Job-Zufriedenheit
Es sieht düster aus – der Stress an Schweizer Arbeitsplätzen nimmt zu

Mehr als ein Drittel der Schweizer Arbeitnehmer fühlen sich am Ende eines Arbeitstages emotional erschöpft.

Dennis Bühler
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Ein Montagmorgen im November sei perfekt geeignet, um die Ergebnisse ihrer Studie zur Zufriedenheit der Schweizer Arbeitnehmer vorzustellen, sagte Adrian Wüthrich gestern in Bern. Was der Präsident des Gewerkschaftsdachverbandes Travail Suisse damit meinte: Es sieht düster aus – der Stress am Arbeitsplatz nimmt zu.

37,8 Prozent der 1400 im Mai dieses Jahres von der Berner Fachhochschule befragten Beschäftigten fühlen sich durch die Arbeit oft oder sehr häufig gestresst. Die Mehrheit lässt sich zumindest ab und zu stressen, bloss 6,9 Prozent sind völlig relaxt.

Travail.Suisse / Grafik: MIA

«Beunruhigende Zahlen», bilanzierte Wüthrich. Das Gefühl der Ohnmacht steige auch, weil der Arbeitgeber in zunehmendem Masse über die Freizeit bestimme. Auch Pflege- und Betreuungsarbeit, die man zur Betreuung von Angehörigen benötige, brächten die Unternehmen oft wenig Verständnis entgegen.

Auch Lohnzufriedenheit sinkt

Wie man es sich von einem Gewerkschafter gewohnt ist, verband der Travail-Suisse-Chef sein Wehklagen mit handfesten Forderungen. Konkret: mit höheren Löhnen. Die Lohnzufriedenheit nämlich habe sich im Vergleich zum Vorjahr, als die Umfrage erstmals durchgeführt worden war, klar verschlechtert. Nun finden 44 Prozent der Befragten, ihr Einkommen sei mit Blick auf ihre Arbeitsleistung nicht oder nur in geringem Mass ausreichend.

Auch in Zukunft werden sich die Gewerkschafter mit den Arbeitgebern fetzen. «Wo es betrieblich möglich ist, soll individuelle Leistungsbereitschaft über das normale Mass hinaus mit Lohnerhöhungen belohnt werden», schreibt Daniella Lützelschwab, Ressortleiterin Arbeitsmarkt und Arbeitsrecht beim Arbeitgeberverband, auf Anfrage. «Wo die Situation angespannt ist, müssen die Arbeitnehmer umgekehrt aber auch ganz darauf verzichten.»

Travail.Suisse / Grafik: MIA

Das Argument, die Beschäftigten müssten wegen der gestiegenen psychischen Belastung besser entlöhnt werden, lässt sie nicht gelten. «Wie andere Studien ergeben haben, leiden Arbeitnehmende auch deshalb unter Stress, weil sie sich privat nicht genügend Erholung gönnen», so Lützelschwab. Sie stünden ebenfalls in der Verantwortung.

Beim Barometer von Travail Suisse auffallend sind grosse regionale Unterschiede: In der Genferseeregion fühlen sich knapp 40 Prozent am Ende eines Arbeitstages oft oder sehr häufig emotional erschöpft, im Tessin gar fast die Hälfte. Arbeiten die Lateiner härter als die Deutschschweizer? Oder sind sie wehleidiger und klagen rascher? «Im Tessin und um den Genfersee ist der Arbeitsmarkt exponiert und die Konkurrenz durch Grenzgänger gross», sagt Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik bei Travail Suisse. Damit erkläre sich auch eine weitere festgestellte Differenz: Während sich im Schweizer Durchschnitt gut 13 Prozent der Befragten in hohem oder sehr hohem Mass um ihren Arbeitsplatz sorgen, sind es im Tessin rund ein Fünftel und in der Genferseeregion gar über ein Viertel (siehe Grafik).

Diese Erklärung ist dem Arbeitgeberverband zu einfach. «Dagegen spricht tendenziell, dass es auch in der Deutschschweiz verschiedene Regionen mit einem hohen Anteil an Grenzgängern gibt», teilt Lützelschwab mit.

Travail.Suisse / Grafik: MIA

Tessinern fehlt Selbstvertrauen

Gemäss Barometer ist im Tessin zudem das Selbstbewusstsein weniger ausgeprägt als in der Deutschschweiz: Während in letzterer weniger als die Hälfte der Befragten fürchtet, keine vergleichbare Arbeit mehr zu finden, wenn sie die aktuelle Stelle verlieren oder kündigen sollten, sind es im italienischsprachigen Kanton hohe 72,2 Prozent. Auch das schlägt auf die Psyche.