Die FDP hatte ihre Position bereits im Februar an einem Fraktionsseminar in Anwesenheit ihres Aussenministers Ignazio Cassis festgelegt. Ja zum Rahmenabkommen mit der EU, und zwar ein «Ja aus Vernunft», wie die Partei verkündete.

Mit diesem schnellen und überraschenden Positionsbezug für ein Ja stehen die Freisinnigen unter den Bundesratsparteien allerdings alleine da. Die Fraktionen von CVP, SP und SVP kommen zu ganz anderen Schlüssen, wie sich gestern nach den jeweiligen Fraktionssitzungen zeigte.

Aussenminister Ignazio Cassis.

Aussenminister Ignazio Cassis.

Die oft wegen Slalompolitik belächelte CVP fuhr auch gestern geradeaus. Sprich: Sie bekräftigte ihre Position, die sie bereits Anfang Jahr an einer Klausur festgelegt hat. «Die CVP sagt klar Ja zum bilateralen Weg, aber nicht um jeden Preis», sagte Parteipräsident Gerhard Pfister gegen Abend vor den Medien im Bundeshaus. Im Interesse der Schweiz bewahre die CVP kühlen Kopf, im Gegensatz zu anderen Parteien – was eine Anspielung auf die Kehrtwende der FDP war. CVP-Fraktionschef Filippo Lombardi verlangte, dass der Bundesrat «seine Verantwortung übernimmt». Denn dies hat die Regierung in den Augen der meisten Parlamentarier bisher nicht getan.

Pfister kritisiert Bundesrat

Der Bundesrat habe, statt selbst Verantwortung zu übernehmen, die Parteien gefragt, «was er wollen soll», drückte sich Parteipräsident Pfister aus. Die CVP beharrt aber darauf, dass der Bundesrat in der Verantwortung stehe, nachverhandeln und das vorliegende Abkommen in entscheidenden Punkten verbessern müsse: Aufweichung des Lohnschutzes verhindern und Unionsbürgerrichtlinie ausschliessen und die möglichen Probleme der staatlichen Beihilfen klären. Zudem fordert die CVP eine gesetzliche Grundlage, die es der Schweizer Politik und der Bevölkerung ermöglicht, frühzeitig bei der dynamischen Rechtsentwicklung mit der EU mitzubestimmen.

«Die CVP sagt klar Ja zum bilateralen Weg», erläutern Präsident Gerhard Pfister und Fraktionschef Filippo Lombardi (r.).Keystone

«Die CVP sagt klar Ja zum bilateralen Weg», erläutern Präsident Gerhard Pfister und Fraktionschef Filippo Lombardi (r.).Keystone

SP schliesst die Reihen

Eine sehr ähnliche Marschrichtung verfolgt die SP, die sich an ihrer Fraktionssitzung ebenfalls mit dem Abkommen befasste (siehe auch gestrige Ausgabe). Nach dem lauten internen Streit um die Haltung zum Rahmenabkommen und dem lauten Parteiaustritt der Zürcher alt Nationalrätin Chantal Galladé waren die Nerven bei den Genossen allerdings etwas strapaziert. Doch offensichtlich gelang es, die Reihen zu schliessen, zumindest vorläufig. Die Partei von Christian Levrat beliess es denn wohl zur Sicherheit gestern bei einer Pressemitteilung, um ihre nun intern konsolidierte Position zu erklären: «Die SP ist für ein Institutionelles Abkommen mit der Europäischen Union.

Gleichzeitig setzt sich die SP für einen wirksamen Schutz der Löhne und Arbeitsbedingungen in der Schweiz ein.» Der vom Bundesrat vorgelegte Abkommenentwurf allerdings lasse «noch so viele Fragen offen», dass dieser untauglich sei «für eine verantwortungsbewusste Meinungsbildung». Offene Fragen für die SP sind beispielsweise: Können Löhne und Arbeitsbedingungen weiterhin wirksam kontrolliert werden? Wer entscheidet im Streitfall? Was passiert mit Service-public-Unternehmen? Klar machen die Genossen damit einmal mehr, dass der Lohnschutz für sie erste Priorität hat.

SVP: Das Ende der Schweiz droht

Es sei jetzt am Bundesrat, diese und weitere Fragen zu beantworten. SP-Chef Levrat will nun in Abstimmung mit FDP und CVP Fragen ausarbeiten, die der Bundesrat beantworten muss. Das Abkommen solle um jeden Preis so gestaltet und abgefedert werden, dass es eine Volksabstimmung übersteht. «Eine Ablehnung des institutionellen Abkommens an der Urne wäre der europapolitische Totalschaden, den es unter allen Umständen zu verhindern gilt», hält die SP fest.

SVP-Präsident Albert Rösti.

SVP-Präsident Albert Rösti.

Die SVP geht derweil wenig überraschend auf Totalopposition zum EU-Abkommen. Sie stellt sich einstimmig gegen das Projekt. Eine vertiefte Analyse des Rahmenvertrags habe ergeben, dass er noch weit schlimmer sei als gedacht, sagte SVP-Präsident Albert Rösti vor den Medien in Bern. «Das institutionelle Abkommen in der vorliegenden Form zerstört die Schweiz.» Die Schweiz unterwerfe sich den EU-Institutionen, das bedeute das Ende der direkten Demokratie. Der FDP warf Rösti vor, sie kusche mit ihrem Ja zum Abkommen vor den internationalen Konzernen und vor Economiesuisse. «Der Schwenker der FDP kommt zum falschen Zeitpunkt, er schiesst dem Bundesrat in den Rücken», so Rösti. Fraktionschef Thomas Aeschi griff zu Untergangsrhetorik, das Abkommen führe die Schweiz schleichend in die EU, ohne dass je darüber abgestimmt werde.

Vizepräsidentin Céline Amaudruz forderte im Namen ihrer Partei vom Bundesrat «einen Plan B» für den Fall, dass die Schweiz das Abkommen «wegen Unzumutbarkeit ablehnt.» Zudem verlangt die SVP, dass der Bundesrat ein «Effizienzsteigerungs- und Revitalisierungsprogramm für die Schweiz» auf die Beine stellt.