Gesundheit
ETH-Professor zu umstrittenen Belohn-Apps von Krankenkassen: «Mir sind sie zu intransparent»

ETH-Professor Ernst Hafen, ist überzeugt, dass wir die Kosten unseres Gesundheitssystems nur in den Griff bekommen, wenn wir unsere Daten sinnvoll nutzen.

Raffael Schuppisser
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Ernst Hafen

Ernst Hafen

LANDBOTE

Herr Hafen, welche Daten von sich sammeln Sie?

Ernst Hafen: Ich sammle praktisch alle Daten, die mein Smartphone und meine Apple-Watch messen können: Wie viele Schritte ich zurücklege, wie lange ich schlafe, wie viele Kalorien ich verbrenne und so weiter.

Nutzen Sie dazu auch eine App einer Krankenkasse?

Nein. Mir sind diese Apps zu intransparent. Man weiss nicht genau, welche Daten die Kassen sammeln – und vor allem nicht, welche Schlüsse sie daraus ziehen. Die Kassen profitieren davon weit mehr, als sie in Form eines Rabattes für die Kunden zurückgeben.

Sie würden also unter keinen Umständen eine solche App nutzen?

Doch. Aber die App müsste mir transparent sagen, was mit den Daten geschieht und ich müsste stets eine Kopie der Daten auf meinem Smartphone speichern können.

Helfen uns diese Apps, Menschen dazu zu bewegen, gesünder zu leben und so die Kosten unseres Gesundheitssystems in den Griff zu bekommen?

Ich glaube nicht, dass finanzielle Anreize, wie das Sparen von Prämien, der richtige Weg sind, um ein Verhalten zu ändern. So gibt es beispielsweise noch immer viele Raucher, obwohl die Zigaretten stets teurer werden.

Was bringt denn das Sammeln von Gesundheitsdaten?

Sie spielen eine sehr zentrale Rolle. Alle Bürger sammeln kontinuierlich Daten mit ihren Handys. Könnte man diese mit ihrer Krankengeschichte kombinieren und anonymisiert der Forschung zur Verfügung stellen, würde man enorm viel über die effektive Wirkung von Medikamenten und über die Ursachen von Krankheiten herausfinden.

Können Sie ein Beispiel machen?

Letzte Woche haben Schweizer Forscher eine App für Heuschnupfen-Geplagte lanciert. Mit der Ally Science App werden Daten über Symptome, Medikation, Aufenthaltsort und den Pollenflug erfasst – und in ano- nymisierter Form der Forschung zugänglich gemacht. Die Nutzer tragen so dazu bei, ein Frühwarnsystem für Pollenallergiker zu schaffen. Das ist allerdings erst der Anfang, Sensoren in den Smartphones werden so stark verbessert, dass in Zukunft Herzrhythmusstörungen oder Diabetes erfasst werden können. Letzteres wird mittels Retina-Scan möglich.

Was wird sonst noch möglich?

Apps, die als Warnsysteme für diverse Krankheiten dienen. In Zukunft werden Krankenkassen ihren Kunden solche Anwendungen anbieten, weil sich so teure Spitalaufenthalte verhindern lassen. Wir werden dann den stetigen Wechsel vom derzeitigen Krankheitssystem zu einem präventiven Gesundheitssystem schaffen.

Daten helfen uns also, unser Gesundheitssystem zu verbessern.

Ich bin überzeugt: Die explodierenden Kosten unseres Gesundheitssystems werden wir nur in den Griff bekommen, wenn wir unsere Daten sinnvoll nutzen. Das Absurde: Jeder von uns sammelt diese Daten schon, doch wir machen sie der Allgemeinheit nicht zugänglich. Was für eine Verschwendung.

Wie kann man das ändern?

Mit einer gemeinnützigen Datengenossenschaft, wie wir sie mit Midata gegründet haben. Die Daten verschiedener Apps werden als Kopie unter der alleinigen Kontrolle der Bürger in einer Datenbank gespeichert. So werden unterschiedlichste Informationen zusammengefügt. Der Bürger entscheidet dann, welche Daten er für welche Forschungszwecke in anonymisierter Form freigeben will. So hilft er mit seinen Daten der Allgemeinheit. Die Statuten der Genossenschaft garantieren ihm, dass er die alleinige Kontrolle über seine Daten behält und dass diese nicht missbraucht werden.

Und da machen die einzelnen Unternehmen, die Daten sammeln, mit?

Sie müssen, sobald die Schweiz die neuen EU- Datenrichtlinien übernimmt. Dann muss beispielsweise auch die Migros ihren Kunden Kopien der Cumulus-Punkte aushändigen.

Für was wollen Sie Cumulus-Daten speichern?

Auch die sagen etwas aus. Wird die Karte von einem Single-Haushalt benutzt, kann daraus das Essverhalten abgeleitet werden. Aus dem wiederum lassen sich in Kombination mit anderen Daten neue Informationen gewinnen, die für die Forschung relevant sind. Wenn ich im Gegenzug der Migros Zugang zu meinen Bewegungsdaten gebe, kann mir die Migros ein personalisiertes Trainingsprogramm in ihren Fitnessstudios anbieten. Vielleicht kaufe ich dann ein Abo.

Als Molekularbiologe beschäftigen Sie sich mit Gendaten. Sollen wir die wirklich auch noch preisgeben?

Für die Forschung und somit für ein besseres Verständnis und Früherkennung von Krankheiten kann das sinnvoll sein, insbesondere wenn man Genomdaten mit anderen Daten, etwa Handydaten kombiniert. Wir müssen uns bewusst werden, dass jedes Individuum mit seinen Daten über sehr viel Macht verfügt. Diese Macht können wir zum Wohle der Gesellschaft nutzen.

Gibt es Midata auch in anderen Ländern.

Wir helfen Partnern in Deutschland, Belgien, Holland und England, solche Datengenossenschaften aufzubauen. Die Schweizer Tradition der Genossenschaft lässt sich gut exportieren – gerade wenn es dabei um Daten geht. Schliesslich ist jeder Mensch in gleichem Masse ein wichtiger Datenerzeuger – egal ob jemand arm oder reich ist, in der Schweiz oder in Tansania lebt. Jeder kann mit seinen Daten etwas dazu beitragen, die Welt besser zu machen. Das ist eine demokratische Alternative zum Winner- takes-it-all Modell der multinationalen Datenkonzerne.