Was geht hinter den beiden Doppeltüren und den getäfelten Wänden ab, die das Bundesratszimmer vom Rest der Welt abschirmen? Worüber spricht die Landesregierung, wenn sich etwa Botschaftsbesetzer samt Geiseln in die Luft zu sprengen drohen oder wenn erstmals Frauen in ihre Domäne eindringen? Wer Antworten auf derlei Fragen suchte, musste sich bisher lange gedulden. Ein halbes Jahrhundert lang, genauer gesagt. So lange konnten die Bundesratsunterlagen, welche im Bundesarchiv gelagert werden, nicht eingesehen werden.

Bis Ende vergangenen Dezember Bundeskanzler Walter Thurnherr die Schutzfrist auf 30 Jahre herabgesetzt und so 20 Jahre Zeitgeschichte ans Licht geholt hat. Auf einen Schlag sind damit Akten zu epochalen Ereignissen der 70er- und 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts zugänglich geworden. Ein wahres Schatzkästchen für Historiker und politisch Interessierte, das allerdings noch weitgehend unentdeckt geblieben ist. In den ersten Monaten habe die Zahl der Bestellungen gegenüber früher nicht relevant zugenommen, sagt ein Sprecher des Bundesarchivs.

Von Zivilherrenmassschneidern und sowjetischen Dissidenten

Wir wollten es wissen und haben alte Akten gewälzt, um zu sehen, womit sich der Bundesrat so beschäftigt. Dabei kamen nicht nur bisher unbekannte Einzelheiten zu den grossen Themen der Zeit zum Vorschein (siehe Kästchen). Sondern auch Beschlüsse, die heute eher kurios anmuten. Etwa, dass der Bundesrat noch zu Beginn der 70er-Jahre den «Gesamtarbeitsvertrag für die schweizerische Zivil-Herrenmassschneiderei» für allgemeinverbindlich zu erklären hatte.

Dass dies mitten im kalten Krieg war, zeigt sich etwa an der Sitzung vom 11. August 1978. Da wurde beschlossen, das Politische Departement (und heutige EDA) solle den sowjetischen Botschafter empfangen, um ihm im Auftrag des Bundesrats «das Unbehagen der Behörden und weiter Volkskreise der Schweiz über die in der jüngster Vergangenheit gefällten Urteile und die in der Sowjetunion laufenden Prozesse gegen Dissidenten» auszudrücken. Dem folgte ein – damals absolut unbestrittenes – Angebot: «Die Schweiz wäre bereit, die von diesen Verfahren betroffenen Dissidenten in unserem Land aufzunehmen.»

Gut in diesen Kontext passt das gelbe Couvert mit dem Vermerk «Streng geheim» vom 7. Januar 1981. Schliesslich beförderte dessen Inhalt Generalstabschef Jörg Zumstein im Krisenfall zum General, was dieser allerdings nie lesen konnte, denn Bundespräsident Kurt Furgler hatte von Hand drauf vermerkt, es sei nur bei Gefahr zu öffnen und beim Rücktritt ungeöffnet zurückzugeben.

Die erstaunlichsten Trouvaillen aber liegen in einer grauen Schachtel mit grünen Heften aus den 80er-Jahren: den handschriftlichen Notizen des vor zwei Jahren verstorbenen Vizekanzlers Achille Casanova. Wer die in kleiner Schrift und den drei Landessprachen verfassten Eintragungen entziffert, erfährt zum Beispiel, dass auch Bundesräte nicht immer nur Originelles von sich geben. «Ist ja immer die Schwierigkeit mit den Prognosen, dass sie die Zukunft betrachten sollen», zitiert der Vizekanzler, was Leon Schlumpf (SVP), der Vater von Eveline Widmer-Schlumpf, am 9. September 1982 zum geplanten Bericht «Soziale Sicherheit im Jahr 2000» so meinte. Derweil Finanzminister Willi Ritschard, bekannt für seine träfen Sprüche, befand: So ein Bericht sei «eine Laterne, die nicht einmal ihren Mast erleuchtet».