Frau Stamm, wie stark beeinflusst der Altersunterschied inner halb einer Klasse die schulischen Leistungen der Kinder?

Margrit Stamm: Der Effekt ist in den letzten Jahren sicher stärker geworden. Der Stichtag für den Kindergarteneintritt wurde nach vorne verschoben. Die jüngsten Kinder sind heute lediglich 4 Jahre und ein paar Wochen alt, wenn sie das erste Mal den Kindergarten besuchen. Sie haben einen Rückstand auf die fast 5-Jährigen.

Wo zeigen sich die Unterschiede?

Nicht zwingend in der intellektuellen Entwicklung, sondern eher in den emotionalen und sozialen Bereichen. Einige haben Mühe mit der neuen Umgebung und den neuen Gspänli.

Wie lässt sich der Alterseffekt abschwächen?

Es gäbe die Möglichkeit, Kinder nicht nur einmal im Jahr einzuschulen. Je nach Alter kommen sie dann im Sommer oder im Winter in den Kindergarten. Auch eine Eingewöhnungsphase wäre denkbar.

Untersuchungen zeigen, dass der Alterseffekt oft über die gesamte Schulzeit bestehen bleibt, manchmal bis ins Gymnasium. Woran liegt das?

Negative Beurteilungen der Lehrpersonen können einen starken Einfluss auf die weitere Entwicklung der Schülerinnen und Schüler haben. Wer früh schon schlecht bewertet wird, verliert schneller das Selbstbewusstsein und das Interesse an der Schule und am Schulstoff.

Trotzdem gibt es Kinder, die von einer frühen Einschulung profitieren.

Natürlich. Eine frühe Einschulung kann positiv sein, denn es gibt auch den umgekehrten Fall: Ein begabtes Kind, das sich langweilt und deshalb wenig Interesse am Unterricht zeigt. Solche Kinder haben vielleicht Mühe mit dem Stillsitzen oder vorgefertigten Abläufen, da-
für sind sie in anderen Bereichen stark. Schulen sollten die Individualität des Kindes akzeptieren und entsprechend handeln.

Worauf können Eltern bei der Einschulung ihrer Kinder achten?

Vor drei bis vier Jahren ging der Trend klar in Richtung, je früher ein Kind zur Schule geht, desto besser. Jetzt zeigt sich eine Gegenbewegung. Eltern sollten sich zwei Fragen stellen. Erstens: Was möchte mein Kind und fühlt es sich bereit? Zweitens: Wie gut können die Lehrpersonen mit den individuellen Bedürfnissen meines Kindes umgehen? Ich persönlich vertrete den Standpunkt, ein Kind eher früh als zu spät einzuschulen.