Wir treffen uns beim Aarauer Aare-Kraftwerk und spazieren dem Kanal entlang. Hier haben wir uns als Jugendliche nachmittagelang den Fluss hinabtreiben lassen.

An Ostern werden bis zu 10 Millionen Menschen gleichzeitig den «Tatort» sehen, bei dem du Regie geführt hast. Bist du bange oder froh gestimmt?

Mike Schaerer: Froh. An diese Menge von Menschen darf man gar nicht denken. Sonst ist der Druck riesig. Bei der Arbeit konzentriere ich mich deshalb auf die Frage, ob der Film so wird, wie wir es uns vorgenommen haben.

«Tatort»-Schauen ist für viele Kult …

… und deshalb gibt es sehr viele selbst ernannte «Tatort»-Fachleute, die eine Meinung haben, wie die Reihe zu sein hat. Es ist klar: Man kann es nicht allen recht machen. Es wird mit Sicherheit thematisch wie formal auch negative Reaktionen geben, aber ich kann zumindest bei den meisten Sachen sagen, wir haben es so gewollt. Der Film ist so geworden, wie ich mir erhofft habe.

Was bedeuten deine beruflichen Standbeine Regie, Editing und Unterrichten für dich?

Die Ausbildung machte ich ja seinerzeit als Regisseur und so betreibe ich eigentlich auch den Schnitt aus Lust am Geschichtenerzählen. Bei der Arbeit mit Studenten finde ich spannend, dass sie eine konstante Hinterfragung und Infragestellung von Wertesystemen mit sich bringt. Studierende finden ja mal kategorisch alles schlecht, was gemacht wird.

Und wenn du dich entscheiden müsstest?

Dann würde ich am liebsten Regie machen. Aber die ökonomische Realität der Regie ist die schwierigste der drei.

Warum?

Es gibt kaum jemand, der ausschliesslich in der Schweiz nur vom Regie-Standbein leben kann. Das bedeutet, dass man in Deutschland arbeiten müsste. Doch das wäre gleichbedeutend mit Einbussen bezüglich Präsenz in der Familie. Dazu bin ich derzeit nicht bereit.

Du bist aber doch immer wieder Tage oder Wochen am Stück im Ausland. Was bedeutet das für deine Familie?

Es ist eine Stresssituation für das Familienleben und eine grosse Belastung für meine Frau. Es geht nur, weil auch Eltern, Schwiegereltern und das Umfeld mittragen.

Es ist ja eine Auszeichnung, wenn man wie du immer beschäftigt sein kann. Aber plötzlich schaust du zurück und siehst, dass du gar nie eine Pause gehabt hast.

Das passiert. Ich arbeite zu viel. Das kennen wir ja aus unserer Familie. Das wächst natürlich auch aus einer Angst, dass eine Absage für ein Projekt, das gerade eine Lücke füllen würde, ein Signal ist Richtung Branche oder Arbeitsbeziehung. Manchmal verschieben sich auch Projekte und plötzlich finden mehrere Sachen gleichzeitig statt.

Jetzt stehen wir hier, oben an den Kanälen. Erinnerst du dich, dass wir hier mal übernachtet haben?

Ich habe ein Löchersieb-Gedächtnis. Wo haben wir übernachtet?

Auf dem Spitz.

Wer war dabei?

Fabia, Maths, Kollegen von dir.

War ich wirklich dabei?

Ich habe doch nicht hier ohne dich übernachtet!

Die Eltern haben uns das erlaubt? Jetzt, wo du es sagst, habe ich vage auch ein Bild …

Wie auch immer: Wir waren während der Jugend häufig hier. Warst du wieder mal hier im Wasser?

Ich würde gern, aber weil die Kinder noch so klein sind, waren wir noch nie hier. Ich fände es aber schön, das den Kindern weiterzugeben.

Du hast ein Jahr nach der Matura Aarau verlassen und in New York deine Filmausbildung gemacht. Hattest du auch Schulen in der Schweiz oder in Deutschland in Betracht gezogen?

Ein Dozent der Zürcher Filmfachklasse, den ich privat kannte, hat mir empfohlen, die Ausbildung an einem Ort zu machen, an dem es eine grössere Industrie gibt als in der Schweiz. Ich hatte auch das Bedürfnis, wegzugehen. Es kam mir damals sehr eng vor hier. Die Wahl fiel auf die USA, weil ich Lust hatte, im Heimatland unserer Mutter zu wohnen, und weil ich mich damals viel näher zum amerikanischen Filmschaffen fühlte als zum deutschen. In New York gab es Leute wie Jarmush oder Ferrara, die mich inspirierten.

Und doch bist du direkt nach dem Studium zurückgekommen. Hat es dich nicht gereizt, deinen Weg in den USA weiterzumachen?

Doch, sicher. Aber unter dem Strich war es recht einfach: Ich hatte eine Liebesbeziehung hier, in die ich investieren wollte. Wir hatten über Jahre eine Fernbeziehung geführt und sie war hier noch im Studium. Zudem wollte ich finanziell selbstständig sein, was in einer teuren Stadt wie New York, wo man zudem noch lange gratis oder zu einem Hungerlohn arbeiten muss, sehr schwierig gewesen wäre.

Wie bist du an deinen ersten Auftrag hier gekommen?

Ich habe lange gesucht, war auch auf Temporärbüros. Sie versuchten, mich für Powerpoint-Präsentationen an die Elektrizitätswerke Zürich zu vermitteln. Ich fragte beim Fernsehen, im Auftragsfilmsektor, schickte überall meinen Abschlussfilm hin, traf alle, redete mit allen. Ich habe dann durch eine junge Firma den Job bekommen, bei einem Fernsehfilm eine Skriptfunktion zu übernehmen. Auf dem Dreh kam ich mit dem Regisseur in Kontakt und er fragte mich an, den Film zu schneiden. So ging das dann weiter.

Wie hiess der Film noch mal?

«Im Namen der Gerechtigkeit». Der war von Stefan Jäger, mit Martin Schenkel und Mathias Gnädinger.

Wie war es, von New York ausgerechnet in die Kleinstadt zurückzukommen, in der du aufgewachsen warst?

Nicht einfach. Ich wäre damals lieber an einen neuen Ort gezogen. Es brauchte eine Zeit, bis ich lernte, Aarau wieder anders zu schätzen. Du hast ja auch gerade diese Rückkehr gemacht.

Ja, nach 17 Jahren. Ich bin noch in der Annäherungsphase. Es berührt mich aber, dass meine Kinder nun gewissermassen das Aarau meiner Kindheit erleben: Sie gehen in den gleichen Kindergarten, spielen im selben Wald. Noch vor einem Jahr hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass es mich wieder hierhin verschlägt.

Ich habe es auch nicht aktiv gesucht. Verschiedene Gründe führten dazu, dass wir in Aarau eine Wohnung suchten.

Bevor du weggingst, warst du in Sportvereinen aktiv, warst im «Freien Film» engagiert, hast mehrmals das «Chrutwäje Open Air» organisiert – nach deiner Rückkehr warst du aber nicht sofort wieder Teil des institutionellen Aarau.

Das bin ich nach wie vor nicht. Die Filmindustrie in der Deutschschweiz ist zürichzentriert. Ich habe sofort begonnen, dort zu verkehren, dort sind dann auch Beziehungen entstanden. Erst seit die Kinder in die Schule gehen, bin ich hier wieder breiter verwurzelt. Die meisten Freunde von damals sind in alle Welt verstreut. Das ist ja bei dir gleich.

Stimmt, aber wir sind nicht die Einzigen, die zurückgekommen sind.

Man kennt zwar noch viel und hat an vieles eine Erinnerung, aber man ist eher Zuzüger als Heimkehrer. Man kann nicht anknüpfen an Beziehungen, die man in Sportvereinen oder Kulturinstitutionen hatte, etwa im KiFF, wo wir mit der Band spielten.

Apropos Band: Am «Chrutwäje» war unser Vater so schockiert über einen Auftritt deiner Band «Mess-Age», dass er sofort ging.

Wir präsentierten ein Konzeptprogramm: Es ging in den Liedern um eine Reise eines Mädchens von der ländlichen Idylle ins städtische Chaos. Es war eine bewusste Provokation. Wie hast du eigentlich deine jugendliche Rebellion ausgelebt?

Weit weg von euch allen: Als 17-Jährige im Austauschjahr in Norwegen habe ich die Freiheit gefunden, eigenständig Erfahrungen zu machen und auch mal über die Stränge zu schlagen. Offen oder sogar öffentlich zu provozieren, wie du es getan hast, lag mir nicht. Im Gegenteil: Ich sah mich zu Hause in der Rolle der Mediatorin zwischen unseren Eltern und dir.

Du wolltest immer vermitteln.

Auch uns werden die Auseinandersetzungen mit unseren eigenen pubertierenden Kindern wohl nicht erspart bleiben.

Das gehört dazu. Ich versuche indes schon heute, meinen Kindern gegenüber nicht zu vehement eigene Vorstellungen zu vertreten. Mein Sohn hat etwa von einem Ganzkörper-Spinnennetz-Tattoo gesprochen – ich sage ihm nicht, wie scheusslich ich das fände, sonst lässt er es mit 18 wirklich stechen.