Solothurner Wolfschützer

«Es war wichtig, dass wir einen Nachweis für das Wolfsrudel liefern konnten»

Für David Gerke, Präsident Gruppe Wolf Schweiz, war im letzten Jahr in der Regel einmal pro Woche im Augstbord-Gebiet unterwegs. Einmal hat er die Wölfe live gesehen.

Für David Gerke, Präsident Gruppe Wolf Schweiz, war im letzten Jahr in der Regel einmal pro Woche im Augstbord-Gebiet unterwegs. Einmal hat er die Wölfe live gesehen.

Im Augstbord ist es gelungen, ein Wolfsrudel zu fotografieren. Es ist der Nachweis für das dritte Rudel in der Schweiz. David Gerke aus Biberist ist Präsident der Gruppe Wolf Schweiz und hat die Tiere live gesehen.

Im Augstbord hat die Gruppe Wolf Schweiz ein Rudel entdeckt. Im Oktober wurde es auch fotografisch nachgewiesen.

David Gerke: Im August wurde bereits ein einzelner Welpe fotografiert. Das war die Bestätigung, dass irgendwo ein Rudel sein muss. Im Oktober wurden die ersten Aufnahmen des ganzen Rudels gemacht. Wölfe hat es in diesem Gebiet seit mehreren Jahren. Im letzten Winter war bereits ein Pärchen zur Ranzzeit (Paarungszeit) präsent. Daher kam die Fortpflanzung nicht überraschend. Es musste nur jemand das Rudel suchen.

War die Bestätigung dann doch noch ein Glücksmoment?

Auf jeden Fall. Man muss die Tiere ja auch noch finden, selbst wenn man weiss, dass sie da sind. Man kann nicht einfach da hoch und sie schnell fotografieren. Da ist es logisch ein Glücksmoment, wenn es gelingt. Andererseits war es auch wichtig, weil im Wallis die Stimmung nicht so gut ist. Es gab bestimmte Kreise, die auch aufgrund des Welpen-Fotos an der Existenz des Rudels zweifelten. Deshalb war es wichtig, dass wir einen Nachweis liefern konnten.  

Wie zeichnet sich das Augstbord aus? Hat es da genug Platz für die Wölfe?

Der Wolf ist ein Kulturfolger, er braucht letztlich keine Wildnis. Es ist ein Missverständnis, dass er die ruhigsten und wildesten Gebiete braucht. Der Wolf kann sich anpassen. Das Augstbord-Gebiet ist ein besiedeltes Gebiet mit mehreren Bergdörfern. Touristisch gesehen wird das Gebiet nicht so intensiv genutzt. Nur die Moosalp-Region ist bekannt. Die Region ist landwirtschaftlich geprägt.

Wie kamen die Tiere überhaupt in diese Region?

Der allererste Nachweis des Wolfes in diesem Gebiet gab es im Jahr 2000. Er wurde aber gleich abgeschossen wegen gerissener Tiere. Die Wölfe stammen alle aus der italienischen-französichen Region. Einzelne Wölfe sind aber auch vom Calanda-Rudel abgewandert. Jahrelang waren es nur einzelne Tiere und zuerst nur Männchen. Erst vor zwei Jahren wurden erste Weibchen nachgewiesen. In diesem Moment wurde es interessant. Im Verlaufe des letzten Jahres, vielleicht aber auch schon früher, trafen sich dann zum ersten Mal Weibchen und Männchen und bildeten ein Paar.

Wie ist das Rudel zusammengestellt?

Wir haben die genetischen Resultate, die bekannt sind. Diese zeigen, dass es im Verlauf der letzten zwei Jahre je zwei erwachsene Männchen und Weibchen in der Region hatte. Ein Männchen verschwand und ein Weibchen wanderte ab. Die beiden verbliebenen Wölfe M59 und F14 blieben und paarten sich. Derzeit sind mindestens drei Welpen da, vielleicht noch mehr. Merkwürdig ist, dass das Weibchen jetzt einige Monate nicht mehr nachgewiesen wurde. Ich gehe aber davon aus, dass auch sie noch irgendwo herumschleicht. Das heisst, dass das Rudel nichts anderes als eine Familie ist.

Die Gruppe Wolf Schweiz hat noch die zwei weiteren Rudel in der Schweiz im Auge –im Calanda-Massiv und im Valle Morobbia im Tessin. Wie steht es um diese beiden Rudel?

Eigentlich gut. Das Calanda-Rudel war vor einem Jahr Thema, weil die Wölfe angeblich wenig scheu waren und mehrmals in Siedlungsnähe gesehen worden sind. Zwei Jungtiere wurden daraufhin zum Abschuss freigegeben in der Hoffnung, dass die anderen Rudelmitglieder scheuer werden. Das Problem hat sich aber erledigt, weil die Jungtiere nicht abgeschossen werden konnten und es auch keine Situationen mehr gab, in denen sich die Wölfe effektiv wenig scheu zeigten. Weil es keine Probleme gab, werden die Kantone Graubünden und St.Gallen für diesen Winter auch kein Regulationsgesuch stellen. Im Kanton Tessin ist das Rudel sowieso kein Thema. Während im letzten Jahr noch relativ viele Risse festgestellt wurden, gab es in diesem Jahr keine. Die Wölfe sind auch nur sehr wenig gesehen worden.  

Wie oft waren Sie selbst im Augstbord vor Ort?

In der Regel einmal pro Woche seit dem letzten Jahr. Ich habe sicher 50-60 Tage in diesem Gebiet verbracht. Meistens ist man auf der Suche nach Spuren der Wölfe. Die Direktbeobachtung der Tiere stand dabei nie im Vordergrund. Anfang November hat es doch geklappt.

Wie war der Moment?

Es kam ein wenig überraschend. Wir waren mit einer kleinen Gruppe unterwegs und wussten, dass die Tiere da sind. Die Überraschung war deshalb nicht riesig, damit gerechnet habe ich aber trotzdem nicht. Ich war vorher mehrmals in diesem Gebiet, den Wölfen nah und habe sie trotzdem nicht gesehen. Es ist natürlich ein Freudenmoment, sie nach so langer Zeit effektiv zu sehen. Und dann sogar das ganze Rudel und nicht nur ein einzelner Wolf.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1