«Schade. Es war ein langer Weg, es war Land in Sicht. Und jetzt kommt das mit der G-20.» Alt Bundesrichter Hans «Jonny» Wiprächtiger (SP) ärgert sich gewaltig. Seit gut einem Jahr arbeitet er im Auftrag der Stadt Bern daran, zwischen dem Betreiberverein der Reitschule und der Kantonspolizei zu vermitteln. «Ich bin jetzt seit einem Jahr daran, Vertrauen aufzubauen. Das ist nicht so einfach», sagt er zur «Nordwestschweiz». Ein erstes Gespräch zwischen den Parteien sollte in Kürze stattfinden. Ein Anfang auf dem Weg zu ständigem Dialog und einem Massnahmenplan. «Ich wollte beim Treffen zwischen Polizei und Reitschule drei Alltagsthemen diskutieren», sagt der Luzerner, der während 21 Jahren Strafrichter am Bundesgericht in Lausanne war. Etwa, wie man mit dem Drogenhandel auf der Schützenmatte umgeht.

Dann kam der Gewaltrausch am G-20-Gipfel in Hamburg, mit dem Verdacht, dass unter den Chaoten auch «Reitschüler» waren. Auch leitete die Berner Staatsanwaltschaft eine Strafuntersuchung ein, weil auf dem Dach der Reithalle Gewalt-Parolen zu lesen waren: «Smash G-20», «Shoot G-20», zuletzt sogar «Blow up G-20». Die Stadt liess die Parolen übermalen, worauf immer brutalere folgten.

Reitschüler als Chaoten am G-20?

Es ist auch Wiprächtiger, der heute in Basel wieder als Anwalt arbeitet, nicht bekannt, wer die Parolen hingemalt hat. Die Reitschüler gäben auf solche Fragen jeweils an, sie wüssten es auch nicht, das passiere nachts. Klar ist für den 74-Jährigen: «Es ist ungünstig für den Ruf der Reitschule, wenn es jetzt wieder heisst, die Staatsanwaltschaft ermittelt.» Dass die Behörde aktiv geworden ist, hält der ehemalige Richter für richtig (auch weil die Reitschüler damit von Vorwürfen entlastet werden könnten). Andererseits: «Ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass die Leute, die ich kennen gelernt habe und mit denen ich in Kontakt bin, zu den Chaoten gehören.» Dabei steht für ihn fest, dass Gewalt in jedem Fall zu verurteilen ist, was auch für die Reitschüler gelte.

«Ihr seid so vernagelt in der Birne»: Til Schweigers Botschaft an die G20-Chaoten

«Ihr seid so vernagelt in der Birne»: Til Schweigers Botschaft an die G20-Chaoten

Til Schweiger hat der Polizei für ihren Einsatz bei den Protesten gegen den G20-Gipfel in Hamburg gedankt. In Richtung der Demonstranten sagte er, dass Demonstrationen zum Bürgerrecht dazugehören. «Aber bitte bleibt friedfertig und versucht nicht, die Polizei zu provozieren.» Wenn Polizisten angegriffen würden, entstehe nur Gewalt und Chaos.

Dass Reitschüler nach Hamburg gingen, war auch ihm bekannt. «Ich wusste und habe mitbekommen, dass Billetts für die Reise nach Hamburg an die Demo verkauft wurden. Dagegen ist ja nichts einzuwenden. Gewaltfreie Demonstrationen sind verfassungsmässig geschützt.» Der Umgang der Reitschüler mit Militanten, mit Gewaltbereiten, bleibt allerdings ein Rätsel und ein Problem. «Wenn sie solchen Leuten Unterschlupf gewährten, kann das Beihilfe zu verschiedenen Delikten sein», sagt Wiprächtiger. «Sie bestreiten aber, dass sie den Gewaltbereiten, dem Schwarzen Block, Unterschlupf bieten.» Die Betreiber der Reitschule distanzierten sich von Gewalt, welche auch in ihrem Manifest ausgeschlossen werde.

Wiprächtiger anerkennt die kooperative und unkomplizierte Haltung der Berner Polizeiverantwortlichen, Kommandant Stefan Blättler und Regionalchef Manuel Willi. Auch bei der Reitschule kam er voran, aber das war ein längerer Prozess. «Ich durfte schliesslich an einer Vollversammlung teilnehmen, das war für mich eine grosse Ehre.» Er sei beeindruckt gewesen, wie vernünftig und in welch guter Atmosphäre die Versammlung ablief, wie bei einem gut geführten Verein, von denen es in der Schweiz Tausende gibt. In gewisser Hinsicht ist die Reithalle sogar so schweizerisch, dass es Wiprächtiger zu langsam geht. «Ich habe ihnen schon gesagt: Ihr seid zu konservativ, eure Abläufe dauern viel zu lange. Es dauert ewig, bis einmal etwas entschieden ist.»

Beeindruckende Reitschüler

Dass sich sein Einsatz lohnt und für eine wichtige Sache ist, davon ist der ehemalige Bundesrichter nach wie vor überzeugt: Die Arbeit der Reitschule sei sehr positiv. Leider nehme man von aussen nur negative Schlagzeilen zur Kenntnis. «Ich mag diese Leute», sagt Wiprächtiger. «Ich habe Freude an ihrer kulturellen Arbeit und an ihrem Einsatz für die jungen Leute, die sie leisten, ferner die Selbstverwaltung. Wenn es beispielsweise um kleinere Diebstähle oder auch sexuelle Belästigungen geht, klären sie das selbst auf und ergreifen die erforderlichen Massnahmen. Das funktioniert, was beeindruckend ist», sagt der Jurist, der als nonkonformer Bundesrichter galt. Einer der Vorschläge, die Wiprächtiger an der Vollversammlung vortrug und die auf Zustimmung stiessen: «Ich habe ihnen beliebt gemacht, ihr Erscheinungsbild zu verbessern.» Die Reitschule müsse aus der Schmuddelecke herauskommen, also auch gegen aussen ein gutes Bild abgeben.

Aber dann war Hamburg. «Jetzt muss ich wieder warten», sagt Wiprächtiger, bis sich der Pulverdampf etwas verzogen hat. Er denkt, dass sich die Gemüter etwas beruhigen und das erste Treffen zwischen Reithalle und Polizei doch noch bald möglich wird. Er glaubt an die Erfolgschance. «Wenn die Regierung von Kolumbien ein Friedensabkommen mit der Farc-Guerilla schliessen konnte, muss in Bern doch ein Reithallen-Frieden möglich sein.»

Aber ewig will er nicht mehr weiterverhandeln. In den nächsten Monaten sollen die Kontakte stattfinden. Ein weiteres Hinausschieben sei nicht sinnvoll.

G20-Gipfel in Hamburg – Krawalle im Schanzenquartier: