Ihr Projekt «Blue Borders», für das Sie Ereignisse mit Flüchtlingsbooten im Mittelmeer zusammentragen, tritt mit der Tragödie vor Lampedusa in den Fokus. Warum haben Sie die Website initiiert?

Jürg Martin Gabriel: Als ich von 2002 bis 2005 an der Universität von Malta Direktor der Diplomatenschule war, erlebte ich die Flüchtlingsproblematik im Mittelmeer. Wieder in der Schweiz, habe ich mich vertieft mit dem Thema beschäftigt und festgestellt, dass keine Übersicht vorhanden ist. Die Website will diese schaffen.

Wie verfolgen Sie die momentane Diskussion?

Sie ist relevant, aber überfällig. Nach der Tragödie wird endlich über die Hauptprobleme an der blauen Grenze des Schengenraums geredet.

Welche Hauptprobleme sehen Sie?

Über eine blaue Grenze zu migrieren, ist viel gefährlicher und komplizierter als über eine grüne. An der Landgrenze zwischen der Türkei und Griechenland passieren nicht solche Unglücke.

Was muss nun nach dem Drama in Lampedusa geschehen?

Drei Schritte müssen gemacht werden. Erstens muss Italien vermehrt auch an der libyschen Küste patrouillieren. Libyen hat keinen funktionierenden Staatsapparat. Die meisten Flüchtlinge kommen über Libyen und nicht etwa über Tunesien. Zweitens muss besser koordiniert werden. Die Küstenwachen, die maltesische, die italienische und die tunesische, müssen stärker kooperieren – wie das im Flugverkehr ja schon gang und gäbe ist. Drittens ist auch die Kommunikation mit den Flüchtlingen auf den Booten selber wichtig. Die meisten haben ein Satellitentelefon bei sich. Diese drei Punkte sorgen für eine bessere Begleitung im Meer. Wenn es zu einem Unfall kommen sollte, kann man so schneller reagieren.

Welche Beobachtungen haben Sie dank des gesammelten Materials gemacht?

Es gab in den vergangenen Jahren jedes Jahr Unfälle. In diesem Jahr hat es bislang weniger gegeben. Obwohl etwa dreimal so viele Überquerungen – bereits über 30 000 – stattgefunden haben, sind weniger Menschen gestorben. Die Such- und Rettungsaktionen haben bis zum Zeitpunkt der beiden Unglücke Anfang Oktober besser funktioniert. Viele Rettungen werden auch von Handelsschiffen gemacht.

Was hat die EU-Grenzschutzagentur Frontex bislang bewirkt?

Frontex ist ein Nebenschauplatz. Mit der Operation Hermes ist sie zwar im zentralen Mittelmeer aktiv, aber Malta macht da gar nicht und Italien nur am Rande mit. Bislang hatte die Agentur also fast keine Wirkung.

Wie soll sich die Schweiz engagieren?

Seit die Schweiz Mitglied des Schengenraums ist, hat auch sie eine blaue Grenze. Bundesrätin Simonetta Sommaruga hat nun mit verschiedenen Massnahmen das Engagement an dieser Grenze verstärkt.

Konkret?

Derzeit findet ein Kurs für neun tunesische Küstenwach-Offiziere in Malta statt, der von der Schweiz mitfinanziert wird. Dies soll die Koordination unten den Küstenwachen verbessern.

Was halten Sie von Migrationspartnerschaften, wie sie Bundesrätin Sommaruga propagiert?

Im Frühjahr 2012 schloss die Schweiz eine Migrationspartnerschaft mit Tunesien. Dies, nachdem 2011 nach der tunesischen Revolution viele Tunesier in die Schweiz geflohen waren. Die Ausbildung der Küstenwach-Offiziere ist ein Teil davon.

Würden Sie solche Partnerschaften auch anderen Ländern empfehlen?

Auf jeden Fall. Es braucht viel mehr Migrationspartnerschaften.