Syrien/Deutschland
«Europa muss der Freiheit und der Demokratie würdig sein»

1971 ist der Schriftsteller Rafik Schami vor dem Regime aus Syrien geflüchtet. Seither lebt er in Deutschland. Er sagt: «Wir müssen den Flüchtlingen beweisen, dass man in einer Demokratie und in Freiheit besser lebt.»

Matthias Zehnder
Drucken
Teilen
«Syrien darf nicht in Vergessenheit geraten»: Rafik Schami ist 1971 nach Deutschland geflüchtet.

«Syrien darf nicht in Vergessenheit geraten»: Rafik Schami ist 1971 nach Deutschland geflüchtet.

Keystone

Herr Schami, Sie sind vor über 40 Jahren aus Syrien nach Deutschland geflüchtet – nun sind Hunderttausende Syrer auf der Flucht. Wie gehen Sie damit um?

Rafik Schami: Ich bin als Einzelner und fast legal weggefahren. Ich hatte einen Studienplatz in Deutschland und einen gültigen Pass. Die Flüchtlinge heute sind die Folge eines brutalen Krieges. Hunderttausende fliehen in elendem Zustand, unvorbereitet und sind von Gott und der Welt verlassen. Sie kommen in eine Fremde, mit der sie weder kulturell noch sprachlich etwas zu tun haben, und suchen Schutz.

Was empfinden Sie, wenn Sie die Bilder von den Flüchtlingen sehen?

Das erfüllt mich mit Trauer, dennoch sage ich: Die, die angekommen sind, sind die Glücklichen. Andere sterben unterwegs oder leben unter unwürdigen Zuständen in Lagern in der Umgebung von Syrien. Die Bilder machen mich deshalb nicht nur traurig, sondern auch wütend auf brutale arabische Milliardäre, die all diese Bilder unbeeindruckt lassen. Hätten diese Flüchtlinge Hilfe bekommen von den reichen arabischen Staaten, wären sie keinen Schritt nach Europa geflüchtet.

Anders als Sie selbst kehrt in Ihrem neuen Roman «Sophia» der Held Salman im Jahr 2010 zurück nach Syrien. Lebt er stellvertretend für Sie Ihren Traum?

Er lebt meinen Traum und mein Trauma. 2008 wurde ich vom syrischen Botschafter in Berlin eingeladen, nach Hause zurückzukehren. Er nahm mit mir Kontakt auf und sagte, es gehe doch nicht, dass der berühmteste syrische Schriftsteller im Streit mit seinem Land lebe. Doch ich merkte bald, dass der syrische Geheimdienst alles fest im Griff hatte. Ich war dafür vorgesehen, das Bild der Diktatur aufzupolieren, weil damals dieses Bild erste Risse bekam. Meine Romanfigur Salman erlebt die Enttäuschung, die mich erwartet hätte, wenn ich zurückgekehrt wäre. Damaskus lebt in unserer Erinnerung als Idylle in goldenen Farben. Dann kehrt man zurück und erfährt Damaskus als laut, bürokratisch, korrupt. Der Traum verwandelt sich in ein Trauma.

Rafik Schami

Er ist einer der wichtigsten deutschsprachigen Schriftsteller und der bekannteste syrische Intellektuelle in Europa. Bis 1970 leitet er in Damaskus eine oppositionelle Wandzeitung, dann muss Schami nach Deutschland flüchten. Er studiert Chemie und promoviert 1979. 1982 hängt er den weissen Kittel an den Nagel und wird freier Schriftsteller.
Rafik Schami hat über 40 Bücher veröffentlicht, die in 28 Sprachen übersetzt wurden. Zu den bekanntesten Titeln gehören «Die dunkle Seite der Liebe» (2004), «Das Geheimnis des Kalligraphen» (2006) oder «Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte» (2011). Sein neuster Roman «Sophia oder Der Anfang aller Geschichten» ist soeben im Hanser-Verlag erschienen. Schami erzählt darin die Geschichte eines syrischen Exilanten, der, anders als er selbst, zurückkehrt nach Damaskus und da den Beginn des Bürgerkriegs erlebt.

Lesung in Basel

Am 20. Oktober 2015 um 19.30 Uhr liest Rafik Schami im Rahmen der Reihe «Seitenblicke – Bücher im Gespräch» im Volkshaus in Basel aus seinem neuen Roman «Sophia oder Der Anfang aller Geschichten».

Sie haben geschrieben, dass Sie jeden Morgen an Damaskus denken. Ist das immer noch so?

Ja, das ist immer noch so. Es hat damit zu tun, dass ich Damaskus sehr liebe und sehr gut kenne. Ich habe Exilanten aus allen Kontinenten kennen gelernt. Viele hassen ihre Herkunftsorte. Da ist die Flucht etwas Erleichterndes. Doch Damaskus ist eine Perle. Ob jetzt Krieg dort ist oder nicht, ich denke jeden Morgen an Damaskus.

Sie widmen den Roman «Sophia» allen, «die eine Fata Morgana für ihr verlorenes Paradies halten» ...

... und damit allen meinen Brüdern und Halbbrüdern im Exil, die hinter einem Bild herrennen, das nicht mehr existiert. Die Fata Morgana ist ja etwas Schönes. Man geht durch die Wüste und sieht Palmen und Wasser. Man rennt, doch dann verschwindet das Bild. Die Exilanten, denen ich das Buch widme, sind überzeugt, dass das Paradies kommt, wenn das Exil zu Ende ist. Doch das stimmt nicht. Es wird Ernüchterung ausbrechen. Ich meine die Widmung nicht ironisch, sondern mitfühlend. Ich habe diese Fata Morgana auch in meinem Herzen.

Wie halten Sie die Sehnsucht nach Damaskus aus, wenn Sie die Bilder von Tod und Zerstörung sehen?

Es ist schwer. Die Bilder vermische ich mit Hoffnung, dass Damaskus wieder so wird, wie ich es liebe. Länder wie Deutschland waren vor dem Krieg schön, dann lagen sie in Trümmern und erhoben sich aus der Asche wie Phönix. Die Damaszener werden sich auch wieder aufrichten. In der Geschichte ist Damaskus schon mehrfach zerstört worden und ist zur Perle der Städte geworden. Ich halte die Trauerbilder nur aus, wenn ich sie mit Hoffnung betrachte. Die Syrer sind dazu verurteilt, zu hoffen.

Wie können Sie über Damaskus vor dem Bürgerkrieg schreiben, das Sie selbst nie erlebt haben?

Meine Freunde in Damaskus schrieben mir fast bettelnd, schreib über die Revolution. Ich habe viele Revolutionsromane gelesen, die mich gelangweilt haben, weil der Romancier Partei nimmt und agieren will. Die Helden werden zu Engeln und zu Teufeln, das ist nicht meine Sache. Die Situation kurz vor der Revolution ist interessanter. Es ist die dichte Atmosphäre vor dem Vulkanausbruch. Es gibt für mich gegen Ende des Romans eine entscheidende Szene. Ein kleiner Junge sagt im Unterricht, er wolle Präsident werden. Dafür wird er verhaftet und seine Eltern werden gefoltert. Das ist der Alltag in Syrien. Aber, und das ist das Entscheidende: Die Nachbarschaft kommt zu den Eltern und steht zu ihnen. Das ist der Riss, der das Gebäude der Diktatur zum Einsturz bringen wird.

Sie haben zwei Schwestern und einen Bruder in Syrien – warum bleiben sie da?

Sie wollen nicht weg. Ich telefoniere täglich mit ihnen und unterstütze sie. Sie wollen unser Haus nicht verlassen, weil sie Angst haben, dass das Haus sofort besetzt wird, wenn sie es verlassen. Meine Geschwister sagen: Wir sind fünf Millionen Menschen in Damaskus. Wir halten mit diesen fünf Millionen durch.

Ist ein normales Leben in Syrien noch möglich?

Normal nicht. Das Leben ist schwer, aber für meine Geschwister, die alle über 60 Jahre alt sind, wäre eine Flucht wohl nicht weniger schwer.

Die Sippe spielt im Roman eine entscheidende Rolle. Sie verteufeln die Sippe geradezu. Ist die Sippe nicht einfach die Familie?

Nein. Im Roman sagt Amalia: Ohne die Sippe zu zerstören, gibt es keine Chance auf Zivilisation. Die Sippe ist ein sozioökonomisches System. In der Wüste war sie überlebenswichtig: die bedingungslose Loyalität, das Gehorchen der Führung. Aber die Sippe verbietet jede Opposition. Das wäre Verrat. Die Sippe gibt Geborgenheit, aber der Einzelne muss seine Freiheit aufgeben. Die Sippe ist der Grund für das Scheitern der Demokratie in den arabischen Ländern. Die Demokratie baut auf den Einzelnen, doch der hat in einer Sippe keinen Wert. Die Sippe baut auf einen führenden Kopf, der die Sippe gegründet hat. Die Familie ist eine kleine Einheit ganz unten an der Basis. Die Familie ist eine wichtige Zelle in der Gesellschaft. Aber die Mechanismen der Sippe müssen zerschlagen werden.

Sind also die Sippen das Problem und nicht die Religionen?

Die Religionen sind lediglich eine blutige Maskerade. Die Religion wird zu politischen Zwecken missbraucht. Der IS und andere Gruppen sind nicht religiös. Das sind Verbrecher, die knallharte Geschäfte machen und die politische Herrschaft suchen.

In «Sophia» sagt Karim, seine Religion sei die Liebe. Ist das nicht naiv?

Das ist ein berühmter Spruch von einem Sufi-Philosphen namens Ibn Arabi aus dem 12./13. Jahrhundert. Er kam aus Andalusien, lebte in Damaskus und ist da auch begraben. Ibn Arabi hat in Form eines Gedichts gesagt: «Ich folge der Religion der Liebe: Welchen Weg ihre Karawane auch einschlägt, das ist meine Religion und mein Glaube.» Das zitieren alle jungen Leute, um sich Mut zu geben. Es sagt: Lass uns über das Trennende hinweg lieben.

Getrennt sind im Moment vor allem der Westen und die Länder im Nahen Osten: Sie stehen sich verständnislos gegenüber.

Das stimmt und das ist ein Scheitern der Politik. Wir sind unmittelbare Nachbarn Europas, und die Europäer tun so, als wären wir auf dem Mars.

Wie könnte man zwischen Orient und Okzident vermitteln?

Ich wünsche mir freiheitliche, demokratische Regierungen in den arabischen Ländern. Alles andere scheitert. So sehr man Europa kritisiert – Europa ist ein Ort von Freiheit und Demokratie, der Nahe Osten ist es nicht. Beziehungen zwischen konträren politischen Systemen können auf der Ebene von Geschäften funktionieren, aber nicht auf der Ebene der Menschen. Was will die Schweiz mit Diktatoren wie Assad in Syrien oder al-Sisi in Ägypten? Man kann Geschäfte machen, aber eine Beziehung auf Augenhöhe ist unmöglich. Wir brauchen keine Revolution, sondern eine langsame Entwicklung hin zur Demokratie. Europa muss der eigenen Freiheit und der Demokratie würdig sein. Das lässt Beziehungen zu Diktatoren nicht zu. Erzählt uns nicht, dass die Wirtschaft das diktiert. Das darf sie nicht. Die Politik muss die Führung übernehmen.

Sie haben sich stets gegen eine Militäraktion des Westens in Syrien ausgesprochen. Gibt es dazu überhaupt eine Alternative?

Ja, über die Nachbarländer die liberalen Kräfte der Opposition zu unterstützen, sodass sie die Oberhand bekommen. Luftschläge bringen nichts. Das ist die amerikanische Idiotie. Der IS ist nach den Luftschlägen stärker als vorher. Syrer müssen Syrien selbst befreien und demokratisieren. Fremde Soldaten wären bloss Besatzer.

Wie geht es weiter mit den syrischen Flüchtlingen in Europa?

Das Problem ist, dass Europa in dieser Frage auseinanderfällt. Anstelle der EU handeln die einzelnen Nationalstaaten in ihren eigenen Interessen. Dabei werden die Flüchtlinge als Problem wahrgenommen. Doch die Flüchtlinge kommen nicht aus dem Meer, sie kommen aus Syrien. Das Problem ist der Krieg in Syrien, und darüber redet man in Europa nicht.

Die Angst rechter Politiker ist: Die Flüchtlinge bleiben alle da, weil der Sozialstaat hier ausgebaut ist.

Die rechtsnationalen Europäer haben anstelle ihres Herzens einen kalten Goldklumpen. 80 Prozent der Flüchtlinge würden am liebsten sofort zurückkehren. Selbstverständlich gibt es zwei, drei Prozent Gauner, das gibt es überall. Aber in der grossen Mehrheit sind es armselige, vertriebene, geschlagene Menschen, die den Tod ihrer eigenen Kinder vor Augen haben. Das Leben in einem goldenen Turm namens Europa inmitten einer zerrütteten Landschaft wird elende Einsamkeit.

Gibt es noch Hoffnung für Syrien?

Es besteht Hoffnung, aber es besteht die grosse Gefahr, dass der Krieg der Banden, der Krieg zwischen der IS-Bande, der Assad-Bande und den anderen Banden in Syrien zu einem Bürgerkrieg wird. Wenn wir Syrien teilen in einen alawitischen, einen drusischen, einen christlichen und einen kurdischen Staat, dann tritt Bürger gegen Bürger an. Das macht mir grosse Angst. Wenn wir es aber schaffen, durch eine Übergangsregierung, die vom Westen unterstützt wird, die Banden zu vertreiben, dann können wir Hoffnung haben.

Was können wir tun?

Wir können, das kann wirklich jeder, Syrien im Herzen hochhalten. Syrien darf nicht in Vergessenheit geraten. Das ist das Erste. Das Zweite ist unbegrenzte Hilfe für die Flüchtlinge vor Ort. Das Dritte: Wir müssen den Flüchtlingen, die hier sind, beweisen, dass man in einer Demokratie und in Freiheit besser lebt. Dann werden sie diesen Samen der Demokratie nach Hause tragen.