Personalpolitik

Erwerbstätige Eltern: Jetzt geht ausgerechnet der Bund mit schlechtem Beispiel voran

Frauen sollen ins Büro statt auf den Spielplatz.Keystone

Frauen sollen ins Büro statt auf den Spielplatz.Keystone

Der Bund streicht den Beitrag für die Familienberatungsstelle, nachdem er bekannt gegeben hatte, erwerbstätige Eltern zu unterstützen.

In der Schweiz fehlen die Fachkräfte. Vor allem gut qualifizierte Mütter sollen diesen Mangel beheben. Statt mit den Kindern auf den Spielplatz, sollen sie möglichst hochprozentig zur Arbeit gehen. Mit der Fachkräfteinitiative will Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann helfen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Mehrere Spitzentreffen fanden bereits statt, ein Haufen Papier wurde produziert, ohne dass viel Zählbares herausgekommen wäre.

Bund ist der grösste Kunde

Schlimmer noch: Statt mit gutem, geht der Bund nun mit schlechtem Beispiel voran. Er kündigte Ende Juni seine Mitgliedschaft bei Profawo – just am Tag, nachdem er bekannt gegeben hatte, 100 Millionen Franken für erwerbstätige Eltern zu investieren. Der 1996 gegründete Verein ist gewissermassen die Essenz der Fachkräfteinitiative. Er berät Bundesangestellte bei Vereinbarkeitskonflikten, vermittelt Nannys, bietet Ferienbetreuung für Kinder an und betreibt schweizweit 20 Kitas. Mitglied der Non-Profit-Organisation sind rund 180 Unternehmen. Sie zahlen einen jährlichen Beitrag. Im Gegenzug dürfen ihre Angestellten die Profawo-Dienstleistungen gratis nutzen. Der Zuschuss des Bundes belief sich auf jährlich 80 000 Franken.

«Der Bund ist einer unserer grössten Kunden. Sein Wegfall schmerzt», sagt Profawo-Geschäftsführerin Sandra Gurtner-Oesch. Hinter der Kündigung steckt das Finanzdepartement von SVP-Bundesrat Ueli Maurer. Die Begründung: Das Angebot von Profawo werde von den Angestellten zu wenig genutzt. «Damit entsteht ein schlechtes Kosten-Nutzen-Verhältnis, das uns zum Handeln zwingt», sagt Anand Jagtap vom Eidgenössischen Personalamt (EPA). Es sei daher «folgerichtig, die finanziellen Mittel anderweitig einzusetzen».

Pikant: Stefan Brupbacher, Generalsekretär von Schneider-Ammanns Wirtschaftsdepartement, protestierte beim EPA gegen die Kündigung. Jagtap bestätigt den Eingang des Schreibens. Man habe Brupbacher in der Folge dargelegt, dass das EPA «selbstverständlich» die Bemühungen der Fachkräfteinitiative unterstütze. Die Kündigung bedeute keineswegs eine Änderung bei der Personalpolitik. Doch «das Businessmodell von Profawo entspricht nicht mehr unseren Bedürfnissen», so Jagtap.

Gurtner-Oesch bestreitet das: «Im Jahresendgespräch 2015 hat sich die zuständige Person im EPA mit unseren Dienstleistungen sehr zufrieden gezeigt.» Es habe geheissen, die Ganzheitlichkeit der Profawo-Dienstleistungen entspreche der Nachfrage beim Bund – so etwa die Suche nach Lösungen, wenn Angestellte ihre kranken Angehörigen pflegen müssen. Zwar habe sich das EPA Ende 2015 enttäuscht gezeigt über die geringe Zahl der Erstkontakte, «uns aber zugesichert, für unsere Angebote intern stärker zu werben», sagt Gurtner-Oesch. 2015 kontaktierten 247 Bundesangestellte Profawo zum ersten Mal.

Wie stark die Dienstleistungen von den Mitarbeitern des Bundes genutzt werden, hängt offenbar stark davon ab, wie gut die Personalverantwortlichen über das Angebot informieren. So meldeten sich fast zweimal mehr Mitarbeiter aus dem Wirtschaftsdepartement (WBF) bei Profawo als aus dem ungleich grösseren Umweltdepartement (Uvek).

Kathrin Bertschy, GLP-Nationalrätin und Co-Präsidentin der Frauenorganisation Alliance F, kritisiert die Kündigung der Profawo-Mitgliedschaft durch den Bund: «Der Bund hat eine Vorbildfunktion. Die Kündigung ist ein Zeichen in die falsche Richtung», sagt sie. Man könne nicht dauernd Spitzentreffen einberufen und beteuern, wie wichtig einem ein Thema sei, um danach widersprüchlich zu handeln. Fortan will der Bund seine Angestellten selber beraten. Das ist nicht besser, aber billiger.

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