Lustig, lustig - das findet jedenfalls der fünfjährige Milo. Er hüpft im Pyjama auf seinem Bett herum. Seine Mutter ist aber nicht in Spiellaune. Der Kindergärtler müsste längst aus dem Haus sein, sie selbst hat in Kürze einen Termin. Sie bittet ihn, sich nun endlich anzuziehen. Bietet sogar Hilfe an, obwohl er längst fähig ist, sich anzukleiden. In ihr kocht es. Sie wird lauter.

«Viele Mütter rufen mitten in einer solchen Situation unter Druck beim Elternnotruf an», sagt Geschäftsführer Peter Sumpf. «Sie sind an einem Schmerzenspunkt, kurz bevor es sie ‹verjagt›.» Schon der Griff zum Telefonhörer kann eine Eskalation verhindern, denn das schafft Distanz. Am Telefon zeigen die Beraterinnen und Berater Techniken auf, mit trotzenden Kleinkindern umzugehen – und sie vermögen die subjektiv als schlimm erlebte Situation zu relativieren, indem sie erklären, dass das Verhalten des Kindes in seine Entwicklung passt.

Gewalt gegen Eltern

Der Elternnotruf verzeichnet Jahr für Jahr mehr Anrufe (siehe Box).

Diese Tatsache war dem Elternnotruf selbst ein Ausrufezeichen wert: «Zahl der Ratsuchenden wiederum gestiegen!» übertitelte der Verein ein Begleitschreiben zum Jahresbericht 2011. Doch Peter Sumpf relativiert: «Mehr Nutzung des Beratungsangebots heisst nicht zwingend mehr Drama in der Erziehung», sagt er. Die Zunahme hänge auch damit zusammen, dass die Leute das Angebot besser kennen und die Hemmschwelle, Beratung in Anspruch zu nehmen, gesunken sei.

Häufig kreisen Fragen der Anrufenden um Unsicherheiten in Bezug auf Babys, oder Eltern suchen Rat, wie sie mit Trotz und Widerstand von Vorschulkindern umgehen sollen. Ein dritter Themenkreis betrifft Jugendliche, die Grenzen überschreiten, respektlos auftreten, ihre Eltern psychisch oder physisch misshandeln. «Diese Jugendlichen stellen die Machtsituation auf den Kopf und verhalten sich ihren Eltern gegenüber höchst despektierlich. Sie bezeichnen Mütter etwa als ‹Schlampe› oder fordern den Vater auf, sich ‹zu verpissen›.»

Zwischen 2006 und 2010 stiegen die Fälle von Gewalt gegen die Eltern jährlich an. 2011 erfassten die Berater erstmals weniger Fälle. Diese «Wende» sei aber mit Vorsicht zu geniessen, sagt Sumpf. Das Erfassungssystem lasse einen Interpretationsspielraum zu, der bei der begrenzten Anzahl von Fällen einen gewissen Unterschied ausmachen könne. «Meine ‹gefühlte Wahrheit› ist, dass Gewalt von Kindern und Jugendlichen gegen ihre Eltern in der Telefonberatung nach wie vor aktuell und häufig ist», sagt Sumpf.

Konkurrenz durch Pro Juventute?

Mit dem Eltern Club Schweiz, den Pro Juventute vor einem Monat ins Leben gerufen hat, gibt es nun ein weiteres, allerdings kostenpflichtiges Beratungsangebot für Eltern. Bei Pro Juventute sieht man sich nicht als Konkurrenz zum Elternnotruf: «Wir sind überzeugt: Kinder und Familien sind die Zukunft unseres Landes. Und sie haben Unterstützung verdient – in allen Formen, über verschiedene Organisationen. Der Elternnotruf macht hier eine wichtige Arbeit. Zu viel Unterstützung kann es da nicht geben», sagt Direktor Stephan Oetiker.

Peter Sumpf hingegen sagt: «Ob der Eltern Club Schweiz eine Konkurrenz zum Elternnotruf ist, sehen wir dann.» Eine Zusammenarbeit existiert jedenfalls bereits: Im Auftrag von Pro Juventute erbringt der Elternnotruf vor allem nachts Beratungsdienstleistungen für den Eltern Club Schweiz.