Bruno Zuppiger
Ex-Bundesratskandidat Bruno Zuppiger steht heute vor Gericht

Bruno Zuppiger gelang es, seine Misserfolge und seinen Ehrgeiz hinter seiner Jovialität zu verbergen. Sein gutes Netz zu anderen Politikern und seine joviale Art verhalfen ihm denn auch zur Bundesratskandidatur der SVP. Heute steht er vor Gericht.

Anna Wanner und Michael Rüegg
Drucken
Teilen
Da war alles noch gut: Am 1. Dezember 2011 präsentierte SVP-Fraktionschef Caspar Baader (rechts) den Zürcher SVP-Nationalrat Bruno Zuppiger (links) als Bundesratskandidaten. Keystone

Da war alles noch gut: Am 1. Dezember 2011 präsentierte SVP-Fraktionschef Caspar Baader (rechts) den Zürcher SVP-Nationalrat Bruno Zuppiger (links) als Bundesratskandidaten. Keystone

Stunden vor seinem Fall am 8. Dezember 2011 sass Bruno Zuppiger gemütlich im Sessel eines Konferenzsaals im Bundeshaus und stellte sich den Fragen von Jungjournalisten. Erst einen flotten Spruch klopfen, dann die Zahnlücke zeigen und schon flogen dem Zürcher SVP-Nationalrat die Sympathien zu. So spann der ausgebildete Primarlehrer auch im Parlament Beziehungen über die Parteigrenze hinaus: Zuppiger organisierte Jassturniere und die geselligen Abende der parteiübergreifenden Gruppe «Fun, Food and Politics».

Die Gelassenheit begann zu bröckeln. Während er am Morgen jenes verhängnisvollen Donnerstags noch alles abstritt, setzte bald Gewissheit ein. Die «Weltwoche» macht es öffentlich: Zuppiger hatte das Erbe einer verstorbenen Mitarbeiterin erschlichen und 240000 Franken in den eigenen Sack gesteckt. Die Parteioberen der SVP legten für die Nomination Zuppigers Rechenschaft ab - Christoph Blocher, Toni Brunner und Caspar Baader wollten erst kurz vor der «Weltwoche»-Publikation davon erfahren haben.

Kommentar: Für alle ein Armutszeugnis

von Gieri Cavelty

Es ist eine der merkwürdigsten Episoden der jüngsten Schweizer Geschichte: AnfangDezember 2011 kürte die SVP-Fraktion Bruno Zuppiger zum Bundesratskandidaten- heute Mittwoch nun dürfte Zuppiger wegen Veruntreuung verurteilt werden. Tiefer kann man nicht fallen. Umso bemerkenswerter mutet an, dass sich kaum ein Politiker dazu äussert: Bundesbern beschweigt seine schrillste Personalie.

Mehrfach hat die Redaktion der «Nordwestschweiz» die Korona der SVP um ein Interview gebeten - insbesondere zur Frage, welche Lehren aus der damals im Eiltempo erfolgten Nominierung eines mutmasslichen Delinquenten für den höchsten Posten im Lande gezogen werden. Von einer Partei, die sich der Kriminalitätsbekämpfung verschrieben hat, hätte man einen solchen Lerneffekt erwarten dürfen. Ausser der stellvertretenden Parteisekretärin bekamen unsere Journalisten aber niemanden ans Telefon. Und von Selbstreflexion zeugen auch ihre Worte nicht: Schuld an der Nomination sei die Zürcher Sektion gewesen, so die Antwort. Punkt.

Vielsagend ist aber auch das Schweigen der anderen Parteien. Zu sehr hatte Mitte-Links Zuppiger als «guten SVPler» hofiert und ihn mehrfach zu einer wilden Kandidatur für den Bundesrat gedrängt - eben darum schrieb sich die SVP 2008 eine «Lex Zuppiger» genannte Klausel in die Statuten: Demnach wird ein SVP-Mitglied verstossen, falls es eine Wahl in die Regierung gegen den Willen der Partei annimmt. Kurz: Wäre es nach der Konkurrenz gegangen, hätten wir den luschen Landesvater schon früher gehabt.

Dass die SVP-Spitze so eisern schweigt, ist unsäglich. Ein Armutszeugnis ist der Fall Zuppiger aber für ganz Bundesbern.

SVP glaubte an «ihren» Zuppiger

Doch wie konnte Zuppiger seine Machenschaften so lange geheim halten? Parlamentarier anderer Parteien vermuteten eine parteiinterne Intrige: Die SVP schlage ja wohl kaum einen Bundesrat vor, der der Erbschleicherei verdächtigt werde. Sie glaubten an «ihren» Zuppiger.
Der frühere Thurgauer SVP-Nationalrat J. Alexander Baumann erklärt es so: Zuppiger habe sich geschickt als Bundesratskandidat positioniert, indem er sporadisch von der Parteilinie abwich. So befürwortet er die Personenfreizügigkeit und war gegen die Masseneinwanderungsinitiative der SVP. «Damit signalisierte er den anderen Parteien: Mit mir kann man etwas machen», sagt Baumann. Zuppiger selbst erklärte in einem Interview, er sei anders im Ton, «gmögiger», offener für Kompromisse als Parteikollegen. Gleichzeitig unterhielt er einen guten Draht zum langjährigen Parteichef und jetzigen Bundesrat Ueli Maurer - die beiden wohnen im zürcherischen Hinwil ja auch nur einen Steinwurf voneinander entfernt.
Sein gutes Netz zu anderen Politikern und seine joviale Art verhalfen ihm denn auch zur Kür zum Bundesratskandidaten der SVP: Die Partei wollte die Konkordanz wiederherstellen, indem sie einen wählbaren Kandidaten nominierte. Zuppiger widersprach im Radio, entscheidend sei die Arbeit, die man mache, die Seriosität, mit welcher man sie erledige.

Freie Hand für Bruno Zuppiger

Heute, am Tag seiner voraussichtlichen Verurteilung, klingen diese Worte wie Hohn. Zuppiger gesteht, das Geld pflichtwidrig verwendet zu haben - um offene Hotel- und Steuerrechnungen der Firma begleichen zu können. Der finanzielle Engpass erstaunt: Gegen 20 Verwaltungs- und Stiftungsratsmandate sammelte Zuppiger über die Jahre. Im Zürcher Gewerbeverband stieg Zuppiger als Sekretär ein und zum Direktor auf.

Kurz vor der Immobilienkrise kauft er eine Liegenschaft in Zürich und soll dafür Gelder aus dem Berufsbildungsfonds verwendet haben. Mitte der 1990er-Jahre stand der Verband mit leerer Liegenschaft und leerer Kasse da. Doch Zuppiger wirtschaftete mit dem Segen des Verbandsausschusses. Dieser bewilligte Zuppiger auch ein lukratives Nebenmandat nach dem anderen. Der Verbandspräsident, der damalige SVP-Nationalrat Willi Neuenschwander, gab seinem Direktor freie Hand.
Erst mit dem neuen Präsidenten, FDP-Politiker Ernst Cincera, eskalierte die Situation. Zwar entlastete die Revisionsstelle Zuppiger von den Vorwürfen der Misswirtschaft. Trotzdem räumte er danach freiwillig den Direktorenstuhl. Ehemalige Verbandsfunktionäre widersprechen, an Zuppiger sei nichts haften geblieben, weil der Ausschuss die Geschäfte stets abgenickt habe. Für Cincera war der Fall klar: Der Direktor musste gehen.

Eigene Ambitionen standen ihm im Weg

Daraufhin gründete Zuppiger eine Beratungsfirma. Doch die eigenen Ambitionen standen ihm im Weg: Wegen zahlreicher Mandate, auch als Nationalrat, investierte er zu wenig Zeit, ihm liefen die Kunden weg. Die Firma sanierte er dann eben mit dem Geld, das er von der Erbschaft abzwackte.
Böse Zungen behaupten, das Präsidium des Schweizerischen Gewerbeverbandes erhielt er dann - im Jahr 2011 - nur deshalb, damit seine politischen Ambitionen abkühlen. Hätte er es dabei belassen - die Veruntreuung wäre wohl nie publik geworden.