Corona

Es gibt viele engagierte und wenige faule Lehrer: Acht Thesen zum Fernunterricht

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Nach acht Wochen Zwangspause kommt ab Montag wieder Leben in die Klassenzimmer. Wie haben Schüler, Lehrer und Eltern den pädagogischen Ausnahmezustand bewältigt? Wir präsentieren eine thesenartige Bilanz zum Fernunterricht.

These 1: Hurra, hurra, die Schulen öffnen

Es ist die Zeit für Geständnisse. Von Primarschülern zum Beispiel. Sie rufen der Lehrperson vom Balkon zu: «Ich hätte es ja nie gedacht, aber ich gebe zu, ich freue mich, wieder in die Schule zu dürfen.» Natürlich sehnen sich die Kinder aller Stufen nach ihren Gspänli, nach der analogen Kommunikation von Mensch zu Mensch. Luna Lanz, Klassensprecherin der Oberstufenschule Orpund bei Biel, bringt es in einem Blogbeitrag auf der Internetseite www.condorcet.ch so auf den Punkt: «Endlich wieder an meinem Pult zu sitzen, wieder Sport in der Schule zu haben, endlich die Chemieexperimente durchzuführen und die wechselnden Launen meines Klassenlehrers zu ertragen. Ja, das alles vermisste ich in der Coronaphase sehr.»

These 2: Der Homeschooling-Boom bleibt aus

Luna Lanz sieht im Homeschooling keine Zukunft. Tatsächlich hat die Coronakrise keinen Boom beim elterlichen Privatunterricht ausgelöst, wie Willi Villiger, Präsident des Vereins Bildung zu Hause sagt. Er verzeichne bloss eine minimale Zunahme an Vereinsbeitritten. Gründe für das Interesse sind etwa: Daheim werden die Kinder nicht gemobbt; sie lernen besser zu Hause; die Eltern liebäugelten schon vorher mit Homeschooling und realisieren jetzt, dass es klappt. Die Nachfrage nach Tipps hingegen war gross. So wurde der Blog einer erfahrenen Homeschool-Mutter tausendfach geklickt. Derzeit werden in der Schweiz rund 2500 Kinder dauerhaft in den eigenen vier Wänden beschult.

Was braucht es für das Lernen im Kinderzimmer?

Was braucht es für das Lernen im Kinderzimmer?

These 3: Eltern staunen, was die Schulen leisten

Mit dem Lockdown ist der Unterricht vom Schulhaus ins Wohnzimmer gewandert. Womit die Eltern realisieren, welche Schwierigkeiten es beim Lernprozess zu meistern gilt. Oder wie schnell die Kinder abgelenkt sind. Dass sie immer wieder aufs Neue motiviert werden müssen. Dass nicht der Lehrer schuld ist an den Lernschwierigkeiten. Dass Unterrichten anspruchsvoll ist, weil die Lehrer die ganze Klasse, aber auch den individuellen Lernfortschritt im Blick haben müssen. Dass es pädagogisch-didaktisches Geschick braucht, gut rhythmisierten, wohl portionierten Unterricht mit Übungs- und Korrekturphasen. Viele Eltern sind über Nacht zu Hilfslehrern mutiert. Sie sehnen sich die Wiedereröffnung der Schule herbei. Es ist schliesslich nicht jedermanns Sache, zwischen Homeoffice und Haushalt auch noch als Bastelhilfskraft zu wirken. Klar ist: Je älter die Schüler, desto einfacher klappt es mit dem Fernunterricht. Für Gymnasiasten ist selbstorganisiertes Lernen auch in pandemiefreien Zeiten eine unerlässliche Kompetenz.

These 4: Digitalisierung steckt noch in den Kinderschuhen

Seien wir ehrlich. Wir waren generell suboptimal auf die Pandemie vorbereitet. Und all die damit verbundenen Herausforderungen. Siehe Maskenmangel. Können wir es den Schulen und Lehrern verübeln, dass sie am Tag 1 nach dem Lockdown nicht flächendeckend startklar waren für Fernunterricht? Dass alle nach eigenem Gutdünken herumwurstelten angesichts einer fehlenden Strategie? Nicht wirklich. Fest steht: Die Anwendungskompetenz ist gestiegen. Beat Döbeli, Leiter des Instituts für Medien und Schule der Pädagogischen Hochschule Schwyz, formuliert es so: «Viele Lehrerinnen und Lehrer wuchsen in dieser Zeit digital über sich hinaus und schafften, was sie sich vor kurzem nicht zugetraut hätten: eine Videokonferenz mit der ganzen Klasse führen, Arbeitsaufträge für eine ganze Woche auf einer Webseite zur Verfügung zu stellen oder Arbeiten von Schülerinnen und Schülern in Empfang nehmen und individuelle digitale Rückmeldungen geben.» Die von Döbeli mitinitiierte Seite www.lernentrotzcorona.ch wurde seit der Schulschliessung fast eine halbe Million Mal angeklickt. Die Plattform bietet so etwas wie eine digital-didaktische Rundumversorgung: praktische Anwendungstipps, aber auch konkretes Unterrichtsmaterial.

These 5: Digitaler Unterricht ist kein Ersatz fürs Klassenzimmer

Schafft sich die traditionelle Schule gerade ab? Sind die Lehrer überflüssig geworden, wenn die Kinder Lösungen in den Computer eintippen und dieser die Korrekturen ausspuckt? Manche Politiker versprechen sich einen digitalen Schub für die Post-Lockdown-Zeit. Das wird teilweise gelingen, weil sowohl Lehrer und Schüler den Umgang mit Computern besser beherrschen. Bloss: Der analoge Unterricht bleibt unersetzbar. Matchentscheidend für den Lernerfolg, das belegt etwa die berühmte Studie des Bildungsforschers John Hattie von der Universität Melbourne, ist nicht die technische Ausrüstung einer Schule, sondern die Lehrer-Schüler-Beziehung. Die Interaktion zwischen den Menschen ist zentral. Die aufbauenden Rückmeldungen an Schüler, die dialogische Begleitung im Lernprozess vermag eine anonyme Maschine nicht zu leisten. Zu dieser Erkenntnis gelangten übrigens ausgerechnet digitale Pioniere. So erzogen Microsoft-Gründer Bill Gates und Apple-Gründer Steve Jobs ihre Kinder weitgehend technikfrei. Diese besuchten digitalfreie Waldorf-Schulen. Döbeli von der PH Schwyz rät derweil, die grundlegenden Fragen des Lernens in einer digitalen Welt mit Ruhe und Gelassenheit zu klären.

These 6: Coronaunterricht verschärft soziale Ungleichheiten

Haben sie schon vom Sommerlocheffekt gehört? Es handelt sich um Studien, die zeigen, dass Kinder aus sozial benachteiligten Familien nach den Sommerferien ins Hintertreffen geraten. Weil sie zu lange vor dem Fernseher sitzen, in einem intellektuell wenig stimulierenden Umfeld leben. Beobachtungen von Lehrern und Eltern lassen auch nach dem coronabedingten Fernunterricht auf einen Sommerloch-Effekt schliessen. Angefangen bei den digitalen Möglichkeiten. Nicht jeder Schüler hat daheim Laptop und Drucker. Andere verstehen nur Bahnhof, wenn sie die Aufträge ohne mündliche Erklärungen erhalten. Bei Schülern mit heilpädagogischer oder anderer Unterstützung verkomplizieren sich die Absprachen. Ganz zu schweigen von der Wohnsituation. Es ist ein Unterschied, ob eine Familie zu fünft eingepfercht in einer Vierzimmerwohnung an einer stark befahrenen Strasse oder einem ruhigen Quartier mit viel Grün lebt. Besonders in Zeiten, in denen «Bleibt zu Hause» das behördlich dekretierte Gebot der Stunde ist.

These 7: Der Graben zwischen engagierten und weniger engagierten Lehrern akzentuiert sich

Ja, es gibt sie. Wie vermutlich in jedem Betrieb. Die Minimalisten. Es sind Lehrer, die wenig mir ihren Schülern interagierten, sie anfangs Woche mit einem Stapel Arbeitsblätter eindeckten und dann quasi sich selber überliessen. Im Ausnahmezustand mögen sich die Defizite noch stärker manifestieren. In Gesprächen mit Eltern, Schülern und Experten zeigt sich aber: Die überwiegende Mehrheit der Lehrer leistete grossen Einsatz. Und erhielt dafür lobendes Feedback von Eltern. Manche pedalten von Haus zu Haus, um vor allem den jüngeren Primarschülern die Aufgaben persönlich vorbeizubringen. Sie hielten mit ihnen einen kurzen Schwatz, riefen sie regelmässig an, besprachen und korrigierten die Arbeiten, bereiteten den Stoff didaktisch einwandfrei auf.

These 8: Die Kinder behalten die schulfreie Zeit als «cool» in Erinnerung

Auch wenn sie die Gspänli vermissen: Es gibt Oberstufenschüler, die von der «schönsten Zeit» schwärmen. Weil ihr Tagesprogramm nicht durchgetaktet ist. Weil sie nach der Schule nicht ins Sporttraining und den Musikunterricht hetzen müssen. Auch in Wohnquartieren sieht man Kinder mit ihren Freunden um die Häuser ziehen. Wie sie mit Velos Kunststücke vorführen oder Hütten bauen. Mehr Zeit für das spontane, freie Spiel. Was klug macht, wie wissenschaftliche Untersuchungen zeigen. Allerdings offenbart sich auch hier ein sozialer Graben. Wer in einem seelenlosen Block mit angespannter familiärer Situation wohnt, leidet unter dem fehlenden Fussballtraining. Und der schulfreien Zeit. Denn das Klassenzimmer ist für sie ein Refugium, ein Schutzraum.

So erlebten die Kinder unserer Journalistinnen und Journalisten den Fernunterricht

Autor

Kari Kälin

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