Bundesratswahl
EU-Turbos, Italophile, Visionäre: So tickten Cassis’ Tessiner Vorgänger

Als achter Tessiner ist Ignazio Cassis heute in den Bundesrat gewählt worden. Wer erinnert sich noch an seine sieben Vorgänger? Wir werfen einen Blick zurück: vom Euroturbo der Neunzigerjahre bis zum Abgewählten vor 163 Jahren.

Dennis Bühler
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Bundesrat: Die Tessiner Vorgänger von Ignazio Cassis
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Bundesrat: Die Tessiner Vorgänger von Ignazio Cassis

AZ

Der Euroturbo

Raphael Hünerfauth

Flavio Cotti (CVP, 1986-1999): Als einer von wenigen Parteipräsidenten schafft der Jurist den Sprung in den Bundesrat: Erst amtiert er als Innenminister, doch erst im Aussendepartement wird der machtbewusste Tessiner glücklich. Einer kapitalen Fehleinschätzung unterliegt er, als die Regierung unter seiner Führung kurz vor der Abstimmung über einen Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum in Brüssel ein EU-Beitrittsgesuch einreicht – und so den EWR-Gegnern willkommene Munition liefert. Cotti erlebt an der Urne seine bitterste Niederlage. Noch bei seinem Rücktritt sieben Jahre später sagt er: «EU-Beitritt? Ich habe immer gesagt: je früher, desto besser.»

Der Beliebte

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Nello Celio (FDP, 1966-1973): Der Anwalt profitiert bei seiner Wahl von Streit im welschen Lager: Während die Waadtländer FDP Anspruch auf einen Sitz erhebt, lancieren die Kantonalparteien Wallis und Freiburg einen anderen Kandidaten – Celio avanciert zum lachenden Dritten. Der «Mann der Wirtschaft», der bis zu seiner Wahl sage und schreibe 67 Verwaltungsratsmandate ausübte, erweist sich sowohl als Militär- als auch als Finanzminister als Brückenbauer nach links. In der Bevölkerung ist er derart beliebt, dass er nach seiner Rücktrittsankündigung mittels Petition gebeten wird, noch ein Jahr anzuhängen. Innert kurzer Zeit stapeln sich im Bundeshaus 22’000 Postkarten – Celio biegt sich dem Volkswillen.

Der Profiteur

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Giuseppe Lepori (CVP, 1954-1959): Der Rechtsanwalt und Journalist wird gewählt, weil die Katholisch-Konservativen und die Sozialdemokraten ein Päckchen schnüren. Dank der Stimmen der linken Opposition erhält die spätere CVP auf Kosten der FDP einen dritten Sitz, den sie einer geheimen Absprache gemäss später der SP zuhalten soll – was 1959 mit der Einführung der «Zauberformel» auch gelingt. Lepori steht dem Post- und Eisenbahndepartement vor und hat sich vor allem mit dem neuen Medium Fernsehen zu beschäftigen. Wegen eines Schlaganfalls tritt er nicht zur Wiederwahl an und verlässt die Regierung, noch bevor er erstmals Bundespräsident wird.

Der Unauffällige

KEYSTONE

Enrico Celio (CVP, 1940-1950): Der in Bundesbern weitgehend unbekannte Tessiner Regierungsrat, Sprachwissenschaftler und Jurist wird in die Regierung gewählt, weil es inmitten des Zweiten Weltkriegs nicht opportun erscheint, keine italienischsprachige Vertretung zu haben: Erst recht, weil man fürchtet, Italiens Diktator Benito Mussolini könnte das Tessin und die Bündner Südtäler annektieren wollen. Celio steht dem Post- und Eisenbahndepartement vor und fördert die zivile Luftfahrt, ohne jedoch grosse Stricke zu zerreissen. Nach seinem Rücktritt wird er Schweizer Gesandter in Rom, bevor er sich endgültig ins Privatleben zurückzieht.

Der Italophile

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Giuseppe Motta (CVP, 1911-1940): Der Rechtsanwalt beendet eine mehr als vier Jahrzehnte währende Durststrecke des Tessins, während der die Spannungen zwischen Bund und Südkanton spürbar angestiegen sind. Mit der Wahl des zehnfachen Vaters zählt der Bundesrat erstmals drei Vertreter der lateinischen Minderheit – wie heute mit Guy Parmelin, Alain Berset und Ignazio Cassis. Aussenminister Motta engagiert sich für den Beitritt der Schweiz zum Völkerbund. Nach anfänglichem Idealismus schwenkt er bald auf Realismus und Pragmatismus um: In den Beziehungen zum faschistischen Italien und zu Nazideutschland stellt er die wirtschaftlichen Interessen der Schweiz in den Vordergrund. 1940 stirbt er nach gut 28-jähriger Regentschaft im Amt.

Der Visionär

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Giovanni Battista Pioda (FDP, 1857-1864): Die Wahl des Juristen und Diplomaten ist derart unumstritten, dass sich die Tessiner Zeitungen lediglich auf die Bekanntgabe des Wahlresultats beschränken. Eher als die Innenpolitik liegen dem Visionär die internationalen Beziehungen. Nach seinem Rücktritt aus dem Bundesrat wird er als Sondergesandter an den Hofe Viktor Emmanuels nach Turin geschickt, später nach Florenz und Rom. Insbesondere setzt er sich für einen Gotthard-Eisenbahntunnel ein – in der Überzeugung, das «zwischen Zollschranken und Alpen eingeklammerte» Tessin könne nur auf neue Impulse hoffen, wenn eine wichtige Verkehrsachse hindurch gelegt werde.

Der Abgewählte

admin.ch

Stefano Franscini (FDP, 1848-1857): Der Lehrer und Statistiker wird in den ersten Bundesrat gewählt, in dem während der ersten 44 Jahren des modernen Bundesstaats nur Freisinnige sitzen. Franscini wird Innenminister, im stark föderalen Staat ein als eher unwichtig betrachtetes Amt. Er spielt eine wichtige Rolle bei der Gründung der ETH und führt die erste nationale Volkszählung durch. 1854 wird der im Tessin nicht sonderlich beliebte Magistrat aus dem Nationalrat abgewählt – was damals noch Voraussetzung für einen Sitz im Bundesrat ist. Franscini darf nur in der Regierung bleiben, weil Schaffhausen ihm einen seiner Nationalratssitze überlässt. Er stirbt drei Jahre später im Amt.

Ignazio Cassis' Karriere in Bildern:

Ignazio Cassis' Karriere in Bildern Ignazio Cassis ist Facharzt in Innerer Medizin sowie in Prävention und Gesundheitswesen. Ab 2001 hat er einen Lehrauftrag an der Universität Lugano. Später kommen weitere in Zürich, Lausanne und Bern hinzu.
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Von 1996 bis 2008 amtet er als Tessiner Kantonsarzt. Hier posiert er 2002 mit Robert Hämmig (Gesellschaft für Suchtmedizin, links) und Jacques de Haller (Gesellschaft für Allgemeinmedizin).
Auch präsidiert er die Schweizerische Gesellschaft für Prävention und Gesundheitswesen.
Am 4. Juni 2007 rückt Cassis für die in die Tessiner Kantonsregierung gewählte Laura Sadis in den Nationalrat nach. Er wird mit Josiane Aubert (SP, VD), Andy Tschümperlin (SP, SZ) und Marina Carobbio-Guscetti (CVP, TI) vereidigt.
Cassis, hier mit Doris Fiala, Christian Wasserfallen und markanter Krawatte, sitzt in der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit SGK.
2008 überreicht er Bundesrat Pascal Couchepin eine Petition für eine wirksame Präventionspolitik in der Gesundheitsförderung.
Zwischen 2008 und 2012 ist er Vizepräsident des Ärzteverbandes FMH.
2010 kandidiert Cassis ein erstes Mal für den Bundesrat. Er wird jedoch nicht nominiert. Die Nachfolge von Hans-Rudolf Merz tritt schliesslich Johann Schneider-Ammann an.
Seit 2012 ist Cassis Präsident des Vereins Curaviva, dem Verband der Schweizer Heime und Institutionen.
Pieks! Hier erhält der Präsident des Krankenkassenverbandes Curafutura (ab 2013) eine Spritze am Parlamentarier-Grippeimpftag.
2015 gewinnt er die Kampfwahl um das Fraktionspräsidium der FDP gegen Christian Wasserfallen.
Im Rennen um die Nachfolge von Bundesrat Didier Burkhalter ist Cassis der Favorit. Seine Gegner heissen Isabelle Moret und Pierre Maudet.
Strahlender Sieger: Ignazio Cassis wird am 20. September 2017 im zweiten Wahlgang zum Bundesrat gewählt. Hier posiert der Tessiner mit Hannes Germann (SVP, SH) und Fabio Regazzi (CVP, TI).

Ignazio Cassis' Karriere in Bildern Ignazio Cassis ist Facharzt in Innerer Medizin sowie in Prävention und Gesundheitswesen. Ab 2001 hat er einen Lehrauftrag an der Universität Lugano. Später kommen weitere in Zürich, Lausanne und Bern hinzu.

Keystone
Alle Schweizer Bundesräte seit 1848 Karin Keller-Sutter - St. Gallen - ab 2019
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Amherd, Viola CVP - Wallis - ab 2019
Cassis, Ignazio FDP - Tessin - 2017 bis heute
Parmelin, Guy SVP - Waadt - 2015 bis heute
Berset, Alain SP - Fribourg - 2011 bis heute
Schneider-Ammann, Johann FDP - Bern - 2010 bis 2018
Sommaruga, Simonetta SP - Bern - 2010 bis heute
Burkhalter, Didier FDP - Neuenburg - 2009 bis 2017
Maurer, Ueli SVP - Zürich - 2008 bis heute
Widmer-Schlumpf, Eveline BDP - Graubünden - 2007 bis 2015
Leuthard, Doris CVP - Aargau - 2006 bis 2018
Blocher, Christoph SVP - Zürich - 2003 bis 2007
Merz, Hans-Rudolf FDP - Appenzell Ausserrhoden. - 2003 bis 2010
Calmy-Rey, Micheline SP - Genf - 2002 bis 2011
Schmid, Samuel SVP/BDP - Bern - 2000 bis 2008
Deiss, Joseph CVP - Freiburg - 1999 bis 2006
Metzler, Ruth CVP - Appenzell Innerrhoden - 1999 bis 2003
Couchepin, Pascal FDP - Wallis - 1998 bis 2009
Leuenberger, Moritz SP - Zürich - 1995 bis 2010
Dreifuss, Ruth SP - Genf - 1993 bis 2002
Villiger, Kaspar FDP - Luzern - 1989 bis 2003
Felber, René SP - Neuenburg - 1987 bis 1993
Ogi, Adolf SVP - Bern - 1987 bis 2000
Cotti, Flavio CVP - Tessin - 1986 bis 1999
Koller, Arnold CVP - Appenzell Innerrhoden - 1986 bis 1999
Kopp, Elisabeth FDP - Zürich - 1984 bis 1989
Delamuraz, Jean-Pascal FDP - Waadt - 1983 bis 1998
Stich, Otto SP - Solothurn - 1983 bis 1995
Egli, Alphons CVP - Luzern - 1982 bis 1986
Friedrich, Rudolf FDP - Zürich - 1982 bis 1984
Schlumpf, Leon SVP - Graubünden - 1979 bis 1987
Aubert, Pierre SP - Neuenburg - 1977 bis 1987
Honegger, Fritz FDP - Zürich - 1977 bis 1982
Chevallaz, Georges-André FDP - Waadt - 1973 bis 1983
Hürlimann, Hans CVP - Zug - 1973 bis 1982
Ritschard, Willi SP - Solothurn - 1973 bis 1983
Furgler, Kurt CVP - St.Gallen - 1971 bis 1986
Brugger, Ernst FDP - Zürich - 1969 bis 1978
Graber, Pierre SP - Neuenburg - 1969 bis 1978
Celio, Nello FDP - Tessin - 1966 bis 1973
Gnaegi, Rudolf SVP - Bern - 1965 bis 1979
Bonvin, Roger CVP - Wallis - 1962 bis 1973
Schaffner, Hans FDP - Aargau - 1961 bis 1969
Bourgknecht, Jean CVP - Freiburg - 1959 bis 1962
Spühler, Willy SP - Zürich - 1959 bis 1970
Tschudi, Hans Peter SP - Basel-Stadt - 1959 bis 1973
von Moos, Ludwig CVP - Obwalden - 1959 bis 1971
Wahlen, Friedrich Traugott SVP - Bern - 1958 bis 1965
Chaudet, Paul FDP - Waadt - 1954 bis 1966
Holenstein, Thomas CVP - St.Gallen - 1954 bis 1959
Lepori, Giuseppe CVP - Tessin - 1954 bis 1959
Streuli, Hans FDP - Zürich - 1953 bis 1959
Feldmann, Markus SVP - Bern - 1951 bis 1958
Weber, Max SP - Zürich - 1951 bis 1953
Escher, Josef CVP - Wallis - 1950 bis 1954
Rubattel, Rudolphe FDP - Waadt - 1947 bis 1954
Petitpierre, Max FDP - Neuenburg - 1944 bis 1961
Nobs, Ernst SP - Zürich - 1943 bis 1951
Kobelt, Karl FDP - St.Gallen - 1940 bis 1954
von Steiger, Eduard SVP - Bern - 1940 bis 1951
Stampfli, Walter FDP - Solothurn - 1940 bis 1947
Celio, Enrico CVP - Tessin - 1940 bis 1950
Wetter, Ernst FDP - Zürich - 1938 bis 1943
Obrecht, Hermann FDP - Solothurn - 1935 bis 1940
Etter, Philipp CVP - Zug - 1934 bis 1959
Baumann, Johannes FDP - Appenzell Ausserrhoden - 1934 bis 1940
Meyer, Albert FDP - Zürich - 1929 bis 1938
Minger, Rudolf BGB (Vorgängerin der SVP) - Bern - 1929 bis 1940
Pilet-Golaz, Marcel FDP - Waadt - 1928 bis 1944
Häberlin, Heinrich FDP - Thurgau - 1920 bis 1934
Chuard, Ernest FDP - Waadt - 1919 bis 1928
Musy, Jean-Marie CVP - Freiburg - 1919 bis 1934
Scheurer, Karl FDP - Bern - 1919 bis 1929
Haab, Robert FDP - Zürich - 1917 bis 1929
Ador, Gustave Liberale Partei - Genf - 1917 bis 1919
Calonder, Felix-Louis FDP - Graubünden - 1913 bis 1920
Decoppet, Camille FDP - Waadt - 1912 bis 1919
Schulthess, Edmund FDP - Aargau - 1912 bis 1935
Perrier, Louis FDP - Neuenburg - 1912 bis 1913
Motta, Giuseppe CVP - Tessin - 1911 bis 1940
Hoffmann, Arthur FDP - St.Gallen - 1911 bis 1917
Schobinger, Josef Anton CVP - Luzern - 1908 bis 1911
Forrer, Ludwig FDP - Zürich - 1902 bis 1917
Comtesse, Robert FDP - Neuenburg 1899 bis 1912
Ruchet, Marc-Emile FDP - Waadt - 1899 bis 1912
Brenner, Ernst FDP - Basel-Stadt - 1897 bis 1911
Müller, Eduard FDP - Bern - 1895 bis 1919
Ruffy, Eugène FDP - Waadt - 1893 bis 1899
Lachenal, Adrien FDP - Genf - 1892 bis 1899
Zemp, Joseph CVP - Luzern - 1891 bis 1908
Frey, Emil FDP - Basel-Land - 1890 bis 1897
Hauser, Walter FDP - Zürich - 1888 bis 1902
Deucher, Adolf FDP - Thurgau - 1883 bis 1912
Ruchonnet, Antoine Louis John FDP - Waadt - 1881 bis 1893
Hertenstein, Wilhelm FDP - Zürich - 1879 bis 1888
Bavier, Simeon FDP - Graubünden - 1878 bis 1883
Droz, Numa FDP - Neuenburg - 1875 bis 1892
Anderwert, Fridolin FDP - Thurgau - 1875 bis 1880
Hammer, Bernhard FDP - Solothurn - 1875 bis 1890
Heer, Joachim FDP - Glarus - 1875 bis 1878
Borel, Eugène FDP - Neuenburg - 1872 bis 1875
Scherer, Johann Jakob FDP - Zürich - 1872 bis 1878
Ceresole, Paul FDP - Waadt - 1870 bis 1875
Ruffy, Victor FDP - Waadt - 1867 bis 1869
Welti, Emil FDP - Aargau 1866 bis 1891
Challet-Venel, Jean-Jacques FDP - Genf - 1864 bis 1872
Schenk, Karl FDP - Bern - 1863 bis 1895
Dubs, Jakob FDP - Zürich - 1861 bis 1872
Pioda Battista, Giovanni FDP - Tessin - 1857 bis 1864
Knüsel, Josef Martin FDP - Luzern - 1855 bis 1875
Fornerod, Constant FDP - Waadt - 1855 bis 1867
Stämpfli, Jakob FDP - Bern 1854 bis 1863
Druey, Daniel-Henri FDP - Waadt - 1848 bis 1855
Franscini, Stefano FDP - Tessin - 1848 bis 1857
Frey-Herosé, Friedrich FDP - Aargau - 1848 bis 1866
Furrer, Jonas FDP - Zürich - 1848 bis 1861
Munzinger, Martin J. FDP - Solothurn - 1848 bis 1855
Naeff, Wilhelm Matthias FDP - St. Gallen - 1848 bis 1875
Ochsenbein, Ulrich FDP - Bern - 1848 bis 1854

Alle Schweizer Bundesräte seit 1848 Karin Keller-Sutter - St. Gallen - ab 2019

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