Fachkräftemangel
Es braucht mehr Berufsmaturanden – so könnten auch die KMU mitspielen

Der Lehrstellenmangel war gestern – heute dominiert in der Berufsbildung der «Kampf um die Talente». Um die fehlenden Fachkräfte auszubilden, will der Bundesrat die Zahl der Berufsmaturanden erhöhen. Wie soll das gehen?

Doris Kleck
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Selbstkritisch gibt der Bund in einem Bericht zu, dass in der Schweiz eine systematische Förderung von Jugendlichen mit hohem Leistungspotenzial in der Berufsbildung fehlt. Unter anderem, weil der Fokus ganz auf die Integration von schulisch schwachen Jugendlichen in den Arbeitsmarkt gerichtet war. Und weil man dachte, Talentförderung gehöre in die akademische Welt.

Diese Haltung rächt sich: Unternehmen haben zunehmend Mühe, anforderungsreiche Ausbildungsplätze zu besetzen. Die Zukunft sieht nicht besser aus. Einerseits aufgrund der demografischen Entwicklung, andererseits, weil der technologische Fortschritt die Anforderungen in der Berufswelt weiter in die Höhe schrauben wird.

Drei bis vier Prozent mehr

In dieses Bild passt, dass die Quote der Berufsmaturanden nur noch schwach wächst. 2012 erlangten 13,7 Prozent der Lehrabgänger zusätzlich die Berufsmatura. Dabei gilt sie als Erfolgsgeschichte. Durch den prüfungsfreien Zutritt an eine Fachhochschule – oder mit Prüfung an eine Universität oder ETH – hat die Durchlässigkeit des Bildungssystems stark zugenommen. Und vor allem hat sie die Attraktivität der Berufslehre gesteigert. Stehen Unternehmen um die besten Talente in Konkurrenz zu Gymnasien, kann dies ein wesentlicher Faktor sein.

Die Akteure der Berufsbildung wollen deshalb die Berufsmaturität attraktiver machen. «Wir sehen in diesem Bereich Potenzial», sagt Josef Widmer, stellvertretender Direktor des Staatssekretariates für Forschung, Bildung und Innovation (SBFI). Eine Erhöhung der Berufsmaturandenquote um drei bis vier Prozent wäre toll, sagt Widmer. Er sieht darin ein probates Mittel im Kampf gegen den Fachkräftemangel.

Gewerbe Teil des Problems

Heute bestehen zwei Möglichkeiten, die Berufsmatura zu erwerben: entweder während der Lehre (BM1) oder nach dem Abschluss während eines vollen Schuljahres (BM2, siehe Box). Auffällig ist, dass die Beliebtheit der integrierten Berufsmaturität stark zurückgeht. Wählten vor zehn Jahren zwei Drittel die BM1, sind es heute nur noch 45 Prozent. Deshalb wollen die Akteure der Berufsbildung die BM1 stärken.

So kommt man zur Berufsmaturität

Die Berufsmaturität wurde 1994 eingeführt. Sie richtet sich an leistungsfähige Lernende, die zusätzlich zur beruflichen Grundausbildung eine erweiterte Allgemeinbildung anstreben. Wer eine Berufsmatura in der Tasche hat, kann an einer Fachhochschule studieren. Auch der Zugang zu einem Studium an einer Universität oder einer ETH steht offen, allerdings muss dazu eine Prüfung abgelegt werden. Zwei Wege führen zur Berufsmaturität. Entweder macht man sie während der Lehre (BM1) und geht einen Tag mehr pro Woche in die Schule, oder man macht sie nach dem Lehrabschluss und besucht während eines Jahres einen Vollzeitlehrgang (BM2). Derzeit wird die Berufsmatura mit sechs Richtungen angeboten: kaufmännisch, gestalterisch, gewerblich, naturwissenschaftlich und gesundheitlich/sozial. (dk)

Diese Forderung wird auch vom Schweizerischen Gewerbeverband (SGV) unterstützt. Dies erstaunt, weil kleine und mittlere Betriebe als Teil des Problems gelten. Oft lehnen sie es ab, dass Lehrlinge gleichzeitig die Berufsmaturität absolvieren, weil sie wegen des zusätzlichen Schultags zu viel im Unternehmen fehlen würden. SGV-Direktor Hans-Ulrich Bigler hält dieses Argument zwar teilweise für gerechtfertigt, doch es dürfe nicht zu einer generellen Ausrede werden. «Unsere Firmen müssen die Notwendigkeit der BM1 erkennen», sagt er. Ansonsten werde Fachkräftepotenzial verschenkt.

Gesetzliche Pflicht für Betriebe

Nationalrätin Josiane Aubert (SP/VD) will den unwilligen Unternehmen auf gesetzlichem Weg beikommen. In einer Motion fordert sie, dass die Lehrlinge das Recht bekommen, die BM1 machen zu können. Von solch einem Zwang für Unternehmen will der SGV indes nichts wissen. Mehr nach seinem Gusto dürften die Massnahmen sein, die im SBFI angedacht werden. Einerseits soll die Berufsmatur besser bekannt gemacht werden, andererseits soll das Angebot reformiert werden. So könnte sich Widmer vorstellen, dass die Fächer der Berufsmaturität erst im zweiten Lehrjahr unterrichtet werden. Oder dass die Modelle auf die Branchen ausgerichtet werden.

Noch stehen die Diskussionen erst am Anfang. Ein gewichtiges Wort werden ohnehin die Kantone mitreden. Doch beim Bund freut man sich vorerst einmal über das klare Bekenntnis des Gewerbes zur Berufsmaturität.