Erziehung
Erziehungspapst Largo: «Die Familie muss massiv aufgewertet werden»

Der Kinderarzt und Bestsellerautor Remo H. Largo wünscht sich mehr Frauenpower in der Politik und plädiert für Gratiskrippen: «Solange die Gesellschaft nicht bereit ist, umzudenken, bleibt es für Eltern schwierig, Familie und Beruf zu vereinbaren.»

Karen Schärer
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Der Kinderarzt und Buchautor Remo H. Largo

Der Kinderarzt und Buchautor Remo H. Largo

Chris Iseli

Herr Largo, wäre es nicht an der Zeit für einen Titel «Elternjahre»?

Remo Largo: Wenn schon, dann «Seniorenjahre». Wenn ich etwas übers Erwachsenenalter schreiben wollte, müsste ich sehr viel recherchieren. Ich glaube nicht, dass ich das noch schaffe. (Lacht.)

Laut einer nationalen Studie im Auftrag von Pro Juventute fühlen sich zwei Drittel aller Eltern regelmässig überfordert. Was ist los?

Überforderte Eltern hat es immer gegeben. Wenn man bedenkt, dass bis ins 19. Jahrhundert über ein Drittel der Mütter starb, bevor ihre Kinder das Erwachsenenalter erreichten, kann man sich vorstellen, wie schwierig die Erziehung war. Das grosse Problem heute ist, dass man meint, Eltern schaffen alles alleine. Eltern fehlt die notwendige Unterstützung durch andere Bezugspersonen. Vielen macht es immer weniger Freude, Kinder zu haben, weil die Belastung zu gross ist.

Kinder haben ja, wie Sie eben sagten, früher auch nicht immer Freude gemacht.

Aber früher waren Kinder Schicksal. Heute mit der Pille ist es nicht mehr so. Das ergibt eine Reihe von Problemen. Da wäre ein demografisches: Wir haben in der Schweiz ein Geburtendefizit von knapp 30000 Kinder pro Jahr, die nicht geboren werden, weil die jungen Menschen Angst vor der Elternschaft haben. Die fehlenden Arbeitskräfte holen wir dann aus dem Ausland. Ein weiteres Problem ist, dass auch den Kindern Bezugspersonen fehlen: Sie wollen auch andere Vorbilder als ihre Eltern haben.

Plädieren Sie deshalb für ein umfassendes Gratis-Krippenangebot?

Kindertagesstätten erfüllen heute eine Funktion wie die Schule. Sie gehören nicht mehr in den Privatbereich, sondern sind eine Dienstleistung, die die Gesellschaft alimentieren sollte. Wenn Krippen teuer sind, kann nur ein Teil der Bevölkerung sich diese leisten. Viele suchen dann günstigere, oft schlechtere Lösungen. Wer darunter leidet, sind die Kinder. Es gibt aber nicht nur zu wenige Bezugspersonen, sondern auch zu wenig Kinder. Kinder wollen mit anderen Kindern aufwachsen. Sie lernen viel voneinander. Auf dem Land haben Eltern noch mehr Kinder; hier funktioniert der Austausch etwas besser. Aber in den Städten ist das nicht mehr der Fall.

In den Städten gibt es Spielplätze.

Die meisten sind trostlos. Es geht um ein Umfeld, in dem Kinder nicht ständig beaufsichtigt werden müssten. Kinder sind daher viel in der Wohnung und dann ist die Versuchung gross, sie fernsehen oder gamen zu lassen. Einfach, damit sie beschäftigt sind. Die wenigsten Eltern haben die Zeit, nonstop mit ihnen zu spielen.

Gleichzeitig ist der Umgang mit Medien einer der Punkte, bei denen Eltern überfordert sind.

Das sind Pseudodiskussionen. Wir diskutieren endlos, wie schädlich Medien sein könnten. Aber die Realität ist, dass zwei- bis vierjährige Kinder täglich eine Stunde oder mehr vor dem TV sitzen. Es ist sinnlos zu diskutieren, ob das schlimm ist. Die richtige Diskussion wäre: Warum setzen Eltern die Kinder vor den Fernseher? Was gibt es für Alternativen?

Wie könnte man die Mütter oder Väter, die zu Hause sind, entlasten?

Auch die beste Mutter kann andere Kinder nicht ersetzen. Ab dem zweiten Lebensjahr sollten Kinder jeden Tag drei bis vier Stunden mit anderen Kindern spielen können. Das kann eine Mutter nur ausnahmsweise leisten.

Damit sind wir wieder bei Kitas oder Spielgruppen, die diese Funktion erfüllen.

Der Akzent hat sich bei den Krippen in den letzten Jahren verschoben. Bisher betrachtete man sie als Entlastung für Eltern, die arbeiten müssen. Heute ist der Fokus – Politiker haben es nur noch nicht gemerkt – auf der Förderung der Kinder. Einzelkinder, die nicht in die Krippe gehen, entwickeln sich oft weniger gut als Krippenkinder. Mit anderen Worten: Es ist enorm wichtig, was für Erfahrungen die Kinder in der Krippe machen können und wie die Krippe qualitativ ausgestattet ist. Ich vermute, wenn man das wirklich gut machen will für all die Kinder, die es brauchen, und es qualitativ eine gute Betreuung ist, dann kostet es etwa zwei Milliarden Franken pro Jahr. Jetzt ist einfach die Frage: Ist die Gesellschaft bereit, das zu bezahlen, oder kauft sie lieber Kampfjets?

Das müsste eigentlich eine rhetorische Frage sein.

Leider nicht. Es tönt zynisch, wenn man das so sagt, aber es ist wirklich so.

Die erwähnte Studie zeigte auch auf, dass heute doppelt so viele Eltern Probleme mit der Erziehung bekunden wie vor 15 Jahren. Woran liegt das?

In Bezug auf die Erziehung erleben wir eine eigentliche Zäsur. Bis in die 60er-Jahre hinein hatten wir die Erziehung vom Mann vorgegeben, autoritär und oft repressiv. Man ging davon aus, dass Kinder nur gehorchen, weil sie Strafe befürchten. Seit einigen Jahrzehnten wird nun auf der Grundannahme erzogen: Wenn ich zum Kind eine gute Beziehung habe, dann gehorcht es. Doch was, wenn die Beziehung – vor allem aus Zeitmangel – nicht gut ist? In der Schweiz beschäftigen sich Väter rund 20 Minuten pro Tag mit ihrem Kind, wenn man die Mahlzeiten abzieht. Reicht das für eine gute Beziehung? Dann wird das Erziehen aufwändig. Fehlen Zeit und Beziehung, werden die Eltern entweder repressiv oder verwöhnen die Kinder.

Wie ist es bei arbeitenden Müttern?

Sie kommen besonders unter Druck. Und es zieht weitere Kreise: Wenn die Beziehung zwischen Lehrkraft und Kind in der Schule ungenügend ist, wird es zu Hause noch schwieriger. Wenn die Krippe nicht gut ist, ist der Anspruch des Kindes an die Eltern noch höher. Das ist alles miteinander verknüpft.

Umgekehrt entlastet eine gute Beziehung in der Schule oder Kita die Eltern?

Das ist so. Darum finde ich eine gute Beziehungsqualität – überall – so enorm wichtig.

Hat die Verunsicherung der Eltern auch damit zu tun, dass sie nicht wissen, wie sie ihre eigenen Rollen gestalten wollen?

Solange die Gesellschaft nicht bereit ist, umzudenken, bleibt es für Eltern schwierig, Familie und Beruf zu vereinbaren. Heute herrscht in der Gesellschaft immer noch die Meinung vor, dass Arbeit prioritär ist, auch wenn es auf Kosten der Familie, der Kinder geht. Wir können so weitermachen, dann wird es immer weniger Kinder geben. Die fehlende Verfügbarkeit der Väter ist eine der Hauptgründe für die hohe Scheidungsquote. Viele Mütter erwarten, dass die Kinder gemeinsam erzogen werden.

Das ist aber nicht mehr nur eine private Angelegenheit, sondern die Aufgabe der Gesellschaft, hier bessere Rahmenbedingungen zu schaffen?

Familie und Kinder müssen massiv aufgewertet werden. Das geht meines Erachtens nur über eine Frauen- oder Familienpartei, in der die Frauen die Verantwortung übernehmen. Bis jetzt haben sich Frauen gescheut, diese politische Aufgabe auf sich zu nehmen. Doch es brodelt. Immer mehr Frauen schaffen den Spagat zwischen Familie und Beruf nicht mehr. 40 Prozent der Akademikerinnen haben keine Kinder.

Was halten Sie von der neuen Männer- und Väterbewegung? Die kämpfen ja um echte Gleichstellung in der Familie.

Diese Männer haben sehr berechtigte Anliegen, aber sie stehen quer in der Landschaft. Die Mehrheit der Politiker in unserer Gesellschaft hat kein Gehör für ihre Anliegen.

Was für ein Vater waren Sie selbst? Sie mussten als Arzt und Wissenschafter sicher viel arbeiten.

Ich war sehr privilegiert. In den USA wie hier am Kinderspital konnte ich immer frei arbeiten. Schon früh machte ich keinen Nacht- und Wochenenddienst mehr.

Damals war es noch kein Thema, sich die Kinderbetreuung partnerschaftlich zu teilen.

Es gab Phasen, in denen ich aus verschiedenen Gründen alleine für meine Kinder sorgte.

Sind Sie ein engagierter Grossvater?

Gerade eben waren meine beiden jüngeren Enkel ein paar Tage bei uns. Ich würde meinen, meine Frau hat etwa 60 Prozent, ich 40 Prozent der Betreuung geleistet.

Sie sind mehr der Typus Spielkamerad als der autoritäre Grossvater?

Das Autoritäre liegt mir nicht. Das kommt auch aus meiner Arbeit heraus. In den USA tat ich einmal zwei Jahre lang nichts anderes, als Kindern beim Spielen zuzuschauen. Das ist ein wenig speziell, ich weiss.

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