Bergsteigerin
Evelyne Binsack: «Vier Faktoren haben zu Ueli Stecks Tod führen können»

Die Bergsteigerin kannte den verstorbenen Extrembergsteiger seit 20 Jahren. Beim Gespräch nach seinem Tod in der Sendung «TalkTäglich» mag sie nicht spekulieren. Aber sie zählt die Gründe auf, die zu Stecks Absturz hätten führen können.

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«Ich habe geweint und war schockiert. Erst wollte ich es gar nicht wahrhaben», sagt Evelyne Binsack. Zusammen mit Abenteurer Andrea Vogel war die Schweizer Bergsteigerin zu Gast in der Sendung «TalkTäglich» zum Tod von Extrembergsteiger Ueli Steck. An die Stelle der Trauer sei nach und nach die «Warum-Frage» getreten.

Binsack war die erste Schweizerin auf dem Mount Everest. Als Bergsteigerin ist sie sich bewusst: «Ein Restrisiko bleibt immer.» Doch: «Ich hatte immer das Gefühl, der Ueli kommt nach Hause, und er weiss, wie weit er gehen kann.» Auch im aktuellen Fall: «Ich habe Ueli das zugetraut.»

Vogel, der unter anderem mit der Schweiz als erster Mensch ein Land komplett auf seiner Landesgrenze umrundet hat, hadert mit der Risikofrage. «Auf diesem Level kann man das Risiko nicht im Griff haben», sagt er. «Wenn die Exklusivität im Tempo zählt und es gilt, Rekord um Rekord zu schlagen, dann ist das Menschenleben plötzlich nicht mehr so gut greifbar.»

Evelyne Binsack ist da nicht ganz gleicher Meinung: «Wenn er bei einer halsbrecherischen Übung ums Leben gekommen wäre, würde ich dem zustimmen. Aber er ist am Nuptse ums Leben gekommen.» Dessen Nordostwand sei relativ einfaches Gelände, die Nordwand etwas schwieriger.

Das einzige Problem sah sie an einem ganz anderen Ort der geplanten Route: «Am Mount Everest, wenn er von der Westschulter in die Nordwand hätte wechseln müssen – ich habe gedacht, dort sei das Problem.»

Die Gründe für einen Absturz

Dass Steck beim Training sein Leben verlor, spielt für Vogel keine Rolle. «Es kann immer passieren, auch dort gibt es heikle Situationen, vor allem, wenn man allein ist.»

Hat vielleicht sogar das letzte Quäntchen Konzentration gefehlt, weil es noch nicht ganz ernst galt? Binsack wehrt ab. Sie sei auch in Trainings-Situationen hoch konzentriert.

Aber auch sie fragt sich, was passiert ist. Vier Faktoren gibt es aus ihrer Sicht, die den Absturz hätten verursachen können. Einer davon sei Selbstverschulden, sprich: ausrutschen.

Die anderen seien äussere Einflüsse: «Hatte das Eis Spannung, hat er deshalb mit dem Eispickel eine Scholle gelöst? War es ein medizinisches Problem, vielleicht Thrombose aufgrund der Höhe? Hat sich ein Stein gelöst oder eine kleine Lawine?»

«Spekulieren bringt nichts, aber ...»

Noch wisse man nicht, was zum Absturz geführt hat «und spekulieren bringt nichts». Aber dass diese Fragen jetzt aufkommen, gehöre zum Trauerprozess. «Man versucht, zu verstehen. Wir alle sind am Trauern, nicht nur seine Angehörigen und Freunde, die ganze Schweiz trauert und die ganze alpine Welt.»

In diesem Prozess werde viel geredet, aber danach sei es wichtig, dass man «ihn in Frieden gehen lässt». (smo)