahr im Schweizer Fernsehen. Was die Sendung «Rundschau» allerdings daraus gemacht hat, bezeichnet er heute als «Katastrophe». Erhofft hat er sich eine sachliche Debatte über das Recht auf Selbst­bestimmung im Justizvollzug. Her­ausgekommen ist eine emotionale Debatte über seine Person und seine ­Taten. Der «Blick» titelte danach: «Kinderschänder bettelt um Sterbehilfe». Die Debatte entglitt Vogt. Es ging nicht mehr um sein Anliegen, sondern um ihn. Das findet er unfair: «Es ist völlig egal, was ein Mensch verbrochen hat, das Recht, über seinen Tod zu bestimmen, darf man ihm nicht nehmen.»

Die Medien im Bann eines ­wortgewandten Verbrechers

Zum «Blick» hat Vogt ein ambivalentes Verhältnis. Er glaubt, seine Strafe sei damals in der Gerichtsverhandlung 1996 wegen des Boulevardblattes ­besonders hart ausgefallen. Bis 2011 ­amtete in Zürich ein Geschworenengericht. Vogt sah während seiner Verhandlung Geschworene mit dem «Blick» unter dem Arm. Die Schlag­zeile darin weiss er auswendig: «Er missbrauchte 13 Kinder und Frauen.» Das sei eine Übertreibung gewesen, sagt er. Nach der Verurteilung forderte der «Blick»: «Lasst ihn nie mehr raus!» Die Forderung scheint in Erfüllung zu gehen.

Obwohl sich Vogt vom «Blick» unfair behandelt fühlt, mag er auf dessen Reichweite nicht verzichten. Kürzlich traf er eine «Blick»-Reporterin zum Gespräch. Einer ihrer Artikel begann mit dem Satz: «Ausgerechnet ein pädophiler Vergewaltiger bringt den Schweizer Strafvollzug in ein moralisches Dilemma.» Dabei hat er stets bestritten, pädophil zu sein. Erbost rief er die Reporterin deshalb aus der gefängnisinternen Telefonzelle an, worauf sie den Satz in der Onlineversion strich. Die Episode zeigt, wie es Vogt gelingt, aus dem Gefängnis heraus Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen.

Ein psychologisches Gutachten attestiert ihm eine durchschnittliche Intelligenz (IQ von 106), aber eine überdurchschnittliche sprachliche Versiertheit sowie ein höheres Allgemeinwissen im Vergleich zu Gleichaltrigen.

Vogt hat nicht nur in den Medien eine Debatte angestossen, sondern auch in der Fachwelt. Strafvollzugs­experten haben seit seinem Fernsehauftritt Aufsätze zur Suizidhilfe geschrieben. Das wichtigste Dokument ist ein Gutachten, das die kantonalen Justizdirektoren in Auftrag gegeben haben und sich bis Anfang 2020 in einer Vernehmlassung befindet. Es stellt fest, dass das Recht auf einen selbstbestimmten Tod für alle Leute gilt – in Freiheit und in Gefangenschaft. Aus Sicht der Gutachter müssen nur noch organisatorische Fragen geklärt werden, also wie und wo die Suizidhilfe ablaufen würde.

Es gibt allerdings auch unter Fachleuten Bedenken, ob die Antwort der Gutachter nicht zu einfach ist. Kann sich ein Gefangener seiner Strafe durch Selbsttötung entziehen? Thierry Urwyler und Thomas Noll, die für das Zürcher Amt für Justizvollzug arbeiten, haben in der Fachzeitschrift «Jusletter» einen Kompromissvorschlag formuliert. Spätestens wenn ein Täter zwei Drittel seiner Strafe verbüsst habe, könne ihm das Recht auf Selbsttötung nicht mehr verweigert werden, argumentieren sie.

Denn nach dieser Frist kommt ein Täter auf Bewährung frei, wenn er keine Gefahr mehr darstellt. Bei einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe ist dieser Zeitpunkt nach 15 Jahren erreicht. Vorher hat die Strafe schuldausgleichenden Charakter, nachher präventiven. Deshalb könne man einem Täter, der den schuld­ausgleichenden Teil seiner Strafe abgesessen hat, nicht vorwerfen, er entziehe sich mit einem Suizid dem Schuldausgleich.

Ist der assistierte Suizid eine freiwillige Todesstrafe?

Es gibt auch Kritiker, die eine Suizidhilfe nicht als zu weiche, sondern als zu harte Lösung sehen. Die «Wochenzeitung» kommentierte: «Das ist Überwachen und Strafen im 21. Jahrhundert: Gefangene vollziehen die Todesstrafe selbst.»

Vogt sagt dazu: «Das trifft den Nagel auf den Kopf.» Er fordert also für sich selber die Todesstrafe. In seiner ausweglosen Situation sieht er den Tod als Befreiung und Bestrafung zugleich. Eine Befreiung, weil der Tod ein Ausweg ist. Eine Bestrafung, weil kein normaler Ausweg möglich ist. Er sagt: «Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber was ist, wenn die Hoffnung gestorben ist?»

In der Türe des Besucherraums erscheint ein Justizvollzugsbeamter, der schon zum zweiten Mal mit einer schneidenden Handbewegung auf das Ende der bewilligten Gesprächsdauer hinweist. Beim ersten Mal konnte Vogt noch zehn zusätzliche Minuten herausschinden. Jetzt ist seine Zeit abgelaufen. Vogt packt seine Krücken. Schwer schnaufend schleppt er sich durch den grauen Gang.

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