Alt-Bundesrat Adolf Ogi
«Es fehlt der begeisternde Blick auf die Zukunft»

Adolf Ogi über Grossprojekte wie Olympische Winterspiele und die Neat.

Philipp Mäder, Benno Tuchschmid und Simon Steiner
Merken
Drucken
Teilen

Herr alt Bundesrat, Swiss Olympic nimmt einen neuen Anlauf, um Olympische Winterspiele in die Schweiz zu holen. Haben Sie Hoffnung, dass es diesmal klappt?

Adolf Ogi: Die Hoffnung stirbt auch beim Ogi zuletzt. Wenn man wie ich dreimal in ein Projekt involviert war und sich mit Herzblut engagiert hat, kann man das nicht ablegen. Wenn es klappen soll, muss man nun alles unternehmen, um Pioniergeist und Engagement nicht schon zu Beginn durch Bedenkenträger und finanzielle Überlegungen ersticken zu lassen.

Spüren Sie die nötige Begeisterung bei Politik und Swiss Olympic?

Ich bin nicht mehr so nahe dran, um das spüren zu können. Tatsache ist, dass es für ein so grosses Projekt ein günstiges Zeitfenster braucht. Dieses Fenster ist nach meiner Einschätzung im Moment halb offen.

Frühere Projekte sind aus unterschiedlichen Gründen gescheitert. Bei Sion 2006 reichte es in der Endauswahl nicht, das Berner Projekt für 2010 scheiterte bereits in einem früheren Stadium am Volk. Was müsste man diesmal anders machen?

Das Berner Projekt war sicher nicht optimal aufgegleist. Die Kandidaturen von Sion für 2002 und 2006 waren hingegen sehr gute Projekte. Wir sind damals daran gescheitert, dass im IOC Dinge gelaufen sind, die nicht in Ordnung waren. Das IOC ist unberechenbar. Ich bin aber überzeugt, dass die Schweiz für 2022 oder 2026 gute Chancen hätte – je nachdem, wo die Spiele 2018 stattfinden.

Sie sagen, das IOC sei unberechenbar. In anderen Worten: Wer nicht zahlen will, hat keine Chance, die Spiele zu bekommen.

Ich bin überzeugt, dass das IOC heute sauberer geführt wird als damals. Es kommt aber darauf an, ob sich die Tendenz fortsetzt, die Winterspiele in Grossstädte wie Turin oder Vancouver oder Sommerkurorte wie Sotschi zu vergeben. Meines Erachtens muss da im IOC ein Umdenkprozess stattfinden. Das IOC muss aufpassen, dass es die Spiele nicht nur als Geldmaschine benützt und der Sport dadurch in den Hintergrund gedrängt wird.

Bei der Euro 08 kam hierzulande weniger Euphorie auf als erhofft. Muss man sich nicht vielleicht eingestehen, dass solche Grossanlässe für die kleine Schweiz eine Nummer zu gross sind?

Wenn man so denkt, muss man keine Olympischen Winterspiele angehen. Zudem ist es völlig falsch, eine Fussball-EM mit Olympischen Spielen zu vergleichen. Wir sind ein klassisches Wintersportland und stehen in einem touristischen Konkurrenzkampf mit andern. Wenn wir die Olympischen Spiele 2022 übernehmen, dann müssen wir die touristische und verkehrspolitische Infrastruktur für das ganze 21.Jahrhundert relativ schnell auf
die Beine stellen. Das ist eine ausserordentliche Herausforderung, würde uns aber in verschiedenster Hinsicht weiterbringen.

Und zwar?

Man kann das nicht in Franken und Rappen beziffern, aber es brächte uns international in eine stärkere Position, das brächte uns Modernität, es brächte uns weiter im Umweltschutz. Wir müssten ein Vorzeigeland werden, wie man grosse Spiele organisieren kann. Unsere Generation sollte der nächsten Generation nicht die Chance verbauen, sich diesen Herausforderungen zu stellen.

Sie finden also, dass ein Ruck durchs Land gehen sollte?

Ich stelle fest, dass wir oft etwas selbstzufrieden sind. Mit dem Neat-Gotthard-Durchschlag haben wir gerade einen Ruck erhalten. Damit machen wir weltweit positive Schlagzeilen.

Welches wäre die richtige Region für die Durchführung von Winterspielen?

Die Begeisterungsfähigkeit einer Region muss vorhanden sein, sonst geht es nicht. Wenn nur die Politiker und Sportfunktionäre dafür sind, aber die Bevölkerung nicht mit Herzblut dabei ist, dann hat man keine Chance. Da war das Wallis bei seinen Kandidaturen beispielhaft. Dort war es schwierig, jemanden zu finden, der dagegen war.

Hat die von Swiss Olympic eingesetzte Arbeitsgruppe mit Ihnen Kontakt aufgenommen?

Nein.

Könnten Sie sich vorstellen, sich nochmals für eine Kandidatur zu engagieren?

Nein, an vorderster Front sicher nicht, dafür bin ich zu alt. Aber ich setze mich dafür ein, dass wir für
die folgende Generation nicht schon heute ein «Njet» entscheiden. Im Leben ist man verantwortlich für das, was man macht, aber auch für das, was man verpasst.

Aber Sie würden Ihre grosse Erfahrung und ihr Know-how bei Bedarf einbringen.

Ja.

Wie erklären Sie sich, dass Sie nicht gefragt wurden?

Ich weiss es nicht.

Am Freitag waren Sie beim Durchstich des Gotthard-Basistunnels dabei. Was war das für Sie für ein Moment?

Es war ein sehr emotionaler Moment. Die Neat ist etwas Tolles – nicht für mich, sondern für unser Land. Das war ein Entscheid des Schweizervolkes, eine mutige Tat, ein solidarischer Akt zum Schutz der Alpen. Man sollte in der Politik nie ein Projekt sich selber zuschreiben.

Sie sprechen von einer mutigen Tat. Glauben Sie, das Volk würde heute einem Bau nochmals zustimmen?

Das Volk hat zum richtigen Zeitpunkt Ja gesagt. Heute könnte der Lötschberg-Ast der Neat wohl nicht mehr gebaut werden. Das Zeitfenster ist momentan zu.

Wie sieht es mit einer zweiten Gotthard-Strassenröhre aus?

Der heutige Strassentunnel muss saniert werden. Eine Sanierung bedeutet, dass man den Tunnel schliessen muss, und das kann man aus staatspolitischen Gründen dem Tessin nicht zumuten. Das Volk hat zu einem zweiten Tunnel zwar Nein gesagt, trotzdem muss man es wohl nochmals mit der Problematik konfrontieren.

Das heisst, Sie sind für eine zweite Röhre?

Das habe ich nicht gesagt. Langfristig gesehen kommt man wahrscheinlich nicht um eine zweite Röhre herum. Damit wäre das Problem einer Schliessung behoben. Eine andere Möglichkeit wäre eine vorübergehende rollende Landstrasse auf der Eisenbahn durch den Gotthard.

Sie hatten auch immer eine grosse Sensibilität für die Romandie, darum die Doppellösung mit Lötschberg und Gotthard. Sind Sie stolz, dass diese Strategie aufging?

Stolz ist ein schwieriges Wort, das falsch interpretiert werden kann. Ich verspüre Genugtuung, dass der Lötschberg ein riesiger Erfolg ist. Heute gehen dort 110 Züge durch, davon 70 Güterzüge. Wenn wir diese Güter auf der Strasse hätten, dann könnten sich die Automobilisten daran gewöhnen, vor allem im Stau zu stehen.

Der Gotthardtunnel steht, aber mit den Anbindungen im Norden und im Süden hapert es. War die Schweiz vielleicht zu schnell?

Diese Frage überrascht mich. Ich habe manchmal das Gefühl – das gilt auch für die Olympia-Debatte –, es fehle heute besonders der begeisternde Blick aufs Ganze, auf die Zukunft. Unsere Strategie lautete: Man muss den Tunnel bauen, und die Zufahrten ergeben sich dann von selbst. Das muss und wird passieren.

Was bringt die Neat der Schweiz in der Europapolitik?

Sie stärkt unsere Position in den bilateralen Verhandlungen. Ich war Bundespräsident 1993, als wir im Dezember 1992 den EWR abgelehnt hatten. Wir konnten unseren Handlungsspielraum behalten, insbesondere, weil das Schweizervolk zur Neat Ja gesagt hatte. Diese Ausgangslage gilt auch heute. Übrigens: Wer die Höhen besitzt, besitzt auch die Kontrolle.

Wo sehen Sie im Bereich Verkehr sonst noch Handlungsbedarf?

Mit dem Durchstich ist noch nichts erledigt. Es braucht flankierende Massnahmen: vielleicht eine neue Schwerverkehrsabgabe, um den Güterverkehr wirklich auf die Schiene zu bringen. Oder sogar eine neue Finöv, um die Lastwagen auf die Schiene zu zwingen. Und es braucht Investitionen bei der Bahn, damit sie auf der Schiene «just in time» liefern können. Das kann heute nur die Strasse anbieten.

Sie sprachen von mangelnder Begeisterungsfähigkeit. Sie waren immer einer, der die Menschen mitreissen konnte. In letzter Zeit ist es aber ruhiger um Sie geworden.

Ich bin nach wie vor sehr begeisterungsfähig, aber ich bin auch 68. Wissen Sie, ich habe meinen Sohn verloren. Das ist die fundamentalste Erschütterung, die man sich überhaupt vorstellen kann. Ich hatte auch zwei Operationen. Ich trete nur noch auf und nehme nur noch Stellung, wenn ich gefragt werde.