Samuel Thomi

Mitten in der Stadt Thun, im Seebecken in der Schadau, spielt sich jeden Frühling dasselbe Naturschauspiel ab. Von der Öffentlichkeit kaum beachtet strömen von Ende Februar bis Anfang April bis zu 500 Aeschen aus dem See herbei, um vor den Gestaden der Kyburgstadt zu laichen. Nach dem Ablaichen, schätzungsweise drei Tage später, verschwinden die Weibchen wieder in den Weiten des Thunersees. Die Männchen dagegen verteidigen mitunter mit Bissen ihr Laich-Territorium und wachen so über Hundertausende befruchteter Eier die bis zu sieben Zentimeter im Boden vergraben liegen.

Vielfältiges Vogelgezwitscher, unterbrochen von den Rufen eines Schwarzen Schwans: Dazwischen treffen sich an diesem frischen März-Morgen Joachim Guthruf mit Ueli Gutmann und Martin Schmid in der Schadau wie immer in der Aeschen-Laichsaison zweimal wöchentlich. Am Vorabend haben Mitglieder der Fischereipachtvereinigung mit Netzen gut hundert Aeschen im Seebecken gefangen und nach Geschlechtern getrennt übernachtet. Nun wird der Laichfischfang nach bereits markierten Tieren erlesen; die neuen, nicht markierten werden betäubt, vermessen, markiert, statistisch erfasst - und schliesslich abgestreift.

Das «Tier 2007» - auf der roten Liste

Den befruchteten Aeschen-Laich sammelt Schmid, Fischereiaufseher in Ausbildung, in einem Becken, wäscht Verunreinigungen mit neuem Seewasser aus, und verpackt ihn schliesslich für den Transport in die kantonale Fischereizuchtanlage in Reutigen. Dort wird er ausgebrütet: «Fasziniert» sei er von diesen Tieren, sagt Schmid. Klar schwinge auch «eine gewisse Bewunderung für die Tierart» mit. Vor allem wohl, weil er wisse, wie hoch die Bedeutung der Thunersee-Kolonie der Aeschen europaweit eingeschätzt werde. Sie ist die zweitgrösste noch existierende in der Schweiz. Seit 1979 geniesst die Aesche, das «Tier des Jahres 2007», als geschützte Fischart auf der roten Liste der besonders schützenswerten Lebewesen speziellen Schutz. Durch die Unterzeichnung der «Berner Konvention» verpflichtete sich nicht zuletzt auch unser Land, dafür besorgt zu sein. Wegen der Thuner Population geniesst der Kanton Bern durch die Überprüfung und Erforschung dieser viel zusätzliche Aufmerksamkeit.

Schlüpfen die kleinen Fischlein, benötigt Bern für den ganzen Kanton gut 600 000 Jungtiere zur Sicherstellung der eigenen, drei genetisch unterschiedlichen Populationen bei Interlaken, im Thunersee, in der Aare zwischen Thun und Bern sowie unterhalb des Wohlensees bis an die Kantonsgrenze inklusive Niederriedsee und Saane. Eigentlich wäre Bern verpflichtet, auch Waadt, Freiburg, Solothurn und Argau mit Nachwuchs zu beliefern. «Letztes Jahr konnten wir in Reutigen aber nur rund 200 000 Fischlein aufziehen», gibt Schmid zu bedenken. «Das reichte nicht einmal aus, um den eigenen Bestand zu wahren». Da sich diese Situation bereits länger abzeichnete, griff der Kanton ein und verfügte ein drei Jahre gültiges Aeschen-Fangmoratorium. Dieses Jahr siehts mit dem Nachwuchs «deutlich besser» aus, so Schmid. Exakte Zahlen kann er aber noch nicht nenne.

Sauerstoff, lockerer Kies und langsam

Auf die Frage, weshalb sich gerade hier, oberhalb der Aare-Schwellen und am Eingang des Schifffahrtkanals, diese vom Aussterben bedrohte Edelfischart so gut gehalten habe, weiss Experte Joachim Guthruf eine klare Antwort. Möglich sei das einzig, weil in der Schadau schweizweit einmalig in dieser Grösse «drei wichtige Bedingungen für Aeschen erfüllt» sind. Das Abflusswasser des Thunersees sei sauber und sauerstoffreich, der Kies am Grund locker sowie frei von Schlamm, und die Fliessgeschwindigkeit des Wassers beträgt ob der geringen Tiefe über 10 Zentimeter pro Sekunde. So erklärt sich der Fischereibiologe und Gewässerökologe der Oberwichtracher Firma Aquatica die Aeschen-Population.

An der Front, in der Natur draussen, nennen sie ihn mit einem gut gemeinten Zwinkern auch Mal einfach nur «Aeschen-Papst». Laut Fischereiaufseher Ueli Gutmann geht man davon aus, dass in der freien Natur im ersten Jahr «bis zu 90 Prozent» der Jungtiere sterben oder gefressen werden. «Bei uns in der Zucht kehren wir dieses Verhältnis geradezu um», sagt er. «Man geht weiter davon aus, dass jedes weitere Jahr wiederum je die Hälfte des Fisch-Jahrgangs stirbt.» Um den Jungtieren das Leben nach dem Aussetzen in die Fliessgewässer zu erleichtern, werden unter anderem beim auf Jahrzehnte angelegten Renaturierungsprojekt «Aarewasser» zwischen Thun und Bern Ufer-Zonen mit Ästen und Stämmen ergänzt, um den Fischen Schutz-Möglichkeiten zu bieten.

Zählungen des Kantons in der Hunzigenau beispielsweise ergaben, dass diese Massnahmen wirkten. Die Aeschen waren konkret auch ein Grund, von der Schadau unter Thuns Bahnhofquartier einen Hochwasser-Stollen zu graben - statt das Aarebett auszubaggern und Laichgründe zu zerstören. Kommen die Weibchen in die Schadau nach Thun zum Laichen, erkennt sie Ueli Gutmann sofort an den helleren Farben und der bedeutend kleineren «Fahne», der Rückenflosse.

Einst beobachtete man in der Schadau zwei bis elfjährige Tiere an den Laichplätzen; heute sind die meisten aber kaum mehr als dreijährig. «Immer wieder», vorab bei den trägeren Weibchen, finden die Fischereiaufseher Spuren von Kormoran-Bissen, denen die 40 bis 55 Zentimeter grossen Fische noch einmal entkamen.

Chance für Jungtiere

Haben die Jungfische in Reutigen die kritische Grösse erreicht, werden sie in Plastikeimer verpackt mit einem Drittel Wasser und zwei Drittel Luft an einen Fluss gefahren. Dort gelangen sie - nicht alle auf einmal, sondern in Gruppen von je einem Dutzend - von Booten aus ins Wasser: «So können wir die Tiere Verteilen und das Risiko verringern, dass die Jungfische von natürlichen Feinden sogleich gefressen werden», sagt Schmid.

«Wir könnten nicht einfach Fische hier fangen und im Rhein aussetzen», sagt dazu Guthruf. «Seit Jahrmillionen haben sich die Populationen an ihre jeweiligen Standorte angepasst», betont der Aeschen-Kenner; «auch die Genetik hat sich angepasst.» Die Jungtiere hätten somit «zumindest die Chance, sich im Wachstum anzupassen».

Reuss, Aare oder der Rhein unterhalb des Bodensees: Alle wiesen früher grosse Aeschen-Bestände aus. Die Fischart gehörte zum Fluss, gab historisch betrachtet nicht wenigen Orten entlang der Gewässer auch ihren Namen. Doch die verschiedenen Thymallus thymallus-Populationen, wie die Aesche aufgrund des leicht Thymian-haften Fleischgeruchs auf Lateinisch bezeichnet werden, verloren durch künstlich geänderte Fliessgeschwindigkeiten und kaum noch überwindbare Hindernisse in den Flüssen wegen der Wasserkraftwerke allmählich den Kontakt untereinander. Mit dem laufenden Aeschen-Moratorium hofft der Regierungsrat, den Berner Bestand zu sichern. Was zwischenzeitlich in anderen Kantonen geschah soll damit auch hier möglich werden.