Roman Huber

Der Schulhausplatz ist nicht nur baulich in einem sehr schlechten Zustand. Verkehrstechnisch ist er am Limit. Staus zu Spitzenzeiten lassen sich nicht vermeiden. Kurt Wiederkehr ist überzeugt, dass das neue Projekt des Kantons Verbesserungen bringe, weil es das Problem aus einem grösseren Winkel angeht.

Es wird gesagt, die Planung am Schulhausplatz drohe an der Stadt vorbeizufahren. Was unternimmt der Stadtrat, um sich bei den entsprechenden Stellen im Departement BVU genügend Gehör zu verschaffen?

Kurt Wiederkehr: Seit Jahren besteht ein Verkehrskoordinationsgremium Kanton - Stadt, das sich regelmässig trifft und in dem neben Stadtrat und Verwaltung auch die Strategiekommission vertreten ist. Für den Schulhausplatz und die damit zusammenhängenden Kantonsstrassenbauten wurde vor einem halben Jahr zusätzlich eine spezielle Projektorganisation geschaffen, in welcher die Stadt Baden auf allen Ebenen vertreten ist. Die Stadt weiss ihre Interessen dabei sehr wohl zu vertreten.

Was heisst das, auf allen Ebenen?

Wiederkehr: Auf der Stufe der verschiedenen Teilprojekte, bei der Gesamtprojektleitung, in der Projektsteuerung und dem Lenkungsausschuss.

Nach den verschiedenen Verkehrsforen ist die Öffentlichkeit nur schlecht einbezogen
worden Findet der Stadtrat das richtig?

Wiederkehr: Das Projekt begann im Jahr 2005, als der Kanton 16 grundsätzlich mögliche Varianten des künftigen Schulhausplatzes vorlegte. In den folgenden Diskussionen, in die die Öffentlichkeit u.a. mit Verkehrsforen einbezogen war, konnte eine Reduktion auf 3 Varianten vorgenommen werden. Die Variante einer reinen Sanierung wurde bald auch nicht mehr weiterverfolgt, weil sie trotz erheblichen Kosten kaum Verbesserungen bringen würde. Nun haben wir einen Bearbeitungsstand erreicht, bei dem Vor- und Nachteile gewisser Ansätze bekannt sind. Das ist der Moment, wo man wieder diskutieren und zu Entscheiden kommen kann.

Die Entscheidung, welche Variante ausgewählt wird, fiel aber beim Kanton. Warum kein Kreisel? Wieso wurde die Kreuzung bevorzugt?

Wiederkehr: Wir haben das mit dem Kanton ausführlich diskutiert. Im Rahmen von umfangreichen Abklärungen zeigte es sich, dass ein Kreisel die notwendige Leistungsfähigkeit nicht mit Sicherheit erreichen würde, sodass nur eine lichtsignalgesteuerte Kreuzung verblieb. Diese hat insbesondere auch bezüglich öV-Bevorzugung Vorteile.

Der grosse Knackpunkt ist jedoch: Wie bringt man den Bus fahrplanmässig zum Bahnhof und störungsfrei aus der Stadt heraus?

Wiederkehr: Deshalb wurde die Idee einer Separattrassierung der Busse nicht nur durch die Tunnelgarage, sondern auch in Richtung Hochbrücke ausgearbeitet, die für den öffentlichen Verkehr eine massive Verbesserung bringt. Genügend Kapazität der Kreuzung erlaubt auch, den normalen Phasenablauf zu unterbrechen und einen Bus bevorzugt fahren zu lassen.

Es gab auch Vorschläge aus
der Bevölkerung. Wurden diese überhaupt geprüft?

Wiederkehr: Nach der öffentlichen Präsentation des Planungsstandes im Juni 2009 gingen eine Reihe von Vorschlägen ein, die inzwischen entweder bereits abgeklärt sind oder noch weiter untersucht werden. Dazu gehört z.B. der oberirdische Fussgängerübergang in Richtung Ländli, was in Kombination mit dem Bustunnel Richtung Hochbrücke knifflig ist, aber inzwischen gelöst werden konnte.

Doch in Sachen Information herrscht seit längerem Funkstille. Warum?

Wiederkehr: Gewisse Abklärungen, gerade bezüglich der Frage Kreisel oder Kreuzung, haben unerwartet lange gedauert. Rückblickend hätte man einmal eine Zwischeninformation machen können, der vor drei Jahren erreichte Diskussionsstand wäre dann weniger in Vergessenheit geraten. Im Juli 2009 wurde über einige Grundsatzentscheide informiert. Anschliessend brauchte es etwas Zeit, bis die Mehrheit der dabei ausgelösten Fragen untersucht waren. Im Zeitraum Ende Januar bis März finden nun wieder ein Verkehrsforum und drei Orientierungsabende für Quartiervereine statt.

Aber zu sagen hat die betroffene Bevölkerung kaum mehr etwas?

Wiederkehr: Ideen und Hinweise sind immer willkommen, und es gibt genügend Beispiele, dass sie auch aufgenommen werden. Allerdings braucht es auch die Einsicht, dass die Rahmenbedingungen sehr eng sind, sodass Verbesserungen an einem Ort oft mit Nachteilen an einem andern erkauft werden müssen. Auch kann man nicht ohne schwerwiegende neue Fakten immer wieder auf alte Entscheide zurückkommen.

Das derzeitige Projekt wirft auf allen politischen Seiten gewisse Fragen auf.

Wiederkehr: In diesem Projekt müssen verschiedenste, oftmals gegensätzliche Interessen des Individualverkehrs, des öffentlichen Verkehrs, der Fussgänger und Velofahrer, des Städtebaus und der Finanzen unter einen Hut gebracht werden. Das geht nicht ohne Kompromisse auf allen Seiten. Alle Interessengruppen müssen deshalb aus Rücksichtnahme auf Bedürfnisse von anderen an ihren Ideen Abstriche machen. Toleranz ist gefordert, leider gibt es keine Lösung, bei der alle 100%ig glücklich sein werden.

Und für wen wird sich die Situation überhaupt verbessern?

Wiederkehr: Insgesamt wird sich die Situation für alle Verkehrsteilnehmer und auch städtebaulich gegenüber dem heutigen Zustand deutlich verbessern. Rufen Sie sich in Erinnerung, wie es vor zehn Jahren auf dem Schlossberg- oder dem Theaterplatz ausgesehen hat, etwas Ähnliches werden wir hier erleben.

Der Kreisel Burghalde stösst auf Unverständnis. Wozu ist er gut?

Wiederkehr: Der Kreisel ist im Zusammenhang mit dem Betriebskonzept der Mellingerstrasse zu sehen. So kann dank ihm für diejenigen, die aus dem Falkenareal oder dem Parkhaus Burghalde nur noch nach rechts in die Mellingerstrasse ausfahren können, eine Wendemöglichkeit angeboten werden.

Welche Wirkungsdauer rechnet man bei dieser Neugestaltung?

Wiederkehr: Die zu bauende Lösung sollte im Sinne des Nachhaltigkeitsgebotes nicht nur unsere unmittelbar absehbaren Bedürfnisse befriedigen, sondern unseren Nachkommen während fünfzig und mehr Jahren möglichst viel Handlungsfreiheit gewähren. Wo immer mit vertretbarem Aufwand möglich sollen deshalb entsprechende Voraussetzungen geschaffen werden. Sicher ist, dass der öffentliche Verkehr in Zukunft eine noch grössere Rolle zu spielen hat und dass er entweder separat zu führen ist oder genügend Kapazitäten für seine Bevorzugung auf Kreuzungen vorhanden sein muss.

Die Kosten werden von mancher Seite als zu hoch erachtet.

Wiederkehr: Die Kosten sind zweifellos hoch, aber damit ist nicht nur der Schulhausplatz, sondern ein erheblicher Teil des innerstädtischen Kantonsstrassennetzes für lange Zeit nicht nur bautechnisch saniert, sondern auch sonst in verschiedener Hinsicht verbessert.

Was ist mit dem Kostenteiler? Wird man wie bereits angetönt auch auf die andern Regionsgemeinden, die Mitverursacher des Verkehrsproblems, zugehen?

Wiederkehr: Die Diskussionen über den Kostenteiler laufen noch. Dass dabei auch der Nutzen für die Region einbezogen werden muss, ist selbstverständlich.

Ein kreuzungsfreier Brückenkopf wird als Möglichkeit im Gesamtprojekt aufgeführt. Hat dieser tatsächlich Sinn?

Wiederkehr: Ein solcher würde aus heutiger Sicht allenfalls Sinn ergeben, wenn man damit auf jener Talseite rascher auf der Autobahn wäre als via Schulhausplatz. Das ist noch auf lange Zeit nicht zu erwarten. Deshalb wurde diese Möglichkeit auf die Ebene Richtplan zurückgestuft, heute und morgen sind wesentlich bescheidenere Pläne aktuell.

Dass Fussgänger und Velofahrer auf der Ebene unter dem Schulhausplatz gemischt werden sollen, stösst ebenfalls auf Kritik.

Wiederkehr: In jeder Begegnungszone sind Velofahrer und Fussgänger gemischt (z.B. auch auf dem Schlossbergplatz). Das bedingt gegenseitige Rücksichtnahme. Es ist auch zu erwarten, dass die sicheren, schnellen Velofahrer auf der oberen Fläche verkehren werden.

Eine Frage steht seit Jahrzehnten im Raum: Wird die Weite Gasse einmal ganz busfrei, wo doch so teure Tunnels für den Bus gebaut werden sollen?

Wiederkehr: Mit dem Projekt besteht endlich die Möglichkeit, dass die busfreie Weite Gasse realisiert werden kann.

Mit der Pförtnerung verlagert man die Staus an die Stadtgrenzen zu den Nachbargemeinden. Wie will man die Gemeinden für solche Lösungen gewinnen?

Wiederkehr: Es ist ein Grundsatz, dass der Stau einer Pförtneranlage ausserhalb des Siedlungsgebietes anzuordnen ist – er gilt sowohl in Baden wie auch bei den Nachbargemeinden.

Was unternimmt die Stadt weiter, um das Mobilitätsverhalten zu verbessern, primär um Pendler zum Umsteigen zu bewegen?

Wiederkehr: Langfristig die grösste Wirkung hat sicher die Siedlungspolitik. Dabei ist aber der Einfluss der Zentrumsgemeinde gering, die ganze Region und der Kanton sind gefordert. Dann folgt die Förderung des öffentlichen Verkehrs. Nur wenn dieser wirklich zuverlässig, komfortabel und rasch ist, werden noch mehr Leute umsteigen. Gerade hier bringen die Projekte im Zentrum von Baden sehr viel.