Neue Studie

ETH-Professor: «Bussen helfen gegen Littering»

Dozent Ralph Hansmann: «Für einen Schüler sind 100 Franken Busse viel. Andere lächeln darüber.»

Dozent Ralph Hansmann: «Für einen Schüler sind 100 Franken Busse viel. Andere lächeln darüber.»

ETH-Umweltpsychologe Ralph Hansmann über die Wegwerfgesellschaft und neue Lösungsvorschläge.

In einer Studie zeigt die ETH Zürich, was gegen die wachsende Mentalität helfen kann, Abfälle einfach auf den Boden zu schmeissen. Forscher Ralph Hansmann empfiehlt darin einen neuen Ansatz: die Raumpatenschaften.

Herr Hansmann, Umweltschützer beklagen, dass wir eine Wegwerfgesellschaft geworden sind. War Littering früher weniger schlimm?

Ralph Hansmann: Das Abfall-Problem ist sicher grösser geworden, als noch vor 15 Jahren. Das hat vor allem drei Ursachen. Erstens leben heute mehr Menschen in der Schweiz. Zweitens sind die Leute mobiler geworden, also öfter und länger draussen unterwegs. Und drittens haben Take-away-Angebote zugenommen. Vor 20 Jahren gab es nicht so viele McDonald’s-Filialen oder Kebab-Stände.

Die Mehrheit der Gesellschaft ist gegen herumliegende Abfälle. Trotzdem landen an öffentlichen Plätzen 30 Prozent des Mülls auf dem Boden. Was läuft schief?

Ich denke, das liegt an einer Mischung aus Bequemlichkeit und Gedankenlosigkeit.

Oft wird den Jungen vorgeworfen, die schlimmsten Abfallsünder zu sein. Zu Recht?

Es gibt tatsächlich Hinweise, dass Junge öfter littern. Wahrscheinlich denken sie weniger an die Konsequenzen und sind öfter mit sich selbst beschäftigt.

Bussen hätten Abhilfe schaffen können. Trotzdem beschloss der Nationalrat vor einem Jahr, auf landesweite Strafen für Littering zu verzichten. Ein Fehler?

Schwierig zu sagen. Ich gehe davon aus, dass Bussen helfen, Littering zu vermindern. Wahrscheinlich ist der Nationalrat der Meinung, dass Bussen Sache der Kantone sind. Die Massnahme hätte Vorteile, denn sie stellt klar, was richtiges Umweltverhalten ist. Aber man darf sich nicht alleine darauf verlassen. Es braucht Kampagnen, weil man den öffentlichen Raum nie ganz kontrollieren kann. Bei einem Waldspaziergang steht kein Polizist daneben. Dann ist die eigene Einstellung zur Umwelt entscheidend.

Können Bussen auch das Gegenteil bewirken?

Das ist möglich, zum Beispiel dann, wenn man schon mal gebüsst wurde. Wer einen Hass auf Polizisten oder die Gesellschaft hat, schmeisst manchmal den Müll absichtlich irgendwo hin, aus Frust. Die Reaktanztheorie besagt: Wenn etwas verboten ist, macht man es absichtlich. In manchen Gruppen ist man so der Rebell, der sich der Polizei widersetzt.

Wären dann höhere Strafen wie in Singapur sinnvoll? Dort liegen sie bei über 1000 Franken.

Das kann abschreckend wirken, aber man sollte nicht martialisch vorgehen. Es wäre gerechter, wenn man die Bussen am Einkommen bemisst. Für Schüler sind 100 Franken sehr viel. Wer gut verdient, lächelt darüber hinweg.

Die Schweiz gilt nicht nur bei Touristen als eines der saubersten Länder der Welt. Stimmt das Klischee nicht?

Doch, von der Kultur her achten die Schweizer sehr auf Sauberkeit. Ausserdem wird viel Geld in Kampagnen gesteckt. Total verdreckte Seeufer wie in Osteuropa, Spanien oder Italien gibt es nicht, zumindest nicht dauerhaft. Trotzdem kann es besser werden. Man darf nicht zu selten reinigen. Wenn jemand über einen sauberen Rasen läuft, hat er grössere Hemmungen eine Zigarette auf den Boden zu werfen. Aber wenn man zu oft aufräumt, treibt das die Kosten in die Höhe.

Sie setzten sich für die Raumpatenschaft ein. Warum soll gerade diese Massnahme wirken?

Uns war wichtig, einen neuen Ansatz zu finden. Patenschaften steigern den Bezug der Menschen zum öffentlichen Raum, weil sie sich dazu verpflichten, ein bestimmtes Gebiet sauber zu halten. Sie fühlen sich für eine Strasse, einen Platz oder ein Quartier verantwortlich. Die Menschen werden zu Umweltbürgern. Zweitens ist es billig, weil die Leute selber sauber machen.

Es dürfte schwierig sein, genügend Paten zu finden.

Das ist unterschiedlich. In ländlichen Gebieten ist es sicher einfacher. In anderen Gegenden könnten Gemeinden mit einem Fest für die Helfer Anreize schaffen. Ich denke an einen Segelverein, der das Jahr über eine Patenschaft für einen Uferabschnitt übernimmt. In den Städten wiederum gibt es manchmal das Bedürfnis, engeren Kontakt zu seinen Nachbarn zu knüpfen. Dafür wäre eine Patenschaft geeignet. Auch Schulen sind interessiert.

Wäre ein gezielter Unterricht an Schulen nicht das beste Mittel?

Ein guter Abfall-Unterricht ist entscheidend für die Umwelt. Den gibt es an vielen Schulen. Lehrer bringen den Kindern den RecyclingZyklus bei. Ausserdem sind Clean-up-Aktionen sehr beliebt. So lernen Kinder, ohne dass der Lehrer mit dem erhobenen Zeigefinger kommen muss.

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