Schweiz

Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle warnt: Lebensschutz darf bei alten Menschen nicht Isolation bedeuten

Ruth Baumann-Hölzle ist Gesundheitsethikerin der Stiftung Dialog Ethik.

Ruth Baumann-Hölzle ist Gesundheitsethikerin der Stiftung Dialog Ethik.

Die Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle fordert eine Individualisierung der Schutzmassnahmen für Risikopersonen.

Mit dem Schutz von besonders gefährdeten Personen ist es nicht getan. Zumindest aus Sicht von Ethikerinnen und Ethikern nicht. Im vergangenen Juli erschien in der «Schweizerischen Ärztezeitung» ein Appell, der in der Coronakrise sowohl den Schutz des Lebens als auch jenen der Persönlichkeit und Lebensqualität einforderte.

Dilemma zwischen Schutz und Freiheit

Eine der Autorinnen war Ruth Baumann-Hölzle, Leiterin des Instituts Dialog Ethik. Zu Beginn der Pandemie hätten die Verantwortlichen nach dem Prinzip «im Zweifel für das Überleben» gehandelt und «absolut über pflegebedürftige Personen verfügt», sagt sie. Das sei eine Reaktion aus der damaligen Überwältigung und angesichts grosser Unsicherheit heraus gewesen. Die Abschottung habe jedoch nicht zu verhindern vermocht, dass mehr als die Hälfte der Coronaopfer in Alters- und Pflegeheimen gestorben seien. «Auch heute besteht das Dilemma zwischen Schutz und Freiheit. Wir befinden uns aber nicht mehr in der gleichen Notfallsituation wie im Frühjahr. Die Autonomie eines jeden Einzelnen muss nun wieder bei sämtlichen Vorkehrungen und Entscheidungen zwingend berücksichtigt werden. Der Lebensschutz darf nicht auf Kosten der Lebensqualität maximiert werden», sagt die Ethikerin.

Sie fordert, dass mit den Pflegebedürftigen abgeklärt wird, wieweit sie selber geschützt werden wollen. «Es muss eine Individualisierung stattfinden», sagt Baumann-Hölzle. Dies auch, wenn die Bedürfnisse unter den Bewohnern gänzlich unterschiedlich ausfallen. «Wer maximalen Schutz verlangt, sollte diesen bekommen. Aber selbst dann hat die Person den Anspruch, nicht isoliert zu sein. Es gilt, alle Beziehungsmöglichkeiten vorher auszuschöpfen.» Als hochproblematisch stuft sie die Massnahme ein, Bewohnende tage- oder wochenlang in ihren Zimmern abzuschotten. Ohne persönliche Kontakte untereinander, ohne Möglichkeit, die Angehörigen zu sehen. «Es muss verhindert werden, dass geschlossene Organisationen entstehen.»

Isolation führte oft zu einer Verschlechterung der Gesundheit

Insbesondere bei Menschen mit Demenz hatte die Isolation oft zu einer Verschlechterung ihrer Gesundheit geführt, heisst es im Appell der Ethiker. Schutzmaterialien wie etwa Gesichtsmasken verwirrten sie zusätzlich. Der Umgang mit diesen Patienten sei eine grosse Herausforderung, sagt Bau-mann-Hölzle. «Diese Menschen befinden sich näher am Tod als am Leben. Es stellt sich daher die Frage, was ihnen noch zugemutet werden darf. Sind Bewohner urteilsunfähig, ist dies in engen Gesprächen mit den Angehörigen zu klären.»

Gemäss der Ethiker gehen die Heime völlig unterschiedlich mit den Fragen nach Autonomie und Lebensqualität um. Deshalb sehen sie die Behörden in der Pflicht, dass auch während einer Pandemie bestehende Rechte, Pflichten und Standards eingehalten werden. Zudem müsse dringend geregelt werden, ob die Kantone oder die Heime das Schutzmaterial beschaffen und bezahlen. Denn: «Für verhältnismässiges Vorgehen im ethischen Spannungsfeld von Freiheitsansprüchen und Risikominimierung ist genügend Schutzmaterial die zentrale Voraussetzung für gute Lebens- und auch Sterbequalität», sagt Baumann-Hölzle.

Meistgesehen

Artboard 1