Wie auf viele Schweizer Unternehmen kommt mit der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative auch auf die Universität Basel ein Problem zu. In der Zukunft ist unklar, ob es für den renommierten ausländischen Professor, den man unbedingt nach Basel holen will, überhaupt eine Niederlassungs- und Arbeitsgenehmigung gibt.

Mit dem Projekt European Campus, bei dem sich die fünf Universitäten am Oberrhein Karlsruhe, Strassburg, Mulhouse, Freiburg im Breisgau und Basel in einer Art wissenschaftlicher Freizone (zone franche) zusammenschliessen wollen, wird diese Frage nebensächlich. Mit der Schaffung einer juristischen Persönlichkeit, dem Europäischen Verbund für territoriale Zusammenarbeit (EVTZ), so der barbarische Name, können die fünf Unis zusammen Professoren und Mitarbeiter einstellen, gemeinsame Forschungsprojekte kreieren, Studiengänge und neue Abschlüsse anbieten und auch ein gemeinsames Grossforschungszentrum schaffen. Und zwar, ohne dafür langwierig neue Verträge auszuhandeln .

Immerhin 115'000 Studenten

An welcher Universität dann ein Professor wann unterrichtet, wäre zweitrangig. «Bei sehr stark spezialisierten Professoren gibt es zum Beispiel das Problem, dass sie zwar Doktoranden, aber zu wenig Bachelor-Studenten haben», erklärt Maarten Hoenen, seit fast zwei Jahren Vize-Rektor für Lehre und Entwicklung an der Universität Basel – vorher hat der Philosoph neun Jahre in Freiburg gelehrt. Die fünf Universitäten zusammen aber könnten sich den Prof leisten und würde bei ihren insgesamt 115'000 Studierenden auch eine genügend grosse Nachfrage für das Angebot generieren.

Letztlich geht es beim Projekt European Campus um Aussenwirkung. Es handelt sich darum, im Konkurrenzkampf mit grossen universitären Zentren wie Berlin, dem Grossraum Paris oder dem Dreieck Oxford, Cambridge, London nicht unterzugehen und sich als Magnet mit internationaler Anziehungskraft zu etablieren. «Wenn wir in Europa zukünftig bestehen wollen, braucht es derartige Vorhaben», ist Hans-Jochen Schiewer überzeugt.

Zehn Jahre Zeit für Erfolg

Der Rektor der Universität Freiburg im Breisgau ist gleichzeitig Präsident von Eucor, einem seit 1989 bestehenden Netzwerk der fünf Universitäten am Oberrhein.

Der European Campus

Der European Campus

Insbesondere in Basel, mit der starken Kooperation mit den anderen Schweizer Universitäten, war man in der Vergangenheit nur mässig vom Sinn von Eucor überzeugt. Schiewer relativiert: «Man darf das nicht unterschätzen, denn durch Eucor konnten auch viele gute Dinge entstehen. Letztlich aber ging es nicht weit genug und wir haben uns die Frage gestellt, was wir daraus machen können.» Sollte sich der neue Ansatz in zehn Jahren nicht umsetzen lassen, müsse man Eucor aufgeben.

Schiewer, der auch die nächsten zwei Jahre Präsident von Eucor bleibt, treibt das Projekt European Campus mit viel Enthusiasmus und Energie voran. Als nächster Schritt soll im ersten Halbjahr 2016 die bereits erwähnte Struktur ETVZ gegründet werden. «Das ist relativ kompliziert und hängt von der politischen Unterstützung ab», betont er.

«Um Fachkräfte auszubilden und unser Know-how zu erhalten, benötigen wir unbedingt derartige Magneten, wenn Europa seine Stellung in der Welt halten will», führt er weiter aus. Maarten Hoenen ergänzt: «Die Wissenschaft ist heute global aufgestellt. Deshalb brauchen wir internationale Studenten. Der European Campus kann ein starkes Signal nach aussen senden. Wir hoffen, dass wir so auch für Studenten aus den USA attraktiv werden.»

Wichtig ist der European Campus auch für das Einwerben von Finanzmitteln. «Er wird es uns ermöglichen, in Lehre und Forschung gemeinsam gegenüber Brüssel aufzutreten. Wir hängen immer stärker von EU-Mitteln ab und müssen uns neu positionieren», sagt Schiewer. Als erste Startfinanzierung läuft ein Interreg-Antrag über drei Millionen Euro, die zu 50 Prozent gegenfinanziert werden müssen – will heissen, auch die Unis müssen Geld auftreiben.

Dass die Internationalität der Region am Oberrhein auch in den USA wahrgenommen wird, zeigt, dass 2012 20 Bachelor Studenten von Harvard für ein halbes Jahr in Freiburg waren. Grund dafür war die Internationalität der Freiburger Uni durch die Nähe von Basel und Strassburg. 2015 kommen sie wieder.

Ein Problem bei Eucor war bisher die Mobilität. Die Frage, wie die Studenten günstig von einem Land ins andere reisten, war nicht gelöst. Kommt hinzu, dass die Semester bisweilen zu anderen Zeitpunkten anfingen und es zu Überschneidungen kam. «Bei Eucor hat man sicher unterschätzt, dass es drei verschiedene Länder, Sprachen und Traditionen gab», kommentiert der Basler Vize-Rektor Hoenen.

Regeln, wann und wo studieren

Das Mobilitätsproblem will Schiewer dadurch lösen, dass ein Semesterticket für den ganzen Oberrhein eingeführt wird. Ferner sagt er: «Es ist auch die Frage, ob die Dozierenden oder die Studierenden reisen. Wir müssen neue Formen entwickeln. Ich kann mir eine strukturierte Mobilität vorstellen, bei der klar geregelt ist, welchen Teil des Studiums man wann wo macht.»

Auch durch den Besuch von Präsident François Hollande in Strassburg hat sich eine starke Achse Strassburg – Freiburg entwickelt, die beim Projekt European Campus federführend sein soll. Birgt das nicht die Gefahr, dass andere Universitäten von der Entwicklung abgekoppelt werden? Maarten Hoenen verneint die Frage: «Es gibt sehr klar Signale, dass man Basel mit an Bord haben möchte.»

Auch Hans-Jochen Schiewer betont, dass es schon heute eine enge Zusammenarbeit zwischen den Universitäten Basel und Freiburg gebe. Als Beispiele nennt er die Linguistik und die Neurowissenschaften. Im Oktober hat er im Basler Teufelhof seinen Basler Kollegen Antonio Loprieno getroffen, der auf Ende Juli zurücktritt. «Er war sehr überzeugt von der Idee des European Campus und hat seine Unterstützung zugesichert», berichtet Schiewer – Aussagen, die von der Uni Basel bestätigt werden.

Die beiden Rektoren haben auch schon ein weiteres konkretes Projekt ins Auge gefasst. So soll der einzigartige englischsprachige Freiburger Bachelor «Liberal Arts and Sciences» künftig auch in Basel angeboten werden. Wann dies umgesetzt wird, ist allerdings noch nicht entschieden.

Neues Grossforschungszentrum

Längerfristig, nämlich auf acht bis zehn Jahre, ist die Idee der Schaffung eines Grossforschungszentrums angelegt – eine Technologieplattform für Bereiche wie Systembiologie, Mikrosystemtechnik und Materialwissenschaft, die Spitzenforscher aus der ganzen Welt an den Oberrhein holen soll.

Die Gefahr, dass dereinst das grosse Gezerre um den Standort beginnt, sieht Schiewer nicht. «Wir denken mit unserem Projekt ja europäisch und der Standort muss nach den besten Bedingungen entschieden werden. Eine derartige Debatte wäre provinziell.» Generell hat der Freiburger Rektor sowieso die Vision, dass sich beim European Campus die Frage gar nicht mehr stelle, ob gemeinsames Geld nun in Frankreich, Deutschland oder der Schweiz in Anspruch genommen und ausgegeben werde.