Endlager
Es betrifft alle und geht alle etwas an

Im abschliessenden dritten Teil unserer Serie zeigen wir auf, wo man in Schweden steht und wohin der Weg führen soll.

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Zwischenlager

Zwischenlager

Aargauer Zeitung

Peter Belart

Der Zeitplan in Schweden ist ehrgeizig. Aber wenn nicht alles täuscht, wird er einzuhalten sein.
Ein Endlager für schwach- und mittelaktiven Abfall ist seit 1988 in Betrieb, ebenso das Zwischenlager für hochaktive Abfälle (seit 1985). 1995 folgte die Inbetriebnahme des Felslabors Äspö in der Nähe des Kernkraftwerks Oskarshamn in einer Tiefe von rund 500 Metern. 2010 will die SKB die notwendigen Unterlagen für eine Baugenehmigung für das Tiefenlager einreichen. Der politische Prozess, die Detailplanung und der eigentliche Bau werden jeweils mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Mit der Inbetriebnahme des Tiefenlagers wird im Jahr 2023 gerechnet.

Absolute Transparenz

All dies wird nicht als «interne Angelegenheit» irgendwelcher Planungs-, Energiewirtschafts- oder Polit-Gremien betrachtet. Es ist ein Unterfangen, das alle betrifft und darum alle angeht. Deshalb läuft der ganze Prozess unter absoluter Transparenz. Wie oben schon erwähnt, werden Fragen, Einwände und Bedenken nicht etwa als unerwünschte und deshalb lästige Störmanöver abgetan, sondern als das betrachtet, was sie sind, nämlich als Ausdruck interessierten Mitdenkens. Sämtliche Erkenntnisse, sämtliche Studien, sämtliche Pläne stehen der Bevölkerung zur Einsichtnahme offen.

Das Felslabor Äspö in Oskarshamn

Wie die Schweiz, so hat auch Schweden ein Felslabor eingerichtet, in dem eine ganze Reihe von Untersuchungen Auskunft geben sollen über die Bedingungen in der originalen geologischen Umgebung. Geforscht wird hier nicht nur von schwedischen Wissenschaftern, sondern von Fachleuten aus einer ganzen Reihe von Partnerstaaten, zu denen auch die Schweiz gehört.
Unter vielen andern Experimenten wird zum Beispiel untersucht, welche Auswirkungen Tiefenbohrungen und -sprengungen auf das Wirtgestein haben. Die hier auftretenden Mikroben werden ebenso erforscht wie eine mögliche Wanderung von Strahlungseinheiten in winzigsten Gesteinsporen. Man will wissen, welchen Einfluss die durch die Stollen einfliessende Luft und die Luftfeuchtigkeit hat. Oder man untersucht, mit welchen Massnahmen ein Stollenverschluss aus Beton absolut dicht gestaltet werden kann, und welche Lagerungsart der Kupferbehälter vorteilhafter ist: horizontal oder vertikal.
Die Schweiz betreibt zwei Felslabore, das Felslabor Grimsel (seit 1984) im Granit der Zentralalpen und das Felslabor Mont Terri (seit 1996) im Opalinuston des Jura bei St-Ursanne. (pbe)

Und sämtliche Anlagen, auch die sensibelsten, können besucht werden. Beispiel: Für den Transport von radioaktiven Stoffen wurde speziell ein Schiff gebaut, die «Sigyn». (Alle schwedischen Nuklearanlagen liegen am Meer.) Die «Sigyn» verkehrt regelmässig mit ihrer heiklen Fracht zwischen Forsmark und Oskarshamn. In den Sommermonaten, während der Ferienzeit, sind die interessierten Schwedinnen und Schweden eingeladen, eine Fahrt mit der «Sigyn» mitzumachen und sich so an Bord selber ein Bild über die speziellen Eigenheiten des Schiffs und der Transporte zu machen.

Schweizer «Fahrplan»

Der Standortentscheid für ein Tiefenlager für hochradioaktive Abfälle wird in den Jahren 2016–2018 erwartet. Es folgen der Bau und der Betrieb eines Felslabors. Die Inbetriebnahme des Tiefenlagers dürfte bis ins Jahr 2040 auf sich warten lassen. Nach dem Lagerbetrieb ist eine «Beobachtungsphase» vorgesehen, die bis etwa 2120 andauern wird. Danach erfolgt der Verschluss des Tiefenlagers. Die entsprechenden Zeiträume für ein Tiefenlager für schwach- und mittelaktive Abfälle sind etwas enger prognostiziert. (Einzelheiten unter www.nagra.ch) (pbe)

Auch das Endlager, das Tiefenlabor und das Zwischenlager für die hochaktiven Abfälle stehen für Besucher offen. Damit verstärkt sich die Überzeugung eines Gemeinschaftswerks, eines gemeinsamen Anliegens, einer gemeinsam zu lösenden Aufgabe. Das Felslabor in Oskarshamn steht übrigens für volksfestähnliche Anlässe zur Verfügung, etwa für Laufsportwettbewerbe oder für Hochzeiten in der Rettungskammer in 500 Metern Tiefe. Inger Abrahamson erklärt: «Es kommt nicht selten vor, dass Menschen, die da unten arbeiten, eine derart intensive Beziehung zu den Kammern und zum Gestein aufbauen, dass sie auch hier heiraten wollen.»

Alles auf einen Blick

Und dann steht die Reisegruppe am Rande eines grossen Bassins, tief unter der Erde: am Zwischenlager, wo all die hochaktiven Abfälle, die während Jahrtausenden so gefährlich strahlen, vorläufig verwahrt werden. Abfälle von gegen fünf Jahrzehnten Forschung und Nutzung der Kernenergie. Mehrere Meter unter Wasser lagern die ausgebrannten Brennstäbe. Hier bauen sich in den ersten 30 Jahren der Lagerung 90% der Radioaktivität ab.

Das Verrückte: Auf einen einzigen Blick lässt sich die ganze Abfallmenge überschauen! Hier sind die Reste von einem halben Jahrhundert Energieerzeugung, die ein Land, das weit grösser ist als die Schweiz und auch deutlich mehr Einwohner hat, mit elektrischem Strom versorgt hat. Eindrücklicher lässt sich die ungeheure Energiemenge, die in der Nukleartechnik auftritt, kaum erahnen, geschweige denn erleben.